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00:19 02.07.2017
Theater und Musik im Altenheim: Eléna Weiß, Simone Cohn-Vossen, Michael Hinze, Barbara Trommer, Armin Zarbock, Matthias Hummitzsch (v. l.). Quelle: Foto: André Kempner
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Leipzig

Der Tod sitzt von Anfang an mit auf der Bühne. Man weiß bloß nicht, ob er „Banane oder Erdbeer“ bestellen würde, fragte ihn Schwester Dolores nach dem Frühstücks-Joghurt – so wie alle anderen Bewohner des Seniorenheims; an jedem verdammten Morgen, mit festgefrorener Freud- und Teilnahmslosigkeit. Eine von vielen Wiederholungstaten zu Beginn von „Rollator und Julia“, die illustrieren: Hier muss man nicht erst sterben, um tot zu sein. Das gilt sogar fürs junge Personal – und ändert sich schlaganfallartig, als ein unerwarteter Gast auftaucht. – Am Mittwoch feierte die neue Sommertheater-Produktion der Inselbühne im Hof der Moritzbastei Premiere. Und die Prognose, dass dieser Wurf eine Erfolgsgeschichte werden dürfte, scheint todsicher.

Natürlich ist auch das ein Ritual und somit eine Nicht-Überraschung: Der Name Volker Insel steht sommers für Theater auf dem Theater, ein Stück im Stück. Stets mit reizvoller Handlungsfolie und spannendem Personal – in diesem Jahrgang ganz besonders, denn für „Rollator und Julia“ holt der Regisseur drei frühere Granden des Leipziger Schauspiels auf die Bühne: Barbara Trommer (70), Matthias Hummitzsch (68) und Friedhelm Eberle (81) stieren, rollen, grummeln und alzheimern ebenso vor sich hin wie Gitti (Simone Cohn-Vossen), betreut von der desillusionierten Dolores (Eléna Weiß) und dem Überstunden-geplagten Pfleger Martin (Michael Hinze).

Bald kristallisieren sich Macken, Defizite und Malaisen der Alten heraus. Zum Beispiel beim einstigen Obsthändler Carl-Heinz Oberländer (Hummitzsch spielt ihn grandios): Nur die Demenz hält ihn seit Jahren in dem Glauben, seine Tochter würde ihn bald hier raus holen. Komisch und tragisch, wie tragisch und komisch das ist. Die geriatrische Lethargie wird aufgemischt von Gauner Harry Kokoschka (wieder herrlich: Armin Zarbock). Auf der Flucht vor mafiösen Geldeintreibern steht er plötzlich in der Tür, täuscht einen Schlaganfall vor und bekommt dank einer Verwechslung sein Zimmer. Retten will er sich, indem er die 5000 Euro Preisgeld einstreicht, die für ein Seniorentheaterprojekt ausgeschrieben sind.

In die gemeinsame Stückentwicklung hat das Insel-Team Running Gags und Wechsel zwischen purer Komik, Bösartigkeit und Melancholie gestreut, wenn die Anwesenden „Romeo und Julia“ proben. Da sprießen Eitelkeiten und brechen Gefühle die bisherige Tristesse auf, unter den jungen Pflegern wie auch den Senioren. Jeder bekommt hier seinen Monolog, räsoniert über die wilde eigene Jugend, sexuelle Obsessionen, selbstgemachte Sülze, verletztes Vertrauen oder doppeldeutig über frische und alte Pflaumen. Der Eine trägt Windelhose, die Andere Verbitterung, Kokoschka die Verantwortung. Doch auch er kann ein dem Rahmen nahe liegendes Ereignis nicht verhindern ...

In „Rollator und Julia“ blitzen mehrfach große komödiantische Momente auf; die richtig umwerfenden Turbulenzen, die einen in anderen Produktionen ungläubig den Kopf haben schütteln lassen, fehlen jedoch. Dass ausgerechnet der demente Oberländer den Text aller Figuren drauf hat, funktioniert als sarkastisch-ironische Note. Dass sein anfängliches eruptives Kreischen („Hat’s grad geklingelt?“) als Markenzeichen später ausbleibt, ist dagegen eher Unachtsamkeit.

Nichtsdestotrotz ein leichtfüßiges, unterhaltsames Vergnügen mit starken Darstellern, lockeren musikalischen Episoden (Hinze), einer dramatischen Rentner-Kampfszene à la Paris gegen Romeo – Krücke kontra Stock – und einem berührenden, bejahenden Schluss. Letztlich ist es das Wissen um den Tod, das dem Leben seinen Wert gibt.

Weitere Vorstellungen Freitag & Samstag, 4. bis 8. & 11. bis 16. Juli, 20 Uhr, Innenhof der MB, bei schlechtem Wetter drinnen. Karten über www.moritzbastei.de.

Von Mark Daniel

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