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Kultur Holprige Herzigkeit: Eichendorffs „Taugenichts“ als Sommer-Musiktheater auf der Feinkost
Nachrichten Kultur Holprige Herzigkeit: Eichendorffs „Taugenichts“ als Sommer-Musiktheater auf der Feinkost
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00:19 26.06.2017
Charmante Darbietung auf kleiner Rumpelbühne: Johannes Gabriel, Elisa Jentsch und Alexander Fabisch (von links) singen im Hof der Feinkost aus dem Leben eines Taugenichts. Quelle: Dirk Knofe
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Leipzig

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühen? Ach, wo ist es nur hin, in diesem unseren Zeitalter, in dem noch jeder Sehnsuchtsort und jede Sehnsucht sowieso durch schmallippige EU-Richtlinien und vollklimatisierten Vollkomfort-Tourismus domestiziert scheinen. Mit Zitronen nach Norm, Billigflügen und dem akustischen Grauen namens „Sommerhit“.

Man muss schon anderswo danach suchen als in Reisekatalogen. Im Sommertheater auf der Feinkost etwa. Zitronen gibt es da zwar keine (höchstens Zitroneneis), und zur Premiere am Donnerstag wehte auch kein „sanfter Wind vom blauen Himmel“, sondern umtobte ein garstiger Gewittersturm den gottlob überdachten Spielort; aber was dort unter der Regie von Christian Hanisch und Elisa Jentsch auf passend kleiner Rumpelbühne als passend sanft rumpelnde Inszenierung aufbereitet wurde, ist ein Klassiker des romantischen Fernwehs, ein in jeglicher Hinsicht sonniges Reiseabenteuer: Eichendorffs Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“ nämlich.

Nur logisch, dass sich das auch formal als Theatertaugenichts-Genre-Rumpelkammer darbietet. Als ein grob aus szenischer Lesung, Konzert, Hörspiel zusammengezimmertes Etwas, das Hanisch/Jentsch so ähnlich schon mal an Jack Londons „Abenteuer des Schienenstrangs“ exerzierten. Weshalb dieser „Taugenichts“ auch als „On the Road Vol. II“ untertitelt ist. Und wie einst beim Durchqueren Amerikas ist jetzt auch Eichendorffs spätromantisches Reiseabenteuer Richtung Rom und zurück mit zahlreichen Liedern unterlegt.

Das Stück braucht Nähe

Geträllert, gebrummt, geschmettert und gesäuselt werden die von Alexander Fabisch, Johannes Gabriel und Elisa Jentsch. Mit Keyboard (Gabriel) und Gitarre (Fabisch), Violine (Jentsch) und allerlei Schnickschnack von Rassel bis Tröte (in wechselnder Besetzung) verwandeln sich dabei nicht nur Kunstlieder von Wolf, Schubert, Schumann zu hübsch torkelnden Folksongs im staubigen Straßenhabitat, sondern grundieren sich verschiedene Szenen immer wieder mit atmosphärischen Sounds.

Freilich, musikalische Virtuosität oder technisch-stimmliche Akkuratesse sollte man nicht erwarten. Was ja auch, um es mal so zu sagen, jener gewissen Authentizität zuwider laufen würde, mit der diese Inszenierung einzunehmen vermag. Deren freundliche Unbekümmertheit und holprige Herzigkeit man getrost als dramaturgische Konsequenz ansehen kann. Dem Eichendorffschen Personal tagträumender Müllersburschen, holder Maiden oder trinkfester Straßenmusikanten ist das fraglos angemessen. Angemessener vielleicht als Tenöre in Frack und bürgerliche Konzertsaal. Aber das ist ein anderes Thema.

Die Geschichte vom „Taugenichts“, dieses letztlich ja gänzlich undramatische Abenteuer sanfter Sommerwehmut und Italiensehnsucht, wird hier jedenfalls genauso geboten: gänzlich undramatisch und in sanfter Sommerwehmut. Als Zuschauer sollte man sich dafür möglichst nah ran setzen an die Bühne. Einfach, weil das Stück diese Nähe nicht nur verträgt, sondern auch braucht. Um die kleinen Interaktionen besser zu sehen (die Hütchen-wechsle-dich-Spiele, das Beträufeln von Gabriels Glatze mit Wasser aus einer Gießkanne, oder wie Jentsch sich einen hübschen Bart unter die Nase malt). Und um manchen Text besser hören zu können. Gerade final, wenn ja Goethes nach wie vor wunderbare „Mignon“-Ballade gesungen wird: vom Land, wo die Zitronen blühen.

Das Üz spielt „Aus dem Leben eines Taugenichts“ wieder am 23. Juni sowie von 2. bis 5. Juli und 21. bis 24. August, jeweils 19 Uhr, im überdachten Hof der Feinkost (Karl-Liebknecht-Straße 36), Eintritt 10/8 Euro

Von Steffen Georgi

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