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Hohlied der schönen jungen Stimmen

Hohlied der schönen jungen Stimmen

"Seid froh dieweil, Dass euer Heil Ist hie ein Gott und auch ein Mensch geboren." Das ist, zugegeben, sprachlich ein arg barock, aber doch eine ziemlich klare Sache.

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Alle Jahre wieder: Die Thomaner, das Gewandhausorchester, der Thomaskantor mit Bachs Weihnachtsoratorium.

Quelle: André Kempner

ziemlich klare Sache. Drum hat Bach diese Zeilen am Ende der dritten Kantate seines Weihnachtsoratoriums in herrlich heitere, auffahrende, heilsgewisse Töne gekleidet. Ein in seiner bis zum Äußersten kunstvollen Schlichtheit wunderbarer Choral.

Doch Thomaskantor Georg Christoph Biller nimmt ihn am gestrigen Abend, beim ersten der drei kanonischen Thomaner-WOs (Kantaten I-III und VI) in der Thomaskirche, zum Anlass, die gestalterischen Werkzeuge zu zeigen. Komplett: Schroffe dynamische Kontraste, silbenweise neue Ansagen in Sachen Artikulation und Agogik, ein merkwürdig gegen den Strich gebürsteter Umgang mit dem Zeilenende.

Vor allem letzteres kennzeichnet auch davor und danach die Choräle des Jahrgangs 2014. Und es ist mindestens ein bisschen verwunderlich, dass die Reflexe des Gemeindegesangs unter den Händen von Bachs Nachfolger im Amte immer manirierter werden. Allerdings: Sie klingen auch schön. Sehr schön sogar. Und kehrt man Fragen nach dem Warum und Wieso beiseite, bleibt ein Knabenchorklang, der unmittelbar die Seele erreicht. Weil Billers Jungs in Echtzeit jeden Wink umsetzen und durch Reaktionsschnelle und die ätherische Geschmeidigkeit ihrer Stimmen jede philologische Debatte im Keim ersticken.

Ansonsten enthält Biller sich in den Chören und Arien, auch in den Rezitative (sieht man von der Laute ab, mit der er die Continuo-Gruppe interessant aufhübscht) jeder Deutungshuberei und lässt leicht, federnd, sinnlich und natürlich musizieren. Weite Teile entwickelt er überdies aus dem gleichen Puls heraus, was seinen Tempi den wohligen Reiz des Vertrauten schenkt. Vor dem Hintergrund dieser ästhetischen Haltung singen die Thomaner auf ebenso eindrucksvollem Niveau, bis in die halsbrecherischste Koloratur, den filigransten Triller hinein. Keine Frage: Dieser Knabenchor rangiert derzeit wieder unter den besten.

Auch an der Solistenfront bleiben diesmal, sieht man von der spitzig-explosiven Höhe der Sopranistin Johanette Zomer ab, keine Wünsche unerfüllt. Vom warmen Evangelien-Tenor Tilman Lichdis und den wunderweichen Koloraturen seines Arien-Kollegen Patrick Grahl über den schlackenlos geführten sanften Alt Sophie Harmsens und den so schlanken wie durchsetzungsfähigen Bass Tobias Berndts bis zum stratosphärischen Thomaner-Engel. Das Hohelied der schönen jungen Stimmen.

Und ein Fest historisch informierten Musizierens auf modernen Instrumenten. Was das Gewandhausorchester da auf der Orgelempore abliefert, hätte man vor zehn Jahren noch nicht für möglich gehalten. Da polieren Konzertmeister Sebastian Breuninger an der Solo-Violine und Gábor Richter an der ersten Trompete, Anna Garzuly-Wahlgren und Vivien Heuberger an den Flöten, Thomas Hipper, Uwe Kleinsorge, Simon Sommerhalder und Thomas Herzog an den Oboen-Instrumenten gekonnt am obligaten Glanz, ohne ihre Partien mit denen von Solistenkonzerten zu verwechseln. Will meinen: Auch das prunkendste Solo bleibt im Dienst der Stimme, des Wortes, der Botschaft. Was erst recht für den feinnervigen Streicherapparat gilt und das unaufgeregt verlässliche Continuo. Das alles produzieren die Gewandhaus-Musiker mit einer souveränen Gelassenheit, die es Biller erlaubt, sich ganz auf die Jungs zu konzentrieren. Verdienter Jubel, ausdauernd, im Stehen.

Heute und morgen (jeweils 17 Uhr) gibt es weitere Aufführungen. Um noch eine Karte zu ergattern, muss man sehr viel Glück haben..

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 13.12.2014
Korfmacher, Peter

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