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Kultur „Helden wider Willen“ wollen Reibung in den Leipziger Osten bringen
Nachrichten Kultur „Helden wider Willen“ wollen Reibung in den Leipziger Osten bringen
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09:54 04.07.2017
Matthias Petzold stößt mit Olaf Schilling, Peter Werner, Ariane Jedlitschka und Gudula Kienemund (v.r.n.l.) auf die neuen Balkons an.  Quelle: André Kempner
Leipzig

 In der Hildegardstraße im Leipziger Osten klirren die Sektgläser. Ein weiterer Meilenstein auf einem langen Weg ist geschafft. Seit dieser Woche schmücken nur wenige Meter von der Eisenbahnstraße entfernt vier nagelneue Balkons die beiden alten Gründerzeithäuser, in denen der Verein „Helden wider Willen“ seine beiden miteinander verwobenen Projekte „HAL Atelierhaus“ und „Honorary Hotel“ (Pilotprojekt der Nationalen Stadtentwicklungspolitik des Bundes, gefördert durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit) entwickelt. Möglich gemacht haben das die Leipziger Kulturpaten, die die Helden und Architekt Olaf Schilling an einen Tisch brachten. „Es ist sehr mutig, sich ohne relevante Eigenmittel solche Häuser vor die Brust zu nehmen und diese mit einem eigenständigen Konzept versuchen zu entwickeln“ sagt Schilling. „Ich freue mich jedes Mal, wenn Häuser wie diese nicht abgerissen, sondern behutsam und nicht kaputtsaniert werden“, betont Peter Werner, der mit seinem Unternehmen die Balkons schließlich konstruierte und ans Haus brachte.

Die neuen Balkons in der Hildegardstraße. Quelle: André Kempner

Konzept ist Work in Progress

Und jetzt? „Jetzt atmen wir erst mal durch“, meint Matthias Petzold von den Helden wider Willen und lacht erleichtert. In den letzten vier Jahren hat sich viel getan. 2013 unterschrieb der Verein bei der LWB die Erbpachtverträge für die Häuser, 2014 wurde die erste Immobilie selbst gekauft. „Damit war klar, dass wir etwas Langfristiges planen können und auch müssen. Wir arbeiten uns an einer Linie entlang. An deren Ende kann unser formuliertes Ziel stehen, muss es aber nicht“, erklärt Petzold.

Das Konzept ist ein permanentes Work in Progress. Die ursprünglich geplante klare Trennung von Atelierhaus mit offenen Arbeitsräumen sowie Ausstellungsflächen und Hotel ist Geschichte, die Grenzen verschwommen. „Normalerweise haben die Leute die Angewohnheit, in ihren Häusern zu wohnen und zu wohnen und zu wohnen. Und sonst passiert nichts mehr. Wir wollen es als Verein aber lebendig halten“, erläutert Petzold. Mit allen derzeitigen Bewohnern habe man sich deshalb auf kurzfristige Mietverhältnisse geeinigt. „Aber nicht, damit wir alle schnell rausschmeißen können. Es geht darum, dass jeder flexibel mit seinem Raum umgehen muss und sich nicht abgrenzt“, stellt Petzold klar. Mit dieser Einstellung will der Verein Entwicklungen entgegenwirken, die Petzold und Kollegen mit Sorge beobachten und auch selbst erleben. „Es gibt keine Reibungspunkte mehr, sondern nur noch parallel existierende Monokulturen. Die Durchmischung fehlt in den Stadtteilen“, findet Petzold. Das möchten die Helden wider Willen mit „HAL Atelierhaus“ und Honorary Hotel“ aufbrechen, offene Räume mit niedrigen Schwellen schaffen, die Menschen wieder ins Gespräch bringen.

Offene Räume mit europäischer Vision

„Hier kann ich mich selber präsentieren, ein Projekt entwickeln und Leute finden, die helfen“, glaubt Petzold. Diesen Gedanken möchte der Verein zudem gerne über die Grenzen des Leipziger Ostens hinaus nach ganz Europa tragen und ein Netzwerk aus Gleichgesinnten aufbauen. „Wir haben bereits Kontakte zu ähnlichen Initiativen in Dänemark, Portugal und Griechenland. Auch dort wird überlegt, wie man durch Eigentum Sicherheit, aber auch günstige Wohnflächen schaffen kann“, verrät Petzold. Denn die Mieten steigen nicht nur in Leipzig, sondern überall. Die Vision ist ein Netzwerk aus zahlreichen „Honorary Hotels“, die Unterschlupf und Zugang zur Gesellschaft abseits touristischer Strukturen gleichermaßen bieten sollen.

Währenddessen gehen die Arbeiten in der Hildegardstraße weiter. Die Substanz sichern und alle Räume nutzbar machen – das sei das Ziel für die nächsten zehn Jahre. Im nächsten Schritt wird das als Begegnungszentrum gedachte Erdgeschoss geöffnet und mit Schaufenstern sowie behindertengerechten Zugängen versehen. Anschließend sind Fassade und die Dachkonstruktion an der Reihe. Die Kulturpatenschaft mit Olaf Schilling hat sich schon jetzt für die Helden wider Willen gelohnt. „Nicht nur preislich, sondern auch zwischenmenschlich. Wir haben viel voneinander gelernt“, resümiert Petzold.

Von André Pitz

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