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„Herbstzeitlose“ von Rainer Behr arbeitet sich choreografisch geschickt an einem diffusen Thema ab

„Herbstzeitlose“ von Rainer Behr arbeitet sich choreografisch geschickt an einem diffusen Thema ab

„Wenn einer fortgeht, muss er den Hut mit den Muscheln, die er sommerüber gesammelt hat, ins Meer werfen und fahren mit wehendem Haar … Dann wird er wiederkommen.

Wann? Frag nicht.“ Fortgehen und wiederkommen, gewaltsam ausbrechen und von einer unsichtbaren Wand zurückgeschleudert werden: Darum geht es in Ingeborg Bachmanns Text „Lieder von einer Insel“, und davon handelt Rainer Behrs Stück „Herbstzeitlose“ des Tanztheaters Bielefeld.

Seine Tänzer flüstern Bachmanns Zeilen am Freitagabend im Chor, gut eine Stunde nachdem sie am Rand einer Halde aus Dreck und Zivilisationsschrott einen Kampf mit sich selbst ausgefochten haben. Am Ende des Stücks spulen sich die Körper selbst an den Anfang der Handlung zurück: Der Kampf kann von Neuem beginnen.   

Dem Ensemble gelingt in der voll besetzten Leipziger Peterskirche ein eindrucksvolles Spiel mit inneren und äußeren Dämonen. Eine barfüßige Frau zieht sich mit aller Kraft an einem Seil den Schuttberg hoch. Ein Mann wird von Mittänzern am Fortkommen gehindert. Fast alles ist Aufbäumen und Widerstand in diesem Tanzstück, dazu kommen Schwermut, Verzweiflung und selten Hoffnung.   

Die ausnahmslos exzellenten Tänzer kommen aber nicht gegen das diffus bleibende Thema der „Herbstzeitlose“ an. Ist die Kulisse aus Dreck und Sperrmüll ein Sinnbild für die Apokalypse? Ist das der Rest der Menschheit, verzweifelt gegen das Ende, gegen sich und gegeneinander ankämpfend? Oder geht es ganz einfach um den individuellen Lebenskampf?

Trotzdem bleibt „Herbstzeitlose“ aufgrund seiner starken Bilder und der stimmigen Choreografie eine sehenswerte Inszenierung. Die neun Tänzer nutzen die Fläche vor dem Schutthaufen gut aus. Behr lässt Haupt- und Nebenhandlungen parallel laufen, etwa wenn im vorderen Teil der Bühne eine Gruppe von Tänzern hölzerne Hindernisse überwindet, während eine Tänzerin dahinter im Schutt mit sich selbst ringt. Später dann eine beeindruckende Szene, die sich zum ersten und einzigen Mal direkt ans Publikum richtet: Wie eine Phalanx aus sich schüttelnden Leibern bewegen sich alle Tänzer auf den Bühnenrand zu, ihre aggressiv-fordernden Gesten wirken unerbittlich. Auch ihr bleibt nicht vom Kampf verschont, scheinen sie zu sagen.

Andere Szenen sind rätselhaft. Vier Tänzerinnen legen sich lange, weiße Röcke um und verdecken damit die am Boden liegenden Körper der Männer. Eine Metapher auf die Institution der Ehe? Und wenn ja: Was hat sie in diesem Stück zu suchen? Solche Anspielungen auf das Geschlechterverhältnis gibt es mehrere. Nicht nur einmal wird eine Frau von mehreren Männern gestützt oder getragen — eine Figur, wie sie auch in Stücken von Pina Bausch vorkommt. Eine Hommage an die 2009 verstorbene Leiterin des Tanztheaters Wuppertals, wo auch Behr Mitglied ist? Oder steckt mehr dahinter?   Behrs „Herbstzeitlose“ ist ein effektvolles Spiel mit Andeutungen. Ein Kampf in Endlosschleife, der einen mit vielen Fragen in die Nacht entlässt.   

Verena Luther

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