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Großer Abend mit Rebekka Bakken im Haus Auensee: Stochern im Bodensatz der Seele

Großer Abend mit Rebekka Bakken im Haus Auensee: Stochern im Bodensatz der Seele

Rebekka Bakken hat sich mit ihrem letzten Album "Little Drop of Poison" zwischen alle Stühle gesetzt: Ihre Fans hätten sie lieber weiterhin an der selbst gezogenen Singer-Songwriter-Grenze zwischen Jazz und Pop gesehen; die des einzigartigen Tom Waits wussten sowieso nie so recht, was eine norwegische Elfe an den schmutzig ausgefransten Enden des Lebens zu suchen hat.

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Eine Elfe auf den Spuren des Orpheus der gestrandeten Großstädter: Rebekka Bakken singt Tom Waits.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Überhaupt: Waits ist Waits, den kann, den darf man nicht covern. Tut Bakken in eigentlichen Sinne auch nicht. Dennoch: Im Studio und folglich auch auf Tonträger klingen ihre merkwürdig verstellte Stimme, die aufgesetzte Exaltiertheit, der kokett aufgetragene Schmutz wenig überzeugend.

Doch auf der Bühne gelten andere Gesetze. Am Samstagabend war Rebekka Bakken mit dem Waits-Programm im bestuhlten und proppevollen Haus Auensee - und es wurde ein großer Abend.

Seit Anfang 2013 ist die Schöne aus dem Norden mittlerweile auf den Spuren des Orpheus der einsamen, der gescheiterten, der verzweifelten Großstadt-Existenzen unterwegs. Und verglichen mit dem Album scheint es nun im Rahmen der bereits zweiten Tour damit, als hätte sie in der Zwischenzeit ein Praktikum in der Gosse absolviert. Die Schönheit ihrer Stimme lässt Bakken meist daheim, derweil sie Tom Waits folgt durch die splitternden Walzer (Please Call Me, Baby), den schorfigen Blues (Christmas Card From a Hooker in Minneapolis), den doppelbödigen Choral (I Wish I Was In New Orleans), den bedrohlichen Tango (Little Drop of Poison), das trotzige Up-Tempo (Every Thing Goes To Hell) oder gar in die verrätselte Entäußerung hysterischen Wahns (What's He Building?).

Sie röhrt und grunzt und kreischt und keift, sie kaut die Silben, zerrt bis zur Schmerzgrenze an der Intonation - und klingt dabei, obschon doch eigentlich alles ganz anders ist, als man es von ihr gewohnt ist, viel mehr nach Bakken als auf dem Album. Weil man ihr nun endlich glaubt, was sie da zu erzählen hat vom Stochern im Bodensatz der Seele.

Dabei begleitet sie Jörg Achim Kellers fabelhafte hr-Bigband aus Frankfurt. Nein, eigentlich liegen die Gewicht andersherum. Denn es war keineswegs so, dass Frau Bakken einstmals einsam am Fjord saß, bei sich denkend, sie könne ja mal ein wenig Tom Waits singen. Vielmehr hatte Keller seine fertigen Waits-Arrangements in der Schublade und machte sich auf die Suche nach der geeigneten Stimme für diese Ausflüge in unbekanntes Terrain. Dabei kam er auf die Bakken. Mittlerweile zeigt sich, dass dies eine grandiose Eingebung war. Siehe oben.

Dass die öffentlich-rechtliche Bigband vom Main eine fabelhafte Kapelle ist, muss eigentlich nicht weiter erwähnt werden: Präzision, Swing, Groove, Virtuosität im Satz wie solistisch auf unanfechtbarem Weltniveau. Wobei einzuschränken ist, dass es professionelle Ensembles dieser Art weltweit kaum noch gibt. Sie rechnen sich nicht mehr. Insofern ist der Hessische Rundfunk kaum laut genug zu lobpreisen, dass er sich zu seiner kulturellen Verantwortung bekennt und an diesem Klangkörper festhält. Und weil er nicht die einzige ARD-Anstalt ist, die es so hält, ist Deutschland mittlerweile das Mekka der professionellen Bigband-Szene, kommen die Besten der Welt hierher, um fett besetzt gemeinsam zu musizieren.

Dennoch steht das Genre unter fortwährendem Rechtfertigungsdruck. Und in diesem Zusammenhang ist Kellers Bakken-singt-Waits-Projekt eine Art Befreiungsschlag. Denn es zeigt in kostbar gewirkten und schmutzigen Arrangements, wozu die gute alte Tante Bigband auch heute noch in der Lage ist. Weich kann sie schmeicheln wie ein hochfloriger Teppich. Sie kann kakophon verstören, bis die Nackenhaare sich sträuben, kann mit unentrinnbarer Kraft dem Publikum so tief in die Glieder fahren, dass Stillsitzen unmöglich ist. Sie kann funkeln und wispern und fauchen und brüllen - und sie öffnet den Horizont immer wieder für großartige Solos. Für Axel Schlosser, der in "Downtown" die Sterne vom Himmel trompetet, für Tony Lakatos und Heinz-Dieter Sauerborn an der Saxophon-Batterie, für die saftig-satten Posaunen, die poetische Querflöte und und und.

Immer wieder fällt Rebekka Bakken den Musikern nach solistischen Großtaten um den Hals, und immer wieder betont sie, dass es eine Ehre für sie sei, mit diesen fantastischen Musikern arbeiten zu dürfen. Genau. Enthemmter Jubel im Saal.

MDR-Figaro überträgt den Mitschnitt des Konzerts heute ab 20.05

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 24.11.2014

Peter Korfmacher

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