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"Hör mal auf, dich wichtig zu nehmen" - Armin Mueller-Stahl im LVZ-Interview

"Hör mal auf, dich wichtig zu nehmen" - Armin Mueller-Stahl im LVZ-Interview

Wagner-Gala am Dienstag in Leipzig. Armin Mueller-Stahl wird mit einem Preis geehrt und tritt als Dirigent auf. Die LVZ sprach vorab mit ihm über Musik, Filme, Handysucht, Technikwahn und den Sinn des Lebens.

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Nachdenklicher Moment in der "Wunderbar" des Lübecker Radisson-Hotels, wo das Interview stattfand.

Quelle: Volkmar Heinz

Leipzig. Ein Interview von Jan Emendörfer

Frage:

Herr Mueller-Stahl, Sie haben schon viele Preise erhalten, darunter 2009 den Mendelssohnpreis der Stadt Leipzig. Nun kommt am 21. Mai der Europäische Kulturpreis Pro Arte in Leipzig hinzu. Was bedeutet Ihnen dieser Preis noch?

Armin Mueller-Stahl:

Es ist wohl ein Preis, der von den Gebern sehr ernst genommen wird. Es ist eine Ehre für mich, und ich nehme ihn so an.

Die Preisverleihung ist ja eingebettet in die Gala "Alle feiern Richard" anlässlich des 200. Geburtstages von Richard Wagner, der in Leipzig das Licht der Welt erblickte. So werden Sie gemeinsam mit Wagner geehrt, und Sie dirigieren während der Gala das MDR-Sinfonieorchester mit einem Stück von Brahms. Wollten Sie das so?

Nein, das war nicht mein Wunsch, ich habe das auch zwei Mal abgelehnt. Das Dirigieren ist sozusagen der Beruf, den ich mir fürs nächste Leben aufgespart habe. Aber dann habe ich mir doch die Partitur geholt, mich in Lübeck mit dem Kapellmeister Ludwig Pflanz getroffen und sie mit ihm studiert. Es geht um den dritten Satz aus Brahms 3. Sinfonie - und ich kann nur sagen: Was für eine wunderbare Musik. Was für eine glänzend organisierte Musik. Das war der Grund für mich, Ja zu sagen.

Haben Sie denn nach dem Treffen mit Pflanz noch weitere Übungsstunden genommen?

Nein, das habe ich nicht. Natürlich wollen die Veranstalter ein Event haben und vielleicht hätten sie es ganz gern, wenn alles über mich lacht. Aber den Gefallen werde ich ihnen nicht tun. Ich werde sehen, wie ich mit dem Orchester klarkomme. Es geht um ein Sechs-Minuten-Stück. Ich kenne es aus meiner Studentenzeit, und ich habe es jetzt neu entdeckt. Die Musik wird immer schöner, immer berührender. Ich verstehe plötzlich den Brahms sehr gut, wie er an seinen vier Sinfonien gefeilt hat...

Es geht um eine Wagner-Gala, finden Sie, dass dieses Brahms-Stück dazu passt?

Das ist mir egal. Wagner ist, ehrlich gesagt, nicht mein Herzens-Komponist, obwohl er zum Teil wunderbare Musik geschrieben hat. Sein vieles Blech, das er verwendet, hat in mir eher Widerstände ausgelöst. Merkwürdig auch dieses Heldentum. Er ist ein großes Egopaket. Aber wie gesagt: Es gibt große Stücke von ihm.

Sie sagten eingangs, das Dirigieren käme in Ihrem nächsten Leben. Wenn Sie heute noch einmal die Wahl hätten, würden Sie der Musik den Vorzug geben vor der Schauspielerei?

Ich glaube, ich würde die Prioritäten anders setzen. Ich denke, ich wäre gern Dirigent und Komponist geworden. Ich habe ja auch komponiert, also zumindest meine Lieder selbst komponiert. Das war alles vor 45 Jahren, und ich hänge auch nicht mehr dran. Aber das Schöne ist, wenn ich öffentlich auftrete vor den Leuten, dann werde ich nochmal zwei Wochen jünger. Ich muss dann entertainen, und das macht Spaß. Vor allem auch die Begegnung mit den Musikern.

