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Kultur Hin und wieder zünden Zoten: Operette "Der Opernball" in Leipzig wieder aufgeführt
Nachrichten Kultur Hin und wieder zünden Zoten: Operette "Der Opernball" in Leipzig wieder aufgeführt
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12:15 11.05.2014
Quelle: Volkmar Heinz

Nun, am Samstagabend in der ausverkauften MuKo, fragt man sich zu Beginn der aktuellen Premiere, warum das so gewesen sein mag: Delikat federt da die Ouvertüre unter der Leitung von Musikdirektor Stefan Diederich.

Hier und da prunken Nebenstimmen. Die Eleganz der Orchesterbehandlung, die Kunst der beinahe sinfonischen Durchdringung des Satzes machen Lust auf mehr. Keine Frage: Heuberger, der Freund von Brahms, der Mitarbeiter und Nachfolger Hanslicks, der Chorleiter und Hochschullehrer im Wien der Jahrhundertwende verstand sein Handwerk.

Knappe zweieinhalb Stunden später, die Premiere ist Geschichte, das Publikum Saal spendet warmherzig Beifall, weiß man, warum der Erfolg des "Opernballs", wiewohl Heubergers immerhin am wenigsten unbekanntes Werk, begrenzt blieb: Das 1898 uraufgeführte Stück taugt nichts. Eine Erkenntnis, an der auch die Neuinszenierung des Oberspielleiters Volker Vogel nichts ändert. Zu infantil ist das Libretto, in dem Victor Léon und Heinrich von Waldberg sich in bigotter K.u.k-Gemürlichkeit die amourösen Gepflogenheiten im Sündenpfuhl Paris ausmalten - und das in keiner Zeile je das Niveau der "Fledermaus" erreicht, die unverkennbar Modell stand.

Gleiches gilt für Heubergers Musik: In ihrer professoralen Kunstfertigkeit in Instrumentation, Harmonik, selbst der Melodik, bleibt sie seltsam konturlos. Kaum etwas brennt sich ins Ohr, selbst der einzige Hit, das Walzer-Duett "Komm mit mir ins Chambre séparée" wurde nicht zum Schlager - obschon im Publikum hier und da verzückt wer dem Mitsing-Reflex nicht zu widerstehen vermag.

Heuberger jagt die schmeichlerische Melodie viel zu unentschlossen durch die Notenlinien. Gleiches gilt für den handzahmen Cancan im zweiten Akt, der mehr eine Polka ist, und: Kaum hat er begonnen, ist er schon wieder vorbei.

Kurzum: Die Substanz des "Opernballs" reicht kaum aus, um dem auf weiten Strecken überzeugend sinnliche Spiel des MuKo-Orchesters ins Bewusstsein zu helfen. Zumal Diederich es mit der Disziplin ein wenig übertreibt und die wenigen Gelegenheiten zur schwelgerischen Sinnlichkeit ungenutzt verstreichen lässt.

Auch gesanglich gerät der Abend zur Enttäuschung. Radoslaw Rydlewskis herrlicher Tenor kann in der Partie des Georges Duménil seinen umwerfend charmanten Schmelz kaum je in Stellung bringen. Angela Mehling schärfelt als seine lebenserfahrene Gattin Marguérite unschön. Diva Lili Wünscher ringt als Angéle auf weiten Strecken recht erfolglos mit Intonation und Vokalen - getragen von übergroßem Vibrato. Jeffery Kruegers Tenor verengt als Henri. Sabine Töpfer ringt der verwegenen Wuchtbrumme Féodora immerhin auch stimmlich komisches Potenzial ab.

Auf dem Niveau, für das die MuKo für gewöhnlich steht, ist mit ihrem schlanken, präzise geführten Sopran Verena Barth-Jurca als kokettes Stubenmädchen Hortense unterwegs und, vor allem: Patrick Rohbeck als Angèles vergnügungswütiger Gatte Paul Aubier. Warm und rund und weich klingt sein Bariton. Und durch die unbändige Bühnenpräsenz des Schauspielers Rohbeck scheint auch musikalisch so etwas wie ein Charakter durch. Ein wunderbarer Sänger-Darsteller.

Als komische Alte funktionieren Michael Raschle als depperter Geizkragen Théophile und die hinreißend zickige Sabine Töpfer als seine Gattin. Andreas Rainer ist als Oberkellner Philippe ohnehin eine sichere Bank.

Dennoch glänzt auch die szenische Seite der Medaille allenfalls matt. Denn im immerhin recht attraktiven Bühnenbild Norbert Bellens, das großbürgerliche Gediegenheit der 50er kurzschließt mit plüschigen Séparée-Fantasien unter güldenem Putto, wie sie die schwiemeligen Spießer-Träume von einst durchzogen haben mögen, findet Volker Vogel keine zufriedenstellende Antwort auf die Frage, warum die MuKo nach 40 Jahren schon wieder einen "Opernball" braucht.

Gewiss: Hier und da funkelt eine Pointe, etwas häufiger zünden Zoten. Aber gegen eine Handlung, in der in einfältiger Umkehr von Da Pontes Cosí Ehefrauen die Treue ihrer Männer unter Zuhilfenahme getürkter Billette und in rosa Kostümen mit der erotischen Ausstrahlung von Zeltplanen (Kostüme: ebenfalls Bellen) austesten, wäre die Regie selbst dann machtlos, verfügten alle Darsteller über das komische Talent eines Patrick Rohbeck. Kurzum: Vogels hüftsteife und lendenlahme Inszenierung nähert sich dem "Opernball" auf Augenhöhe. Und dafür, dass zum hilflos lapidaren Schluss die Verblüffung groß ist, dass erst gut zweieinviertel Stunden vorüber sein sollen, fällt der Applaus wirklich sehr, sehr freundlich aus.

Vorstellungen: 31. Mai, 1., 3. Juni, 8. Juli; Tickets sind erhältlich im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen und über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.05.2014

Korfmacher, Peter

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