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Hohe Kosten der Konzerte im Schauspiel Leipzig in der Kritik

Hohe Kosten der Konzerte im Schauspiel Leipzig in der Kritik

Im Schauspiel liegen die Nerven blank. Die Diskussion um das behauptete Defizit im aktuellen Haushaltsjahr und das damit verbundene Hickhack zwischen der alten Intendanz um Sebastian Hartmann und der neuen um Enrico Lübbe ist noch lange nicht vom Tisch, da legt der Sächsische Rechnungshof mit einem anderen Prüfbericht nach und hat einiges zu beanstanden.

Leipzig. Unter anderem: 130.000 Euro Defizit verursachte jährlich allein die Veranstaltung von Konzerten.

Seit 2008, mit Beginn der Ära Hartmann, veranstaltet das Schauspiel in Eigenverantwortung Konzerte und beschäftigte dafür mit Christoph Gurk einen "Musikkurator". Dessen Assistent Tobias Schurig übernahm den Job, als Enrico Lübbe 2013 die Intendanz antrat. Unumstritten war die Konzertsparte von Anfang an nicht. Zweifel gab es von Seiten der Vertreter eines herkömmlichen Theaterbetriebs, aber auch in der Veranstalterszene regte sich Unmut. Denn mit dem Centraltheater trat eine Konkurrenz auf den Plan, die als Wettbewerber im Leipziger Konzertmarkt ernst zu nehmen war. Er würde vorwiegend Konzerte veranstalten, die sonst niemand in Leipzig anbieten könnte, einen Wettbewerb würde es also nicht geben, entgegnete Gurk solchen Befürchtungen stets. Dem Publikum waren Bedenken ohnehin fremd, die Konzerte wurden prinzipiell gut angenommen. Letztendlich arrangierten sich alle mehr oder weniger zähneknirschend mit den Verhältnissen. Schließlich wollte niemand als Miesepeter, quasi als Kulturfeind, dastehen. Prüfen oder vergleichen ließ sich überdies kaum etwas, über Gagen, Kosten oder Auslastung redet in der Veranstaltungsbranche niemand gern. Der Sächsische Rechnungshof schon.

"Prüfungsmitteilung Haushalts- und Wirtschaftsführung des Schauspiels Leipzig" heißt die Vorlage, die im Februar im Betriebsausschuss Kulturstätten und im März in der Ratsversammlung zur Kenntnis genommen werden soll. Auch wenn in den öffentlich zugänglichen Wirtschaftsplänen die Konzertsparte buchhalterisch nicht einzeln ausgewiesen wurde, interessiert haben die in der Logik der Rechnungshof-Prüfer Theater-fremden Kosten offensichtlich doch. Das Ergebnis dürfte auch für Wohlmeinende eine böse Überraschung sein: 130.000 Euro ist das festgestellte jährliche "Defizit".

Gemeint sind damit wohlgemerkt die reinen Kosten zur Durchführung von Konzerten - die Personalkosten des Musikkurators und seines Assistenten sowie die allgemeinen Fixkosten, die durch die Nutzung der Spielstätten bestehen, fließen dort nicht hinein. Dass letztere nicht unerheblich sind, lässt sich dem Bericht indirekt auch entnehmen. Dass "die Preise für Vermietungen nicht auf Kalkulationen beruhten", läge daran, dass bei "Umlegung aller fixen und variablen Kosten - die Vermietungskonditionen nicht mehr wettbewerbsfähig gewesen seien". Hinsichtlich der Diskussion um die immer bestrittene Konkurrenzsituation pikant ist auch der nachfolgende Satz des alten Verwaltungsdirektors: "Ich verweise in dem Zusammenhang auf das Überangebot von Veranstaltungsstätten in der Stadt Leipzig".

Ausgerechnet die jetzt kritisierte Konzertsparte ist das einzige Programmelement, das mehr oder weniger konzeptionell unverändert und sogar in personeller Kontinuität in die neue Ära übernommen wurde. Wie groß die Paranoia im Schauspiel diesbezüglich ist, lässt sich gut daran ablesen, wie das Haus mit Anfragen zum Thema umgeht - nämlich gar nicht. Selbst die einfache Frage, wie viele Konzerte man denn eigentlich veranstaltet hätte, bleibt unbeantwortet. Das allerdings lässt sich mit Hilfe der bestens gepflegten Termindatenbank des Stadtmagazins Kreuzer herausfinden: 20 bis 25 Konzerte veranstaltete das Centraltheater jährlich. Über 5200 Euro Minus wurden also durchschnittlich mit jedem einzelnen Konzert eingefahren.

Diese Höhe macht auch erfahrene Konzertveranstalter fassungslos. Dazu muss man anmerken, dass die von Gurk behauptete reine Lehre so niemals gestimmt hat. Natürlich gab es eine ganze Reihe exklusiver Konzerte, die ein hohes Defizit mit ihrem hohen künstlerischen Anspruch rechtfertigen können: Wolfgang Voigt, das Moritz von Oswald Trio und Francesco Tristano führte Gurk 2012 im Interview mit der LVZ selbst als Beispiele an. Allerdings nur ungefähr ein Fünftel aller Konzerte fallen in diese Liga. Der weitaus größte Teil des Programms speiste sich aus normalem Tourbooking, aus Bands also, die auch gut anderswo in Leipzig auftreten könnten - oder schon teils mehrfach aufgetreten sind: Fehlfarben, Austra, Sizarr, Die Goldenen Zitronen, Jochen Distelmeyer oder Laibach etwa. Dass es dabei immer wieder zu Bieterwettbewerben mit anderen Leipziger Veranstaltern gekommen ist, bestätigen mehrere von ihnen im vertraulichen Gespräch. Mit den großzügigen Gagenangeboten des Centraltheaters konnte im Zweifelsfall aber keiner konkurrieren.

Stellt man die künstlerische Einzigartigkeit erst mal in Abrede, ist die Frage nach der Effizienz der verwendeten Mittel zwangsläufig. Die 130.000 Euro Defizit sind nicht sehr weit von der kompletten institutionellen Förderung von Clubs der freien Szene mit vergleichbarer Kapazität entfernt: Das Conne Island und das Werk 2 erhalten je ungefähr 170.000 Euro im Jahr. Sie veranstalten damit aber jeweils um die 100 Konzerte - also das Vierfache - und stemmen obendrein noch eine Menge weiterer Soziokultur. Die jährliche Projektförderung der freien Szene in den Bereichen Pop/Rock/Folk/Jazz/Neue Musik umfasst gar nur um die 50.000 Euro.

Dass diese Diskrepanz nicht wirklich akzeptabel ist, scheint auch die Stadtverwaltung so zu sehen: "Die Folgerung ist zutreffend und wird - Beachtung finden", heißt es in der Stellungnahme des Referats Grundsatzfragen zum Prüfbericht des Rechnungshofes noch etwas trocken. Konkret bedeutet das auf Nachfrage aber: Das Referat legt dem aktuellen Intendanten Enrico Lübbe nahe, die Konzertreihe einzustellen. Kommentar aus dem Schauspiel? Gibt's nicht.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 25.01.2014

Jörg Augsburg

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