Das ZDF hat mit dem TV-Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" versucht, die Debatte um Schuld und Verantwortung der Deutschen im Zweiten Weltkrieg neu anzuschieben. Ist das gelungen?

Für heutige Generationen ist das Dritte Reich eine ganz ferne Welt. Jugendliche wissen zum Teil schon nicht mehr, was die DDR und wer Honecker war und dass eine Mauer existierte. Das letzte Jahrhundert ist schwer belastet durch die Nazizeit, durch die Verbrechen an den Juden und all das, was geschehen ist. Von daher ist es richtig, dass man Fragen aufwirft, die für die nächsten Generationen wichtig sind. Ich halte es aber nicht für so wichtig, was dieser Film im Schlepptau versucht hat, nämlich noch lebende Zeugen zu finden, die über diese Zeit sprechen. Was werden die denn sagen? "Ich habe auch gemordet" - das werden sie nicht sagen. Ich glaube, da ist Marketing im Spiel, um die Sache im Gespräch zu halten. Und wenn man spürt, da kommt ein anständiges Thema in den Fluss des Marketings, dann verliert das anständige Thema ein bisschen seine Anständigkeit. Das Gefühl hatte ich hier.

Sie haben als 14-Jähriger am 1. Mai 1945 Ihren Vater verloren. Wie sind Sie damit fertig geworden?

Ich habe darüber schon viel berichtet, auch in meinem Buch "Unterwegs nach Hause". Mein Vater war auf dem Weg zu unserer Verabredung in Goorstorf bei Rostock. Und ich vermute, er ist unterwegs erschossen worden. Ich kann es nicht beweisen, aber ich weiß, wie Deserteure aufgeknüpft wurden, die dem Krieg zu Recht den Rücken kehren wollten. Ich habe als kleiner Junge den Tod an sich eher als eine Befreiung empfunden. Ich hatte Typhus, Gelbsucht - alle Krankheiten, die durch Hunger befördert werden. Und ich dachte, dass ich am liebsten auch weg will. Der Tod hatte ein bisschen an Dramatik verloren. Und ich sollte dann auch am 1. Mai 1945 erschossen werden, weil ich eine Pistole verbuddelt hatte. Manchmal denke ich dann: Ist mein Vater meinetwegen oder seinetwegen, ist er erschossen worden, weil ich es nicht wurde...Das sind merkwürdige Deutungen, die man für sich selbst entwickelt und die dann allerdings eine Belastung werden.

Ihr Vater war ja Bankangestellter, hatte aber auch schauspielerische Ambitionen, hat zu Hause Sketche aufgeführt. Haben Sie das aufgenommen, wollten Sie etwas umsetzen, was der Vater nicht mehr machen konnte?

Ja! Das war sozusagen meine Liebeserklärung an meinen Vater, der im Leben nicht hat machen können, was er hat machen wollen. Nach Kriegsende begann der Frühling in Form von Kunst. Die Seele lechzte nach Musik, Theater. Die Menschen standen in Berlin auf der Straße und diskutierten, ob ein Werner Krauss, der sich für den NS-Propagandafilm Jud Süß hergegeben hatte und ob ein Fritz Kortner, der die Nazizeit in der Emigration überlebt hatte, ob die beiden in einer Stadt zu verkraften sind. Ich will damit sagen: Das Interesse für die schöne Kunst war unglaublich stark! Und ich wollte wenigsten mal ein Jahr hineinriechen. Für meinen Vater. Ich wollte mich in seine Schuhe stellen und das tun, was er nicht tun konnte. Andererseits wollte ich alles zu gleich: spielen, musizieren, malen, schreiben. Und bin dann bei der Schauspielerei sozusagen hängen ge­blieben.

Sie hadern doch aber nicht mit Ihrem Schicksal?

