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Herbstrundgang in der Spinnerei Leipzig hat ein Balanceproblem

Rund 15.000 Besucher Herbstrundgang in der Spinnerei Leipzig hat ein Balanceproblem

Malerei dominiert diesen Rundgang, zu dem am Wochenende rund 15.000 Besucher zum Gelände der ehemaligen Baumwollspinnerei im Westen Leipzigs strömten. Der Herbstrundgang 2017 hinterlässt mit seiner spartenbezogenen Unwucht einen ambivalenten Eindruck.

Der Herbstrundgang 2017 auf dem Spinnereigelände zeigt überwiegend Malerei.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Im wirklichen Leben möchte man dieser Großfamilie oder Horde nicht unbedingt begegnen. Stammhalter, Schwippschwager oder grüne Witwe hat die Hallenser Künstlerin Undine Bandelin nicht gerade vorteilhaft dargestellt mit ihren deformierten Körpern und Maskeraden. Dennoch strahlt die schräge Ahnengalerie eine gewisse Würde aus, die Farbwahl unterstützt den wohligen Schauer, der einem beim Betrachten Auge in Auge im geschützten Raum von The Grass Is Greener überrieselt.

Am 16./17. September 2017 öffneten die Galerien auf dem Spinnerei-Gelände im Leipziger Westen seine Türen für alle Besucher. Rund 15.000 Gäste kamen. Eindrücke vom Kunst-Wochenende. Fotos: André Kempner

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Auch der Engländer Ryan Mosley sammelt Charaktere, die nicht ganz dem Durchschnitt entsprechen. Er ist zum ersten Mal bei Eigen+Art zu Gast. Die psychedelische Atmosphäre lässt an eine gealterten Hippie denken, doch Mosley wurde 1980 im industrialisierten Norden Englands geboren. Seine Köpfe, die dann manchmal in den bühnenbildartigen Inszenierungen der Großformate wiederkehren, wirken viel freundlicher als Bandelins „Geschlossene Gesellschaft“, simpel sind aber auch sie nicht.

Porträts und Landschaften

Malerei dominiert diesen Rundgang. Fast alle Privatgalerien zeigen Leinwände. Im Laden für Nichts wird gar deren Produktion zum Gegenstand. Unter der freundlichen Überschrift Sweatshop müssen oder dürfen Künstler Porträts von zahlungswilligen Besuchern anfertigen. Der Preis für die Dienstleistung steigt im Laufe des Tages.

Neben Menschen gibt es aber auch ziemlich viel Landschaft zu sehen. Geradezu schwelgerisch sind die Inseln und deren umtoste Küsten von Clemens Tremmel, einem in der Spinnerei tätigen Maler, in der Galerie Reiter. Mit Verwischungen, Auswaschungen und anderen brutalen Eingriffen bemüht er sich zwar, das Erhabene zu unterlaufen. Der Hauch von Romantik ist dennoch unvermeidlich, gerade auch im Triptychon „Erhebung“ mit einer Rückenfigur à la C.D. Friedrich.

Neue Ausstellungen in den Galerien auf dem Spinnerei-Gelände im Westen Leipzigs: Am 16. und 17. September 2017 öffnen sich die Türen zum traditionellen Herbstrundgang. LVZ-Fotograf André Kempner konnte sich vorab schon einmal umsehen.

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Anderswo sind die Landschaften fragmentierter, Details stehen für das Ganze. So bei Yvette Kiesling und Friederike Jokisch im Archiv Massiv. Strukturen im menschlich überformten Naturraum sind hier offenbar wichtiger als das Typische des Ortes. Auch Henriette Grahnert in der Galerie Kleindienst nimmt sich aus dem offenen Raum, was sie für ihre ans Abstrakte grenzenden Kompositionen braucht. Fast scheint es so, dass auch Ulf Puder, zu sehen bei Jochen Hempel, ähnlich vorgeht. Bei ihm verunsichern aber Titel wie „Junotempel in Agrigent“ oder „Ansicht von Kairuan“ die Wahrnehmung. Auf jenem Bild meint man eine ärmliche Behausung zu sehen, keine geweihten Stätten der heiligen Stadt in Tunesien. Ein riesiger Eisberg aus Styropor mit einer prekären Berghütte inmitten des Raumes lässt zudem die harmonischen Darstellungen alpiner Panoramen in einem anderen Licht erscheinen.

