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Holger Witzels dritter Kolumnenband erscheint: "Ich werde zunehmend zorniger"

Holger Witzels dritter Kolumnenband erscheint: "Ich werde zunehmend zorniger"

Seine Internet-Kolumne "Schnauze, Wessi!" ist legendär, auch die beiden bisherigen Sammelbände waren ein großer Erfolg: Holger Witzel (46), "Stern"-Reporter, Schriftsteller ("Die Nachhut", 2008 unter dem Pseudonym Hans Waal) und Wieder-Leipziger, pöbelt darin aus einem besetzten Land, das ehemals DDR hieß.

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Der Reporter und Kolumnist Holger Witzel in seiner Heimatstadt Leipzig. „Es gibt keinen Grund, dem Westen dankbar zu sein", sagt er. „Wofür denn?"

Quelle: Volkmar Heinz

Was nicht immer offensichtlich ist: Eigentlich geht es um die deutsch-deutsche Völkerverständigung. Jetzt erscheint "Heul doch, Wessi" - eine bitter-garstige Abrechnung. Am kommenden Donnerstag ist Buchpremiere in Leipzig.

LVZ

: Das Schönste an Hamburg ist die Rückfahrkarte nach Leipzig - eine zutreffende Aussage?

Holger Witzel:

Ich habe einige Zeit in Hamburg gelebt und bin heute noch häufig dort, in der "Stern"-Redaktion, oder auch in Berlin. Seltsamerweise schaffe ich fast immer einen Zug früher zurück, als geplant.

Weil Sie es nicht länger als nötig im Westen aushalten?

Dieser Ost-West-Konflikt ist mir erst aufgefallen, seitdem ich wieder in Leipzig lebe. Ich bin vor einigen Jahren zurückgekommen, was sicherlich auch seine Gründe hatte - und hier sind plötzlich auch die Hamburger gewesen. Natürlich spitze ich in den Kolumnen zu, doch es gibt keinen Text, bei dem ich mir vorhalten lassen müsste, dass die Fakten nicht der Wahrheit entsprechen.

"Schnauze, Wessi!" gibt es seit fünf Jahren, entstanden als Reaktion auf die Jubelorgien zum 20-Jährigen des Mauerfalls, wie Sie sagen. Sahen oder sehen Sie sich als Vermittler zwischen den ost- und westdeutschen Welten?

In naiver Weise dachte ich anfangs schon, dass man den Westdeutschen tatsächlich mal etwas erklären kann. Aber das ist leider nicht so. Selbst meine Kollegen in Hamburg lesen die Texte zwar gern, am Ende wissen sie aber nicht, worum es eigentlich geht. Da herrscht ein großes Unverständnis und auch eine Renitenz gegenüber Erklärungen. Es ist einfach uninteressant, wie wir Ostdeutschen leben. Die Deutsche Einheit spielt nur in Sonntagsreden mal eine Rolle. Westdeutsche reagieren zwar auf meine Pöbeleien - doch die logische Konsequenz, die Frage nach dem Hintergrund, wird ignoriert. Die Grundkränkung des Ostdeutschen ist nicht vermittelbar.

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Holger Witzel: Heul doch, Wessi. Eulenspiegel Verlag ; 192 Seiten, 12,99 Euro

Quelle: Eulenspiegel Verlag

Im Buch zitieren Sie den Unternehmensberater Roland Berger: Die Ostdeutschen sollten den Westdeutschen häufiger ein Lächeln entgegenbringen, und sie sollten auch häufiger Danke sagen. Denken Sie, das ist die vorherrschende Meinung?

Das ist schon typisch. Wenn man immerzu Danke sagen soll, vergeht einem doch das Lächeln. Es gibt keinen Grund, dem Westen dankbar zu sein. Wofür denn? Dafür, dass er sein ganzes Zeug hier losgeworden ist? Dafür, dass er hier Autobahnen bauen und Häuser kaufen konnte? Es gibt nach wie vor enorme Unterschiede beim Einkommen, bei der Besetzung von Posten in Behörden und Unternehmen. Das möchte man im Westen aber nicht hören - und fühlt sich von meinen Kolumnen beleidigt. Das heißt: Die eigentlichen Adressaten werden von den Texten nicht erreicht. Die Ostdeutschen sehen die Geschichten hingegen als Selbstbestätigung

Das klingt nach Verbitterung.

Nicht in Bezug auf das Ost-West-Thema. Ich denke aber, dass die Leute, die in und mit der DDR unzufrieden waren, heute allen Grund haben, verbittert zu sein, weil sie sich eine freiere Gesellschaft vorgestellt haben. Dieser ganze Lobbyismus, diese Ängste der Menschen, diese Duckmäuserei, ob nun auf Arbeit oder überhaupt, dieses verklärte Bild von Freiheit und Demokratie - es gibt genug Gründe, verbittert zu sein.