Nein, nein, ich bin dem Schicksal sehr dankbar! Wenn man schon allein meine vielen Länderwechsel betrachtet, dann war die Schauspielerei der schnellste Weg, um Brötchen auf den Tisch zu bekommen. Aber ich mache mir so meine Gedanken: Die Natur hat alles geschaffen für die Augen; alle Farben, alle Formen - das ist so gewaltig, das kann kein Mensch, ein Maler zum ­Beispiel, je überflügeln. Aber die Natur hat relativ wenig für die Ohren gemacht, es gibt keine Harmonik in der Natur. Da ist also ganz viel Freiraum für einen Künstler. Musik berührt schneller und verschwindet schneller, sie spricht die Erinnerung an, sie verbindet im Kopf Erlebtes und Erdachtes. Viele Komponisten sind jung gestorben und werden heute immer noch gespielt, von manchem Dichter stehen die Werke nur noch im Regal.

In Wien wird derzeit eine moderne Oper von Franz Koglmann aufgeführt. Da geht es um einen Konzern, der einen Superchip entwickelt hat, der Menschen ins Gehirn implantiert wird, damit sie immer online sein können. Wie sehen Sie die ganze Technisierung unserer Welt?

Meine Reaktion: Ich habe kein Handy. Ich habe einen Computer, den benutze ich zum Schreiben und für E-Mails, Punkt. Ich benutze ihn nicht weiter, er stiehlt mir Zeit. Er nimmt mir Kreativität. Und der Wunsch von Menschen, andere Menschen zu verbessern, wird sich irgendwann rächen. Ich sehe, wenn ich in der Bahn fahre, wie Menschen unter ihrer Handysucht leiden.

Sind wir schon krank?

Ich habe das Gefühl, wir sind auf dem Wege uns krank zu machen. Diese Art von Abhängigkeit kann nicht ohne Schaden verkraftet werden von einer Gesellschaft. Wie viel Information verkraftet man denn? Wenn ich Nachrichten sehe, bekomme ich vielleicht 60 Informationen - und ich behalte drei. Nämlich die, die mich interessieren. Also: Was wollen Sie mit dieser Überinformation anfangen? Dafür ist das Gehirn weder geschaffen noch hat es irgendeinen Vorteil. Ich glaube, 90 Prozent der Menschen haben sich nie gefragt, was möchte ich eigentlich mit dieser kurzen Zeit, die mir auf diesem Planeten geschenkt wurde, anfangen. 90 Prozent der Menschen funktionieren wie eine Lokomotive auf dem Gleis, nicht links, nicht rechts gucken. Ist es ein Geschenk, auf dieser Erde zu sein oder ist es nur eine Last? Und heißt es nur abzuwarten, bis ich wieder abtreten darf. Viele Tage sind Geschenke, viele Tage sind Bürden. Und das berührt die Frage: Was ist der Sinn unseres Lebens? Und dann muss man ausprobieren und findet vielleicht heraus: Oh, das macht mir Spaß, da hab' ich Talent...

Sie waren Anfang der siebziger Jahre im DDR-Fernsehen der MfS-Aufklärer Achim Detjen. Auch wenn das Ganze stark po­litisch gefärbt war, Sie kamen ziem-lich cool rüber damals. Hat Ihnen das später bei Ihrer Karriere im Westen ­geholfen?

Ich weiß es nicht. Ich war ja eigentlich gar nicht vorgesehen für die Rolle. Sie ­waren aus auf Gojko Mitic, der mit sei-nen Indianerfilmen Riesenerfolg hatte. Aber dann gelangten die Drehbücher an mich. Und mich hat das erste Buch vom "Unsichtbaren Visier" sehr interessiert. Ich fand es sehr spannend, dass eine Figur in das Leben eines anderen Menschen hinein steigen muss. Und da habe ich Ja gesagt, und ich habe es auch gern gespielt. Aber dann gab es Probleme: Ich wollte eine Abenteuerfigur verkörpern, einen James Bond. Aber Achim Detjen war eine Stasifigur. Mielke hat sich dass angeschaut und war begeistert. "Endlich haben wir ein Figur, wie wir sie uns immer gewünscht haben", sagte der. Ich bin mit Frank Schöbel vor dem Stasi-Wachregiment "Dzierzynski" mit kleinen eigenen Liedchen aufgetreten und die haben getobt. Die sahen in mir den Achim Detjen. Und dann wollte ich nicht mehr...

