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Hoffnungslos lebensbejahend: Ruth Klüger im Haus des Buches

Hoffnungslos lebensbejahend: Ruth Klüger im Haus des Buches

Das Buch war ein Schullesebuch. Die Mutter hat es der Tochter mitgebracht. Es ins Lager eingeschmuggelt. Ein Geschenk für das Kind. Eins, das alle Erwartungen dieses Kindes übertraf, als es dann in diesem Lager, hungernd und frierend, Goethes "Osterspaziergang" las.

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Ruth Klüger vor dem Haus des Buches

Quelle: André Kempner

Dieses "Vom Eise befreit" las und sofort wusste, dass dieses Eis ihre Existenz in Gefangenschaft meint. Wie es auch wusste, dass der Rückzug des Winters "in seiner Schwäche" und der Rückzug der deutschen Armee "ein und das selbe" ist. Die Wehrmacht, nur noch fähig zu "ohnmächtigen Schauern", hatte dem nichts mehr entgegenzusetzen, was bei Goethe als "Hoffnungsglück" grünt.

Gedichte und ihre Interpretationen. Am Mittwoch war im Haus des Buches die Autorin und Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger zu Gast. Vor ausverkauftem Saal nimmt sie gemeinsam mit dem Germanisten Jürgen Krätzer auf dem Podium Platz. Zwei, die sich schon länger kennen und deren herzlicher, auch ironischer Umgang miteinander, von Anfang an jegliche Steifheit aus der Veranstaltung verbannt. "Zerreißproben" (Zsolnay Verlag) heißt Klügers neuestes Buch. Ein Band mit Lyrik der Autorin, die diese Lyrik darin zudem gleich noch selbst kommentiert. Klüger: "Das ist der Versuch das Tabu zu brechen, dass Gedichte nicht von ihren Verfassern interpretiert werden dürfen."

Nun könnte man sagen, dass es nur einer dichtenden Literaturwissenschaftlerin einfallen kann, ihrer Dichtung (und somit Lesern selbiger) die korrekte Deutungsrichtung überzuhelfen. Nur griffe das im konkreten Fall zu kurz. Einfach, weil Klügers Interpretationen selbst eine literarische Qualität haben. Der lyrisch erkundende Ton und die reflektierende Prosa schwingen ineinander über. Und gerade beim Vortrag, beim bloßen Hören, ist da nicht in jedem Fall klar zu sagen: Ist das Gedicht schon zu Ende, hat die Interpretation schon begonnen?

Die Stadt Wien, die Kinder, der Pazifik vor der kalifornischen Küste. "Auf jeder Reise bröckelt ein Stück Ich ab" schreibt Klüger in "Unterwegs verloren", ihrem Erinnerungsband der dort einsetzt, wo der Vorgänger "Weiter leben. Eine Jugend" aufhört. Jenes Buch, das gerade auch davon erzählt, wie die 1931 in Wien geborene Klüger als Jüdin mit elf Jahren ins KZ deportiert wurde. Jenes Buch, in dem dieses bestätigend, das berühmte Diktum Tadeusz Borowskis steht: "Man hat uns nicht gelehrt die Hoffnung aufzugeben. Deswegen sterben wir im Gas."

Daran mag man denken, als Klüger am Mittwoch obige Erinnerung schildert. Mit dieser festen, immer noch wienerisch eingefärbten Stimme. In Klügers Werk - und gerade in ihrem lyrischen - komprimiert sich ein Paradox, eine Ambivalenz, die sicher auch von einer Zerrissenheit kündet. Der Abgesang auf die Hoffnung, ist eben noch keiner auf das Leben. "Es gibt keine Liebe ohne Erinnerung" schreibt Joseph Brodsky: "keine Erinnerung ohne Kultur, keine Kultur ohne Liebe. Deshalb ist jedes Gedicht ein Faktum der Kultur wie ein Akt der Liebe und ein Blitzlicht der Erinnerung und ich würde anfügen - des Glaubens."

Was das heißt, zeigt sich gerade auch in Klügers Lyrik. Sprache gewordene, abgebröckelte Stückchen vom Ich. Hoffnungslos lebensbejahend. Illusionslos poetisch. Steffen Georgi

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 06.09.2013

Steffen Georgi

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