Sogar die Galerien, die für den Mut zum Sperrigen bekannt sind, zeigen diesmal Gemaltes. Klar, sanfte Gefälligkeit kann man hier nicht erwarten. Robert Seidels Typisierungen von Turnschuhen mehr oder weniger bekannter Marken bei ASPN sind dennoch ein ästhetischer Genuss. Gleich nebenan bei B2 beweist Heide Nord, dass man sogar ökonomische Statistiken in Gemälde umwandeln kann.

Shock Waves in Halle 14

So vielseitig und anspruchsvoll die Malerei auch sein mag, macht die Suche nach Abwechslung diesmal etwas Aufwand. Selbst beim Stipendiatenprogramm LIA mit dem aktuellen Fokus auf Australien, gibt es viel Gemaltes und nebenbei überraschend viel Bezüge auf den Standort Leipzig. Und auch ein Ausflug ins nahe Tapetenwerk hilft nicht viel. Dort sind in der großen Halle C01 Zoya Cherkassky Nnadi, Mandy Kunze und Natalia Zourabova zu sehen – mit Leinwänden.

Gedrucktes bietet natürlich Thaler Originalgrafik, Benjamin Badock ist jetzt zu Gast, dennoch pittoresk. Manche Alternativen waren nur zum Wochenende des Rundganges geöffnet. So „Publik Keys“ mit Installation, Video und Performance in einem Raum am Beginn des Spinnereigeländes. Oder die Arbeiten von Fotografen zum Thema Glück in einem Obergeschoss von Halle 18.

Shock Waves gehen vom Untergeschoss der Halle 14 aus. Vier tschechische und slowakische Künstlerinnen und Künstler bieten hier mit teils aktuellen aber auch älteren Arbeiten, bis in die frühen 1970er Jahre zurückreichend, ein Gegengewicht zur hübschen Ästhetik der Galerien. Themen wie der in einer mechanischen Installation dargestellte Spießrutenlauf, die Überwachnungsmanie oder die Deportation tschechischer Juden bieten ganz und gar keinen Anlass für romantische Anwandlungen. Und in der eigentlichen Halle 14 werden Räume sozialer Produktion untersucht. Das bietet viel Stoff fürs Gehirn, nicht all zu viel für die Sinnesorgane.

Einen Kompromiss bietet der Gastauftritt der in Düsseldorf ansässigen Sammlung Philara, hinter welcher der Sammler Gil Bronner steht. Die Kollektion ist regional auf die Metropole am Rhein fokussiert, in den Sparten aber offen. Objekte, Soundinstallationen oder Collagen, daneben auch traditionelle Ausdrucksweisen von Silke Albrecht bis Moritz Wegwerth bieten einen vielseitigen Einblick in die Düsseldorfer Szene.

Dieser Herbstrundgang 2017 hinterlässt mit seiner spartenbezogenen Unwucht einen ambivalenten Eindruck. Viele zahlungskräftige Interessenten kamen bereits eine Woche zuvor, als die Privatgalerien ihre Ausstellungen eröffneten. Rund 15 000 Besucher seien es zum eigentlichen Event gewesen, schätzt Michael Ludwig vom Archiv Massiv und fügt lächelnd hinzu, dass es eben mit der Vernissage von Ulrich Hachulla und Matthias Ludwig, seinem Bruder, in der Galerie Schwind eine starke Konkurrenzveranstaltung gegeben habe. Mit Malerei.

Von Jens Kassner

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