Sie waren fast 50, als sie die DDR verlassen haben und sind noch mal so richtig durchgestartet. Erst in Westdeutschland, dann in Amerika. Was braucht man außer Mut und Verzweiflung noch für so einen Schritt?

Eine gehörige Portion Naivität! Ich kam mit knapp 60 nach Amerika, mit zwei Filmen, die im gleichen Jahr Oscarnominiert waren - "Bittere Ernte" und "Oberst Redl" -, und ich bekam glänzende Kritiken dort. Und ich bekam auch gleich ein Angebot mit riesigen englischen Texten und ich sprach kein Wort englisch. Der Regisseur sprach auf mich ein im schnellsten amerikanisch, das man sich vorstellen kann, und ich sagte immer nur: "yes, yes, yes" und tat so, als würde ich ihn verstehen. Es war eigentlich verrückt, dort noch mal zu starten, aber die Amerikaner merkten sehr bald, dass ich ein Profi bin und mein Geschäft verstehe und dann kamen die Kollegen auf mich zu und umarmten mich. Man hat mich akzeptiert und ich habe 20 Jahre dort hervorragend gelebt. Und wir fahren auch bald wieder hin...

Hatten Sie nie Angst bei solchen Schritten?

Ich habe das Leben immer auch als ein Abenteuer begriffen. Es ist einfach zu kurz, um nichts zu riskieren. Man kann nicht immer nur an diese Vergeldung des Daseins denken. Versicherung - ich muss mich absichern für das Älterwerden, für dieses und jenes. Am Ende versichert man sich, bis man in die Kiste springt.

Sind Sie eigentlich religiös, beten Sie regelmäßig?

Nein, ich bete nicht regelmäßig. Aber ich bin religiös. Ich stelle immer wieder fest, dass ich mit Menschen, die unsere Erde verlassen haben, noch in Verbindung stehe und zwar noch näher als zu der Zeit, da sie noch lebten. Und das ist auch eine Verbindung zum Jenseits, wenn Sie so wollen. Und mir wird immer wieder klar, dass man als einzelner Mensch ganz unwichtig ist. Ein Blick in den Himmel reicht dafür. Es gibt Milliarden Monde in der Welt, Milliarden Lichtjahre entfernt - wenn man sich das alles vergegenwärtigt, dann bekommt man ein Gefühl für die eigene Wichtigkeit. Und dann werden Sie bescheiden. Als ich damals die DDR verließ, machte ich im Garten ein Feuer - unbeabsichtigt auf einer Ameisenstraße. Ich verbrannte, was ich nicht mitnehmen durfte. Da sah ich, wie die kleinen Ameisen sich einen neuen Weg um das Feuer herum bahnten. Und dann guckte ich hoch und sah, wie meine Vergangenheit - Drehbücher, Liebesbriefe - in der Luft verschwand als Rauch. Und da ging mein Blick auch ins Universum. Da wurde ich gläubig. Hier die kleinen Ameisen, die ich gepiesackt hatte, ohne es zu wollen. Und dort meine Vergangenheit, die sich in Luft auflöste. In solchen Momenten sagen Sie sich: Hör mal auf, Dich wichtig zu nehmen. Du bist nicht wichtig.

Haben Sie so etwas wie einen letzten Wunsch - für sich, für die Welt, für uns alle?

Naja, für uns alle habe ich den Wunsch, den jeder hat, der den Krieg erlebt hat. Ich habe zwei Systeme erleben müssen und überleben dürfen. In beiden hätte ich draufgehen können. Frieden!, wie wir ihn über 60 Jahre hier haben, das wünsche ich mir. Aber die Welt sieht nicht so aus. Im letzten Jahr gab es 15 Millionen Tote - umgekommen durch Kriege, Aids und Hunger. Ich wünschte mir eine Welt, die gerechter wäre, friedlicher wäre, aber das geht wahrscheinlich mit diesen Kreaturen, die sich Menschen nennen, nicht. Der Einstein hat mal gesagt, es gibt zwei Unendlichkeiten: Die des Universums und die der menschlichen Dummheit. Bei der ersten war er sich noch nicht so sicher.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 18.05.2013

Jan Emendörfer

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