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Kultur Hazel Brugger liebt die Demontage
Nachrichten Kultur Hazel Brugger liebt die Demontage
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00:38 26.02.2018
Hazel Brugger im Täubchenthal am 22.02.2018 in Leipzig (Sachsen). Quelle: Christian Modla
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Leipzig

Sie ist die Tochter einer Lehrerin und eines Neuropsychologen und außerdem Schweizerin. Was vielleicht schon einiges erklärt. Am Donnerstag gastierte Hazel Brugger im ausverkauften Täubchenthal und verabreichte dort zwei Stunden lang der Conditio humana einen kräftig deftigen Aderlass. Mit einer Show, die der Gattung Mensch das eitle Selbstverständnis (von wegen „Krönung der Schöpfung“) ausquetscht wie einen Eiterpickel; frohgemute Selbstdemontagen inklusive.

Vorn die Psychos, hinten die Coolen

„Hazel Brugger passiert“ heißt das Programm. „Hazel Brugger passiert einem“ wäre auch treffend. Das zeigt gleich die Aufwärmrunde der Show. Keine zwei Minuten sind vergangen, da lässt Brugger das Publikum an ihrer Erkenntnis teilhaben, dass zu Veranstaltungen wie dieser im Saal immer „vorne die Psychos und hinten die Coolen sitzen“. Toller Lacher für die letzten Reihen, doch fürs Ego ist das Weiter-hinten-Sitzen eh nur fadenscheinig. Etwas, das die 24-Jährige gern mal mit sardonischer Lust herunterreißt oder langsam abknaupelt, mit einem Gesichtsausdruck, der nichts zeigt, aber alles ahnen oder fürchten lässt.

„Stand-up funktioniert für mich nur, wenn uncoole Menschen auf der Bühne uncool sind“ ist ein altes Credo dieser jungen Künstlerin, mit dem sich hier perfekt ein Kreis zum politischen Kabarett schließen ließe. Gerade auch mit Blick auf die „Heute Show“, in der Brugger regelmäßig zu Gast ist und die sie über die Grenzen ihres Heimatlandes hinaus berühmt machte.

Brugger entzieht sich einer Festlegung

Nur, dass das explizit Politische in ihrem Programm bestenfalls als Blaupause existiert. Gut so, denn Brugger entzieht sich damit einer zu engen Festlegung und kann zugleich ein anderes Spiel der Demontage, des Aderlasses betreiben. Unpolitisch ist das deshalb noch lange nicht. Explizit schon – wenn auch in ganz anderer Hinsicht.

„So ein Abend ist ja ein bisschen wie ein intellektueller Gangbang“ sagt Brugger. Damit meint sie nicht nur ihre Neigung zu sprachlich hochauflösenden Nahaufnahmen, die einen schlaffen Penis als „kümmerliche Fleischpatrone“ porträtieren oder auf die erstaunliche Ähnlichkeit von Spermien „mit dem Kopf eines 45-jährigen Single-Mannes aus der IT-Branche“ verweisen: „Vorne keine Haare, hinten ein Schwänzchen dran.“ Somit ist klar, woran man in Zukunft denkt, wenn man so einem Zeitgenossen begegnet.

Übertretung der Geschmacksgrenze

Nur gehört sowas aber zu den Oberflächenbewegungen, zu den Stimulationen schneller Lachreflexe, die sich gern mal der Schrecksekunde einer Geschmacksgrenzen-Übertretung bedienen. Darunter aber wirkt, wie bei jedem wirklich guten Komödianten, weit mehr, etwas Tieferes.

Mag Brugger auch so (scheinbar) verschiedene Dinge wie Hunde und Schwangere, den Tod oder das Wort „Hinterfotzigkeit“ unter die Lupe ihrer schrägen Betrachtungen nehmen, so speisen sich diese Betrachtungen stets auch aus einem Umstand, der an einer Stelle kurz und wie nebensächlich formuliert wird: „Humor braucht man, um mit der nagenden, kratzenden inneren Leere klar zu kommen.“ So gesehen birgt ein Aderlass à la Brugger einen heilsamen Sinn. Und Spaß sowieso.

Nächstes Brugger-Gastspiel am 10. April 2019 mit neuem Programm, Karten für 28 Euro in der Ticketgalerie (LVZ Foyer und Barthels Hof), in allen LVZ-Geschäftsstellen, unter der gebührenfreien Ticket-Hotline 0800 2181050 sowie auf www.ticketgalerie.de.

Von Steffen Georgi

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