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Harmonie und Rhythmus: Krautrock-Legende Michael Rother gastiert im UT

Konzert Harmonie und Rhythmus: Krautrock-Legende Michael Rother gastiert im UT

Krautrock ist neuerdings wieder schwer angesagt. Vor allem unter Bescheidwissern. Mit Michael Rother wird am Samstag im UT Connewitz kein Geringerer als eine Krautrock-Legende zu erleben sein. Seine Bands Neu! und Harmonia beeinflussten Künstler wie Brian Eno und David Bowie bis hin zu Herbert Grönemeyer und Blur.

Schrieb mit seinen Bands Neu! und Harmonia in den Siebzigern Krautrock-Geschichte: Michael Rother, 65. Überdies gehörte er 1971 auch mal kurz zu Kraftwerk.

Quelle: Random Records

Leipzig. „Love is the greatest thing“, jubilierte Damon Albarn auf dem ausufernden Gospelstück „Tender“, das er mit seiner Band Blur 1999 veröffentlichte. Es war die erste Single aus dem mit zwiespältiger Spannung erwarteten Album „13“, mit dem sich das Jahrzehnt des Britpop dem Ende zuneigte – schon lange fühl- und nun auch überdeutlich nachhörbar. Jetzt brach sich das ganz große Gefühl elegisch Bahn. Auf Deutsch hätte man kalauern können: „Flammende Herzen“. Und läge damit sogar absolut richtig. Denn die eröffnenden Gitarrenklänge und die ganze Stimmung des Songs sind nichts anderes als eine – nennen wir es freundlicherweise – Hommage an (sic) „Flammende Herzen“ von Michael Rother. Natürlich weiß das bis heute kaum jemand, nicht mal der englische Wikipedia-Eintrag gibt Hinweise, obwohl gerade die britische Musikszene jene ist, die den praktisch einzigen wirklichen Beitrag der Deutschen zur Popkulturgeschichte jemals wirklich geschätzt hat.

„Krautrock“ hat seit seiner hohen Zeit in den frühen Siebzigern einen festen Nischen-Platz im Bewusstsein britischer Musiker und Fans, allen voran beim vormaligen Roxy-Music-Mitstreiter Brian Eno, der sich später als „Erfinder“ vom Ambient noch mal einen Namen machte – auch der ohne die vorherige Zusammenführung von psychedelischer Exploitation mit teutonischer Schlagwerkzeugpräzision und deutscher Toningenieurskunst im Krautrock schwer vorstellbar. (Und ja, er infizierte nebenher auch David Bowie, dessen gerade heute legendäre Berlin-Albumtrilogie maßgeblich krautete.) Nachhören lässt sich das Schaffen der kurzen Ära heute – im Spotify-Zeitalter – recht problemlos. Vorher war Krautrock ein brutales Sammler-Mysterium, im Herkunftsland auf ein paar mehr oder weniger obskure Bootleg-Mailorder und Plattenbörsen verbannt. Wo sonst sollte man die Platten all der Amon Düül, Faust, Cluster, Ash Ra Tempel und Popol Vuh herbekommen? Oder eben Neu!?

Eine Musik, die noch heute umfassend gilt

Gerade mal gut zwei Stunden umfasst das eigentliche Kernwerk von Neu!, der in der Krautrock-Welthauptstadt Düsseldorf gegründeten Band um Michael Rother, Klaus Dinger und ihren Produzenten Conny Plank. Es fallen einem wenige Beispiele für eine Musik der siebziger Jahre ein, die man heute noch als in der gleichen Weise umfassend geltend bezeichnen darf: die Vorwegnahme der kühlen repetitiven Rhythmusstruktur, das Sichtreibenlassen im weniger musikalisch als atmosphärisch agierenden Sound, das Experimentieren mit elektronischen Mitteln, die teils abrupten Brüche und Dissonanzen und der nur im Gesamtwerk erschließbare übergreifende harmonische Kontext.

Blöd nur, dass Rother und Dinger nur im Studio halbwegs miteinander auskamen, nicht jedoch auf der Bühne oder gar irgendwie privat. Nur mit Mühe und Not (und ordentlich Geld in der Hand) konnte Neu!-Fan Herbert Grönemeyer zur Jahrtausendwende eine Neuauflage der lange vergriffenen drei Ursprungs- Alben initiieren. Da waren die beiden Streithähne schon lange getrennte Wege gegangen, vor einigen Jahren starb Dinger schließlich. Rother öffnete nach Neu! mit der Krautrock-Supergroup Harmonia die Tür zum ewigen Popkultur-Insider-Ruhm noch ein gutes Stück weiter und besann sich später mit seinen Solowerken (siehe oben) vor allem auf die pure Macht der vollendeten musikalischen Schönheit.

Heute, in Zeiten allumfassender popmusikalischer Schwanzvergleichswisserei ist Krautrock natürlich wieder schwer angesagt, die Legionen alternativer Post- und Mathrock-Fans haben sich bis zur Quelle vorgearbeitet (oder sagen wir: bis zur ersten offensichtlichen Quelle). Die alten Herren (es sind ausschließlich Männer, der feministische Part der Popkultur wurde nicht in Deutschland erfunden) werden mehr gewürdigt denn je. Und selten passte eine Bühne besser als die des UT Connewitz, dessen unbezahlbarer maroder Charme bestens zum instrumentalen Retromania-Höhenflug der Geheimtipp-Klassiker passt: Werke von Neu!, Harmonia und Michael Rother solo kommen zur Aufführung. Vielleicht auch „Flammende Herzen“.

Michael Rother, Vorprogramm: Niklas Kraft, DJs: Judith Crasser & Steffen Bennemann, Samstag, 21 Uhr, UT Connewitz (Wolfgang-Heinze-Straße 12a), Vorverkauf 19 Euro

Von Jörg Augsburg

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