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Haydns erbauliche „Jahreszeiten“

Gewandhauschor und Camerata lipsiensis unter Gregor Meyer im Gewandhaus Haydns erbauliche „Jahreszeiten“

Joseph Haydns „Jahreszeiten“ stehen ein wenig im Schatten des Schwesterwerks „Die Schöpfung“. Am Sonntagabend nahmen sich im passabel besuchten Gewandhaus Gewandhauschor und Camerata lipsiensis unter der Leitung Gregor Meyers ihrer an.

Solisten, Gewandhauschor und Camerata lipsiensis unter Gregor Meyer

Quelle: kfm

Leipzig. Schön ist das, sehr schön. In jedem einzelnen Takt. Gregor Meyer hat bei der Einstudierung mit seinem Gewandhauschor exzellente Arbeit geleistet. Mit sinnlicher Präzision funkeln die rund 50 Sängerinnen und Sänger durch Joseph Haydns „Jahreszeiten“, begrüßen in sanftem Optimismus den Lenz, ächzen unter der Hitze des Sommers, feiern im Herbst die Jagd und den Wein und im Winter in aller gebotenen Sittsamkeit die Heimarbeit. Bemerkenswert beweglich ist dieser Chor dabei, trennscharf in der Artikulation, tadellos in der Phrasierung, makellos im Klang. Und insgesamt so gut, dass das Gewandhaus diesen Vokalklangkörper ruhig häufiger für sich allein in seinen Großen Concerten einsetzen könnte.

Schön, sehr schön ist allerdings auch das, was am Sonntagabend im passabel besetzten großen Saal des Gewandhauses die Camerata lipsiensis beisteuert. Leicht aufgeraut, aber nie aggressiv, luftig, duftig und elegant tönen die Originalklinger, der Homogenität verpflichtet und doch mit großer Begeisterung fürs Detail, die Meyer sich gekonnt zu Nutze macht. Mit einiger Finesse modelliert er den Orchesterklang durch und nimmt dabei vor allem das klassische Ebenmaß dieser herrlichen Partitur in den Fokus, in dem Haydn die Kunst seiner musikalischen Koloristik aufgehen lässt. Elegant lässt er die Streicher federn, die beiden phänomenalen Hörner durch Wald und Auen jagen. Gewandhausorganist prunkt als Continuo-Spieler am Hammerflügel ebenso gekonnt, wie ihm das Tambourin unübersehbare Freude bereitet. Und würde die Solooboe vor der Pause nicht unüberhörbar mit den Unzulänglichkeiten ihres Instrumentes zu kämpfen haben, die instrumentale Seite der Medaille ließe keine Wünsche offen.

Schönes, sehr Schönes ist auch an der Solistenfront zu vernehmen. Vor allem von den beiden Herren, die aus dem Terzett deutlich herausragen. Vor allem von Daniel Johannsens bei aller Leichtigkeit durchsetzungsstarkem Tenor mag man gar nicht genug bekommen. In den Rezitativen baut er auf seine reiche Bach-Erfahrung und entwickelt die Musik ganz aus dem Text heraus. In den Arien wiederum zeigt er sich als instinktiv stilsicherer Periodenbaumeister. Sein geschmeidig geführter Tenor klingt in jeder Lage silbrig weich, und die weit gespannten Bögen gehen in keinem Augenblick zu Lasten des Wortes. Dahinter muss sich auch Tobias Berndt am Bass nicht verstecken, der mit warmen Bariton-Farben und größter Natürlichkeit für sich einnimmt. Um diese Natürlichkeit ist auch Julia Sophie Wagner am Sopran bemüht. Allerdings betreibt sie stimmlich hörbar großen Aufwand, um so zu singen, als bedürfe sie seiner nicht. Dennoch: Schön, dass die Gewandhausdirektion nicht am falschen Ende spart und ihrem Chor Solisten auf diesem Niveau gönnt.

Erbaulich ist das insgesamt, zu erbaulich. Und da fangen die Probleme an. Sind nämlich die „Jahreszeiten“ so schön wie hier, dabei so betulich in vielen Tempi und vor allem in den Rezitativen, dann kippt die Aussage der vier Teile, die Meyer auf knapp drei Stunden Brutto-Spieldauer bringt, allzu leicht von der naiven Feier des immer neu durchs Jahr kreisenden Daseins ins protobiedermeierlich Harmlose. Dann bleiben die Ecken und Kanten, die doppelten Böden der Partitur auf der Strecke. Und der großbürgerliche Lobpreis auf die sittsame Herrlichkeit des Landei-Lebens bekommt eine touristische Note.

Langweilig wird es dann bisweilen, nicht sehr langweilig zwar, aber doch so, dass man sich immer mal wieder wünscht, Meyer würde ein wenig aufs Gaspedal drücken, damit es wenigstens zwischendrin mal nicht nur schön ist, sehr schön sogar.

Von Peter Korfmacher

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