Ihnen wird immer wieder vorgeworfen, einen nostalgischen Blick auf die DDR zu haben. Das passt irgendwie nicht zu dem Holger Witzel, dem in der DDR das Abitur verweigert wurde und der in einer Leipziger Punkband gespielt hat.

Das muss ja keiner wissen. Außerdem: Ich schreibe ja nicht, dass im Osten alles klasse war, sondern dass im Westen eben nicht alles gut ist.

Gleich zu Beginn des neuen Buches wird in einem Gespräch mit Ihrer Kollegin die Frage aufgeworfen, ob die Ostdeutschen die besseren Menschen sind. Wie lautet Ihr Fazit?

Natürlich glaube ich nicht, dass die Ostdeutschen die besseren Menschen sind. Es macht aber Spaß, die Indizien dafür den Westdeutschen um die Ohren zu hauen. Oder anders: Wir waren vielleicht mal die besseren Menschen, doch der Westen hat uns versaut.

Was ebenfalls immer wieder herauszulesen ist: Ostdeutsche mussten in den vergangenen 25 Jahren sehr viel lernen, während viele Westdeutsche resistent gegenüber jeder Veränderung sind.

In den abgenutzten Ländern herrscht die Meinung vor, dass die BRD der 80er Jahre immer noch existiert. Dort hat sich nichts geändert - außer die Postleitzahl. Dagegen wurden die Ostdeutschen komplett umgekrempelt, unsere Welt wurde auf den Kopf gestellt. Daraus ergibt sich ein gravierendes Ungleichgewicht. Die Wahrheit ist: Auch für den Westen hat sich eine Menge geändert. Nur: Die wenigsten wollen das wahrhaben.

Dagegen ließe sich zum Beispiel sagen, dass mit Angela Merkel und Joachim Gauck zwei Ossis an der Staatsspitze stehen.

Das betrifft aber nicht die Lebenswirklichkeit der Menschen. Jemand wie Angela Merkel käme doch in jedem System zurecht. Und bei Joachim Gauck bleibt nur die Erkenntnis, dass es im Westen offenbar kein präsidiables Personal mehr gegeben hat, und deshalb ein Ost-Rentner reaktiviert werden musste.

Mittlerweile gibt es die "Dritte Generation Ost". Hat sich das Thema nicht irgendwann erledigt?

Eher nicht. Jeder von uns gibt seinen Kindern - bewusst oder unbewusst - Erfahrungen mit auf den Weg, die aus der eigenen Prägung resultieren. Und wenn man sich genau anschaut, welche Probleme zum Beispiel die "Dritte Generation Ost" thematisiert, wird schnell klar, dass die Deutsche Einheit längst nicht vollzogen ist. Ich fürchte, das wird auch in 25 Jahren noch so sein. Nein: Ich hoffe das! Mit den meisten Leuten im Westen möchte ich persönlich weder irgend eine Einheit noch anderes vollziehen.

Das heißt, Sie werden die Kolumnen mindestens bis zur Rente weiterführen?

Im Gegenteil: Ich höre wahrscheinlich im Herbst auf. Nicht, weil mir der Stoff ausgehen würde - sondern weil ich zunehmend zorniger werde. Die Kolumnen sollten immer einen ernsten Kern haben, in einen lustigen Mantel gehüllt. Nur noch der böse Ostler zu sein, macht keinen Spaß. Ich weiß allerdings noch nicht, wie es wird, wenn dieses Ventil wegfällt. Vielleicht beginne ich dann, Westdeutsche im Alltag oder auf der Straße anzupöbeln. Mal sehen.

 

Holger Witzel: Heul doch, Wessi. Eulenspiegel Verlag; 192 Seiten, 12,99 Euro

Buchpremiere mit Holger Witzel: 25. September, 20.15 Uhr, bei Lehmanns, Grimmaische Str. 10 in Leipzig; Karten (7,50/5 Euro) unter Tel. 0341 33975000

Weitere Lesungen: 28. September, 16 Uhr, Bücherstall in der Bücherstadt Wünsdorf Gutenbergstraße 5;

7. Oktober, 20.15 Uhr, Thalia-Buchhandlung, Neumarkt 2 in Chemnitz;

8. Oktober, 20 Uhr, Haupt-und Musikbibliothek, Freiberger Str. 35 in Dresen;

16. Oktober, 20 Uhr, BAIZ Kultur- und Schankwirtschaft, Schönhauser Allee 26A in Berlin;

17. Oktober, 19 Uhr, EWE-Kundencenter im A10-Center, Chausseestraße 1 in Wildau;

9. Dezember, 19.30 Uhr, Bibliothek Ilmenau, Bahnhofstr. 7 in Ilmenau

 

 

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 19.09.2014

Andreas Debski

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