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Kultur Hildebrand Gurlitt, Albert Hennig und das Bauhaus in Zwickaus Kunstsammlungen
Nachrichten Kultur Hildebrand Gurlitt, Albert Hennig und das Bauhaus in Zwickaus Kunstsammlungen
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15:45 13.02.2019
Blick in die Ausstellung. Links ein Porträt Hildebrand Gurlitts.Kunstsammlungen Zwickau.
Zwickau

Im Windschatten des Bauhaus-Jubiläums erinnert das Zwickauer Museum an seinen ersten Direktor Hildebrand Gurlitt. Eine erhellend konzipierte Ausstellung deckt die Haltung des umstrittenen Kunstexperten zur Dessauer Avantgarde auf und nimmt gleichzeitig frühe Werke von Albert Hennig unter die Lupe. Der Künstler empfing an der Bildungsstätte prägende Ideen und verstarb 1998 in Zwickau.

Sozialdokumentarische Fotografie

Hennig, Jahrgang 1907, kam mit seiner Sicht auf das Leipziger Arbeitermilieu zu sozialdokumentarischer Fotografie. Die Frauen, die er auf dem Gelände der Großmarkthalle beim Aufklauben kümmerlichster Gemüsereste dokumentiert, berühren noch heute. Mit einer Serie, die mit sachlichem Blick Ausgrenzung und Ausnutzung von Kindern festhält, bewarb sich Hennig 1932 am Bauhaus, um in die Werbung einzusteigen. Die Ausstellung gewährt mit seinen Studien aufschlussreiche Einblicke in die Fotografiekurse von Walter Peterhans. Strukturen, Materialeffekte und Lichtwirkungen wurden konsequent in Nahsicht untersucht. In kontrastreichen Arrangements, etwa einem gewienerten Herrenschuh auf dem Geflecht von Peddigrohr, Limonadengläsern oder Schmuckstücken auf texturreichen Stoffen, zielen die Abzüge in Richtung Werbefotografie.

Atmosphärisch in der Schwebe

Beim Ausloten von Perspektiven wird auch die Architektur der Bildungsstätte in Szene gesetzt. Hennig hatte nur ein Jahr Gelegenheit, am Bauhaus zu arbeiten, weil die Bildungsstätte 1933 von den Nationalsozialisten geschlossen wurde. Nach der kurzen, aber intensiven Zeit löste er sich von seiner Position, nur in der Fotografie künstlerischen Ausdruck zu finden und arbeitete auch grafisch. Er verstand es, seine Aquarelle – hier wird eine Crimmitschauer Vorortstraße gezeigt ­­– atmosphärisch in der Schwebe zu halten, die stimmungsreichen Bildgefüge weder linear noch farblich zu verfestigen. Die Leipziger Wohnung wurde bei einem Bombenangriff zerstört, und Hennig zog mit seiner Frau 1945 aus familiären Gründen nach Zwickau. Wegen kulturpolitischer Unstimmigkeiten arbeitete er Jahrzehnte auf dem Bau und konzentrierte sich erst mit 65 Jahren wieder voll auf künstlerische Arbeit.

Verflochtenes Engagement für die Moderne

Bereits in Zwickau zeigte Gurlitt, Jahrgang 1895, sein eloquent verfochtenes Engagement für die Moderne. In der Verbindung der Zwickauer Sammlung mit dem Bauhaus beleuchtet die Ausstellung anhand von Fotos, Archivmaterial, Grafiken und knappen Erläuterungen jedoch nur ein schmales Segment seiner enormen Aktivität. Gurlitt jedenfalls schaffte es, das Provinzmuseum zwischen 1925 und 1930 deutschlandweit ins Gespräch zu bringen. Der promovierte Kunsthistoriker organisierte 50 Ausstellungen, darunter Soloauftritte von Max Pechstein, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Emil Nolde, band expressionistische und abstrakte Kunst in seine Ankaufstrategie ein.

Farbkonzept und „Neue Reklame“

Das unterstreichen in der aktuellen Ausstellung Blätter wie Feiningers kubisch die Architektur auflösende Holzschnitte. Mit Schriftstücken aus dem Museumsarchiv wird in Vitrinen Gurlitts Briefwechsel mit dem Bauhaus belegt. Er orientierte sich bei Plakaten, Programmen und anderen Drucksachen an der Bauhaus-Ästhetik der Typographie. Für ein neues Farbkonzept des Westflügels gewann er Heinrich Koch, der in Dessau die Werkstatt für Wandmalerei absolviert hatte, und stattete die Ausstellungsräume mit den bekannten Stahlrohrmöbeln von Marcel Breuer aus. Gurlitt lud Kandinsky zu einem Vortrag über Farbenlehre ein, warb Bauhausmeister für eine Ausstellung abstrakter Kunst. Bereits kurz nach seinem Amtsantritt begann er die Vorbereitungen für die Ausstellung „Neue Reklame“. Im repräsentativsten Raum des Nordflügels – so zeigen Fotos in der aktuellen Ausstellung – konnte das Bauhaus 1927 mit seinen Gestaltungsprinzipien in der Werbung visuell auftrumpfen.

Überfällig Debatte

Der junge Museumsdirektor legte sich vergeblich ins Zeug. 1930 wurde er entlassen. Sparzwänge wurden vorgeschoben, weil der Stadtrat seiner Kunstpolitik nicht folgen wollte. Auch Gegenwind von rechts war aufgekommen. Von der Ablehnung moderner Kunst sollte Gurlitt, zum Regime durchaus in zwiespältiger Haltung, ab 1938 als Mitläufer ungeniert profitieren: Er diente sich als Kunsthändler den Nationalsozialisten an und zog aus dem Verkauf der Moderne als „entartete Kunst“ gegen Devisen ebenso wie aus der bedrängten Situation jüdischer Sammler seinen Vorteil. Privat trug er eine erstklassige Auswahl zusammen, die zunächst 1945 beschlagnahmt wurde. Nach Gurlitts Unfalltod 1956 wurde sie zuletzt seinem Sohn Cornelius vererbt. 2013 geriet der Hort als Schwabinger Kunstfund in die Schlagzeilen und forcierte in Deutschland die überfällige Debatte über Raubkunst.

Hildebrand Gurlitt, Albert Hennig und das Bauhaus, Kunstsammlungen Zwickau, Lessingstraße 1, Zwickau, bis 10.3.2019, geöffnet Di bis So 13 bis 18 Uhr

Von Ingrid Leps

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