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Hauptsache unentschieden: Die Gruppe Nobiling zerpflückt im Lofft Kollektivutopien

Werkstatt-Premiere Hauptsache unentschieden: Die Gruppe Nobiling zerpflückt im Lofft Kollektivutopien

Lebensentwürfe auf der Theaterbühne: In der Performance „Kannst du dich nicht endlich mal verbindlich entscheiden“ erzählen die Theatermacher des jungen Kollektivs Nobiling vom Leben, Arbeiten, Streiten und Träumen im Kollektiv.

Keine WG, sondern ein Kollektiv – und eine Performance: Die Gruppe Nobiling im Lofft.

Quelle: Thomas Puschmann

Leipzig. „Das stärkste ist der Anfang.“ Die erste Idee fühlt sich immer am besten an, danach wird meist alles nur noch zerredet. Mit diesen ersten Sätzen und Gedanken sind sowohl das Thema der aktuellen Werkstattperformance des Lofft als auch die Performance selbst eigentlich auserzählt. In „Kannst du dich nicht endlich mal verbindlich entscheiden“ erzählen die Theatermacher des jungen Kollektivs Nobiling vom Leben, Arbeiten, Streiten und Träumen im Kollektiv.

Aus der Insiderperspektive liefern fünf Performer/innen gemischte Geschichten aus diversen pseudokommunistischen Neo-Hippieträumereien, wie sie überall in der westlichen Welt auf kapitalistischem Wohlstandspolster wachsen. Schnell merkt man, dass es den beschriebenen Gesellschaftsexperimenten nie wirklich gelingt, echte, entkoppelte und dauerhafte Alternativen zur marktwirtschaftlichen Demokratie zu bieten, zumindest keine mit vergleichbaren Privilegien.

Und so drehen sich Diskussionen um kollektiv geführte Konten, Urlaub, Waschmaschine oder Führerschein. Kein Wunder, die meisten Kollektive bestehen ja nicht aus Guerillakämpfern und aufrechten Anarchisten, sondern überwiegend aus Leuten, die „alle irgend ’nen Scheiß studiert haben und nun halt zum Beispiel was mit Theater machen“. Da steht das Pragmatische eines Wohnkollektivs, in dem man sich das Prekariat eben teilt, mehr im Vordergrund als revolutionäre Utopien. Schnell weicht so die Gemeinschaftseuphorie, verliert sich das pathetischste Manifest im ewigen Plenumskonjunktiv.

Die Inszenierung verpasst das eigentlich Naheliegende

Und als hätte sich das Konzept Kollektiv über die aufgezeigten Eigenprobleme nicht schon genug zerlegt, zerpflücken es die Performer vollends, indem sie zusammen mit dem Publikum das spießigste veranstalten, was „jungen Menschen in Deutschland“ als Kollektivbeschäftigung einfallen kann: einen Spieleabend.

Ästhetisch leidet die Performance von Anfang an an zu viel inszeniertem Erzähltheater zu Lasten wirklicher Performance-Aspekte, die das Thema durchaus hergegeben hätte. Zwar findet man sich zusammen mit den Spielern aufgeteilt an Tischen in einer Art erweitertem WG- oder Vokü-Zimmer, natürlich (wenn auch nur Bühnennebel-)verraucht, natürlich zusammengewürfelt aus Second-Hand- und Sperrmüll-Elementen, Hauptsache unentschieden eben. Zwar darf man bei Tabu und „Ich packe meinen Umzugskarton“ gern auch was einwerfen, aber die Inszenierung verpasst das eigentlich Naheliegende: das Publikum als Kollektiv mitzubehaupten und ihm entsprechend auf den Zahn zu fühlen, die Geschichte von innen heraus spielerisch zu entdecken.

In der Zwischenzeit hätte auch wer den Abwasch machen können

Selbst die Spieler treten nicht als Gemeinschaft auf, sondern bleiben fünf Stimmen zum Thema. Dass im Kollektiv individuelle Sorgen zu gemeinsamen werden, ohne dass es automatisch bessere Lösungen gibt, dass in endlosen Plena alles bis zum Putzplan totdiskutiert wird, während in der Zwischenzeit längst hätte wer den Abwasch machen können, dass die schönsten Utopien am egalitärem Kleingeist scheitern, wird, nun ja, erzählt. Sehr witzig immerhin: die zehn Vorteile des Kollektivs als Monolog.

An Charme gewinnt der Abend nach Applaus und offiziellem Ende, wenn die Performer nach dem Likörchen zur Spieleabend-Szene noch mehr Knabberzeug und Pfeffi auspacken, um mit dem Publikum weiter über das Thema ganz locker, aber – natürlich – zu diskutieren.

Kollektiv Nobiling: „Kannst du dich nicht endlich mal verbindlich entscheiden“, wieder Dienstag und Mittwoch, je 20 Uhr, Lofft (Lindenauer Markt 21), Eintritt 8/5 Euro

Von Karsten Kriesel

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