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Kultur Herbert Blomstedt kehrt für zwölf Große Concerte ans Gewandhaus Leipzig zurück
Nachrichten Kultur Herbert Blomstedt kehrt für zwölf Große Concerte ans Gewandhaus Leipzig zurück
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23:03 14.03.2017
Julia Spinola, Herbert Blomstedt und Peter Korfmacher (v.l.) in der ausverkauften LVZ-Kuppel. Quelle: André Kempner
Leipzig

Mit zwölf Großen Concerten steht Herbert Blomstedt in der kommenden Spielzeit im Gewandhaus-Programm. Er geht mit dem Orchester, dessen Chef er von 1998 bis 2005 war und dessen Ehrendirigent er seither ist, überdies auf Asien-Tournee. Für den Sommer ist ein gemeinsamer Beethoven-Zyklus auf CD angekündigt, bereits dieser Tage geht ein Buch in den Handel, das Leben, Handwerk und Philosophie des Schweden beleuchtet. Der so unfassbare wie letztlich aber oberflächliche Grund für diese Fülle an Projekten lautet: Blomstedt wird im Juli 90 Jahre alt.

Die tiefere Wahrheit freilich ist eine andere. Und sie ist am Abend im ausverkauften Kuppelsaal der Leipziger Volkszeitung beispielsweise zu Tage getreten, als Blomstedt den Zuschauern aus Partituren von Beethoven oder Bruckner vorgesungen hat. „Lo-to-re-tiiii, ti-tu-la-doooo“. Als er bald darauf von seiner anhaltenden „Begeisterung für Musik“ spricht, die er schlicht „mit anderen teilen“ wolle, ist klar, dass der Noch-89-Jährige mit all den Konzerten und Projekten nun mal seine Passion auslebt.

Gewandhaus-Ehrendirigent Herbert Blomstedt war am Dienstag in der LVZ-Kuppel zu Gast (Bilder: André Kempner)

„Mission Musik“ heißt der bei Henschel und Bärenreiter erscheinende Band mit Gesprächen zwischen Blom¬stedt und der Musikjournalistin Julia Spinola denn auch sehr treffend. Spinola erzählt vom „Privileg, dass er ganze Partituren in verteilten Rollen“ für sie intoniert habe, was sich allerdings schwer in ein Buch drucken lasse. Wie er es denn hinkriege, das alles im Kopf zu haben, möchte LVZ-Kulturchef Peter Korfmacher als Moderator des Abends von Blomstedt wissen. Zumal der Dirigent bekannt dafür ist, nicht einmal in den Proben, geschweige denn im Konzert auf ein Notenblatt zu blicken. Kein phänomenales Gedächtnis brauche man dafür, antwortet Blom¬stedt, sondern Zeit, „soll heißen: Monate – dann wird das Stück zum Teil von einem selbst“. Erst dann könne er dem Orchester nahebringen, wie er die Musik empfinde. „Wie das Stück gespielt wird, wissen die Musiker ja selbst.“

Ohne die Verpflichtungen als Chefdirigent könne er sogar noch mehr in die Tiefe gehen als zuvor, erklärt er, Quellenstudien betreiben. Ist der vermeintliche Akzent auf einer Note wirklich ein Akzent oder nicht doch eigentlich ein Diminuendo? Das Tolle an Blomstedt ist, dass er mit solchen Erörterungen auch ganz offensichtlich jenen sicher nicht geringen Teil im Publikum mitreißt, der kein musikwissenschaftliches Studium absolviert hat.

Wobei sich die drei Fachleute auf dem Podium einig darin sind, dass das Leipziger Musikpublikum ohnehin ein besonderes ist. Was man vom realexistierenden Gewandhausorchester Mitte der 90er, als sich Blomstedt entschied hierherzuwechseln, nicht behaupten konnte. „Aber das Gewandhausorchester hat einen Nimbus. Daher konnte ich nicht nein sagen“, erinnert er sich – eine große Orchestergeschichte und einen ungebrochenen Rückhalt bei den Menschen der Stadt.

Dass Blomstedt den Klangkörper damals in die richtige Spur zurückgeführt hat, ist unumstritten. Bei seinem Nachnachfolger Andris Nelsons sieht er das Orchester in besten Händen: „Er ist die perfekte Wahl, es ist die perfekte Kombination“, so Blomstedt. Vor allem, weil Nelsons „nie unnatürlich“ rüberkomme, „sondern stets ehrlich: Dann machen die Musiker sofort mit“. Als „sehr empfindsame Menschen“ charakterisiert er diese Spezies noch. „Das müssen sie sein, sonst wären sie keine guten Musiker.“ Jede Pose, jeder Versuch, nur die eigene Leistungsfähigkeit zu zeigen, gehe hingegen auf Kosten der Musik: „Auf Kosten der Gefühle, die in der Musik verborgen sind.“

Kein Wunder, dass Blomstedt im Ruf steht, von seinen Orchestern, egal wo auf der Welt, nicht nur geachtet, sondern auch geliebt zu werden. Er gibt diese Liebe zurück: „Das ist wie Familie – als ob ich meine eigenen Kinder spielen höre“, lobt er das Reinhold-Quartett, das im Kuppelsaal das Gespräch mit Sätzen Carl Reineckes umrahmt. Wie lange er diese Liebe zur Musik und den Musikern noch auf der Bühne ausleben darf? „Wir sind unverbesserliche Optimisten“, sagt Blomstedt über seine Sekretärin und sich. Sie sind im Terminplan längst im übernächsten Jahr angelangt: „2019 ist fast voll“, sagt er und wird mit einem langen warmen Applaus nur für diesen einen Abend verabschiedet.

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