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Horoskop in Slogan-Form – Tocotronic lassen sich im Leipziger Conne Island feiern

Horoskop in Slogan-Form – Tocotronic lassen sich im Leipziger Conne Island feiern

Tocotronic im Conne Island. Ein Ort, an dem man immer ganz genau merkt, wenn eine Band spielt, die dort eigentlich nicht mehr hingehört, weil sie der Größe und dem musikalischen Anspruch des Ladens entwachsen sind.

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Die Tocos waren am Dienstag wieder mal im Eiskeller.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Es gibt dann Bier aus dem Plastebecher statt aus der Flasche, so wollen das die Agenturen der Bands meistens, weil man eine Flasche ja auch gut gen Künstler werfen könnte. Vorgekommen ist das seit Menschengedenken allerdings noch nicht im Conne Island - außer vielleicht bei einem der vom Naturell her deftigen Oi!-Punk-Konzerte, wo das zur Szenefolklore gehört.

 „Oi!“ steht prompt auf dem Stempel, den der Besucher am Dienstag beim Einlass auf die Hand bekommt; und wenn man es nicht besser wüsste, könnte man dem Conne-Island-Team fast so etwas wie einen feinen hinterfotzigen Humor unterstellen. Denn es spielen Tocotronic und die haben mit der Attitüde von Punk nichts gemein. Das beweisen sie prompt, als sie mit „Sag alles ab“ eine Art Möchtegern-Punkrock-Stück hinlegen, das erforderliche Maß an Dreck und Räudigkeit aber natürlich nicht hinbekommen, das einen verleiten würde, sein Bier mit Wonne nach vorn zu schleudern.

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Leipzig. Tocotronic im Conne Island. Ein Ort, an dem man immer ganz genau merkt, wenn eine Band spielt, die dort eigentlich nicht mehr hingehört, weil sie der Größe und dem musikalischen Anspruch des Ladens entwachsen sind. Es gibt dann Bier aus dem Plastebecher statt aus der Flasche, so wollen das die Agenturen der Bands meistens, weil man eine Flasche ja auch gut gen Künstler werfen könnte.

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 Zu kokett sind Tocotronic für derlei durchgebrannte Emotionalität, zu sehr mit der eigenen Befindlichkeit beschäftigt - und damit der des Publikums. „Die Revolte ist in mir“ heißt eines der Tocotronic-Stücke, „vor den Spießern auf der Flucht“ singen sie in „Gegen den Strich“, es sind die vertonten Rechtfertigungs-Strategien der Indie-Gemeinde, die Tocotronic in diesem Land so erfolgreich gemacht haben, dass sie seit Jahren ein strategisch geplanter Prioritäts-Posten im Etat von Universal, der größten Plattenfirma des Landes und der Welt, sind.

Das interessiert das Publikum natürlich nicht, es gibt „Hey! Hey!“-Sprechchöre bei „This Boy Is Tocotronic“ und es wird hemmungslos mitgegrölt bei „Drüben auf dem Hügel“. So war das schon vor knapp 20 Jahren, als Tocotronic hier im Conne Island ihr Leipzig-Debüt gaben. Die elenden Trainingsjacken von damals wurden inzwischen abgelöst von North-Face-Funktionskleidung und Wollmützen. Draußen sind es übrigens an die zehn Grad. Wer wissen will, wie es um den „Indie“-Standort Deutschland steht, ist hier genau richtig.

 Es gehört seit jeher zum Live-Konzept von Tocotronic, dass alles irgendwie vergurkt, also - nun ja - beschissen wirkt. Aufgefangen wird das inzwischen ein wenig durch die schiere Stadionrock-Atmosphäre auf der Bühne; mit drei Gitarren und ohne jede Finesse kracht die Band durch ihr Programm. Für diesen Sound wurde irgendwann der dämliche Marketing-Begriff „Alternative“ erfunden. Gut klingt das nicht wirklich, aber das interessiert im proppevollen Saal natürlich niemand, solange man in den Tocotronic-Texten schwelgen kann, die wenig mit Poesie und viel mit Horoskopen in Slogan-Form gemein haben: Irgendwas stimmt immer und für jeden.

 „Lasst uns durch tiefe Schluchten wandern, in des Mondes Schein“ - man muss kein Schelm sein, um sich eher an Xavier Naidoo zu erinnern als an eine Band, die noch im Januar auf den Titeln aller großen - von „relevant“ kann man ja nicht mehr sprechen - Musikmagazine des Landes war. „Wie wir leben wollen“ heißt das aktuelle Album, und es gibt nur wenig davon zu hören. Auch das ein antikünstlerischer Quasi-Zwang im Konzert-Business.

 Der jüngste Song, bei dem das Publikum förmlich explodiert, ist denn auch schon acht Jahre alt: „Aber hier leben, nein danke“ wird von einem Appell gegen die aktuellen migrantenfeindlichen Proteste in Schneeberg eingeleitet. Dass das folgende durch Hunderte Kehlen verstärkte, schon sprachsoundlich teutonische und Krauts-Pulp-hafte „Nein danke!“ dann aber auch irgendwie nah dran ist an einer gefühlten Sportpalast-Durchhalte-Rede - wen juckt’s? „Bitte, bitte bleibt so cool, wie ihr jetzt seid“, sagt Sänger Dirk von Lowtzow ganz am Ende noch. Das wäre fast schon wieder lustig. Wenn man es nicht besser wüsste.

Jörg Augsburg

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