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Großer Rausch mit kleinen Mitteln: "Der futurologische Kongress" in der Moritzbastei

Großer Rausch mit kleinen Mitteln: "Der futurologische Kongress" in der Moritzbastei

Als "Weltall-Münchhausen" wird Raumpilot Ijon Tichy häufig treffend beschrieben. Was die kultige Romanfigur von Science-Fiction-Legende Stanislaw Lem auf seinen Reisen durch den Orbit alles erlebt, ist sogar im Literaturkosmos etwas zu skurril, um wahr zu sein.

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Realität oder Halluzination? Ijon Tichy (Dirk Baum) und Professor Trottelreiner (Wilfried Reach) beginnen zu zweifeln.

Quelle: Tom SchulzeTdJW

Oder? Die Frage nach Realität und Fiktion spielt auch im Roman "Der futurologische Kongress", den Christian Georg Fuchs jetzt für die Leipziger Theaterbühne sehr erfrischend adaptiert hat, eine wesentliche Rolle. Zur Premiere am Donnerstag drängten sich die Besucher dicht an dicht in der Moritzbastei.

Nach "Freudianisch-philosophischen Kasperlstücken" und "Siegfried - Götterschweiß und Heldenblut" ist "Der futurologische Kongress" bereits die dritte Koproduktion der Moritzbastei und des Theaters der Jungen Welt, die Puppenspiel und Schauspiel verbindet. Mit Stanislaw Lems Dystopie hat sich Regisseur Fuchs dieses Mal einen optisch schwer umsetzbaren Stoff ausgesucht.

Raumpilot Tichy bemerkt beim futurologischen Kongress nämlich glücklich machende Chemikalien im Trinkwasser, als draußen ein Bürgerkrieg eskaliert und ihn zur Flucht in die Kanalisation zwingt. Mit Kollege Professor Trottelreiner wartet er auf Rettung, doch die in der Luft freigesetzten Giftstoffe benebeln Tichys Sinne. Bei seinen halluzinogenen Erlebnissen wird er schließlich so schwer verletzt, dass man beschließt, ihn einzufrieren.

Doch 65 Jahre später sieht die Welt nicht besser aus: Für jedes Bedürfnis gibt es die passende Pille, sogenannte Maskone vertuschen die Wirklichkeit. Als Tichy ein Gegenmittel nimmt, gerät er in Konflikt mit der Obrigkeit, erwacht aber letztlich wieder in der Kanalisation. Waren alles nur Wahnvorstellungen des Raumpiloten oder ein gar nicht so unwahrscheinlicher Blick in eine düstere Zukunft?

Der durchaus vorhandene hintersinnige Bezug der Geschichte zu aktuellen Entwicklungen steht bei Fuchs' Inszenierung eher im Hintergrund. Hier haben die skurrilen Ideen und der Wortwitz der Vorlage ihren großen Auftritt. Man reist mit Tichy durch Raum und Zeit, vom Luxushotel in die Kanalisation, vom Endzeitszenario zum halluzinierten Paradies, vom Fernsehstudio ins ewige Eis - und davon sieht man eigentlich nichts. Doch die liebevolle Umsetzung macht es der eigenen Fantasie leicht.

Live-Videoübertragungen einzubinden, ist der so simple wie geniale Clou des Stücks und erweitert die Spielfläche der sonst schmucklosen Plastikwand auf der Bühne um beliebig viele Ebenen. Die drei handgefertigten Puppen, optisch ihren Darstellern nachempfunden, und die enorme Spielfreude der Menschen dahinter machen "Der futurologische Kongress" zu einem großen Spaß. Zum Glück sind Mensch und Puppe hin und wieder gleichzeitig in Aktion zu sehen! Besonders Wilfried Reach als kauziger Professor Trottelreiner erntet mit reichlich Lokalkolorit die meisten Lacher.

Das Publikum wechselt aber erst von amüsiertem Glucksen zu schallendem Gelächter, als "Der futurologische Kongress" das Puppentheater selbst in einer bissigen Kasperle-Sequenz parodiert. Mit purer boshafter Albernheit demonstrieren ein sadistischer Kasper und seine leidtragende Oma, wie es in der Zukunft so vor sich geht, stilecht mit "Seid ihr alle daaa?"-Begrüßung und "Ba-Dumm-Tss"-Tusch bei schlechten Witzen. Leichte Kost ist dieser benebelte Trip nicht, aber die moderne Inszenierung entschädigt für verwirrende Storybögen. So vergnüglich darf die Theater-Zukunft werden.

"Der futurologische Kongress" wieder am 24. Oktober sowie 19./20. November, jeweils 20 Uhr, in der Moritzbastei (Universitätsstraße 9), Karten für 12/6 Euro: 0341 4866016

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 25.10.2014
Friederike Ostwald

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