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„Ich beherrsche mein Handwerk“ - Anthony Pilavachi inszeniert in Leipzig „Rigoletto“

„Ich beherrsche mein Handwerk“ - Anthony Pilavachi inszeniert in Leipzig „Rigoletto“

Leipzig. Am Sonnabend öffnet sich an der Oper Leipzig der Vorhang zu Verdis „Rigoletto“. Regie für die erste Premiere der Saison führt Anthony Pilavachi, geboren 1962 auf Zypern, in Frankreich aufgewachsener irischer Staatsbürger und seit 1987 in Deutschland ansässig.

In Europa und Übersee hat er bisher über 70 Opern inszeniert. Peter Korfmacher sprach mit ihm.

 Frage:

Die erste Premiere der ersten wirklich vom neuen Intendanten verantworteten Spielzeit - an Ihrem „Rigoletto“ hängt die Zukunft der Oper Leipzig...

Anthony Pilavachi:

Dessen bin ich mir bewusst. Und zum allerersten Mal habe ich vor einer Premiere ein wenig Angst.

 Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?

 Gar nicht. Ich inszeniere, als würde ich davon nichts wissen, konzentriere mich darauf, herauszufinden, was der Komponist gemeint, was ihn am Libretto interessiert und inspiriert hat. Bei diesem Stück ist alles durch: Allein die Mafia-Inszenierungen der letzten Jahre gingen in die Dutzende. Ich muss mich diesen Moden nicht beugen, kann mich auf mein Handwerk als Opernregisseur berufen. In den letzten Jahren sind viele Opern von Externen inszeniert worden, zuerst waren es Schauspielregisseure, dann Schauspieler, dann Film-Regisseure. Es hat sich gezeigt, dass sie überfordert waren, weil sie das Handwerk eben nicht beherrschen.

 Woran scheitern sie?

 Vor allem daran, dass sie nicht in der Lage sind, die Personenführung aus der Partitur heraus zu entwickeln. Da steht alles drin, hier findet man den körperlichen Rhythmus einer Inszenierung. Aber selbst bei „Rigoletto“, einer Oper, die jeder zu kennen glaubt, wird viel falsch gemacht.

 Zum Beispiel?

 Schon der Anfang: Da sehen Sie meist ein Fest. Im Rausch der Ausstattung bleibt der Text auf der Strecke. Aber die ersten Sätze, die gesungen werden, sind entscheidend für die Oper.

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Leipzig. Am Sonnabend öffnet sich an der Oper Leipzig der Vorhang zu Verdis „Rigoletto“. Regie für die erste Premiere der Saison führt Anthony Pilavachi, geboren 1962 auf Zypern, in Frankreich aufgewachsener irischer Staatsbürger und seit 1987 in Deutschland ansässig. In Europa und Übersee hat er bisher über 70 Opern inszeniert. Peter Korfmacher sprach mit ihm.

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 Warum?

 Weil hier schon deutlich wird, dass Rigoletto nicht Opfer ist, sondern Täter. Er könnte seine Tochter retten, wenn er ihr nur einmal zuhörte. Gilda ist kein Kind, sie ist eine junge Frau, die Liebe sucht und Freiheit. Aber er sperrt sie in ein emotionales Gefängnis. Dass Rigoletto ein Krüppel ist und ein Narr, ist nur zweitrangig. Das war eine Mode der Zeit. Victor Hugo beschäftigte sich ständig mit Menschen vom Rand der Gesellschaft. Es ist eine Art Wiederentdeckung des elisabethanischen Theaters, das Schönheit aus Grauen und Sehnsucht entwickelt. Für den Opernregisseur geht es darum, die richtigen Bilder und Abstraktionen zu finden, damit die Menschen die Musik richtig wahrnehmen.

 Aber die kennt doch jeder...

  Man kennt die Tenor-Arien, aus der Pizza-Werbung - und schon die Cabaletta wird oft gestrichen.

 Und bei Ihnen?

 Gibt es keine Striche. Keinen einzigen, das war meine Bedingung. Auch im Text haben wir keine Silbe weggelassen. Denn dieser Text, der so sehr in den Schatten der Musik getreten ist, ist wichtig. Es geht also darum, mit den richtigen Bildern auch die Faszination der Sprache zu transportieren.

 Bedarf Verdi überhaupt der inhaltlichen Details? Reichen nicht die emotionalen Kontraste?

 Nein. Es ist wie mit der Titanic im Kino. Man weiß vorher, wie es ausgeht: Das Schiff wird untergehen. Aber der Weg zum Untergang ist dennoch spannend. Wegen der Details und menschlichen Verstrickungen.

 Das Regietheater hat mit seinen Umdeutungen der letzten Jahrzehnte versucht, diese immer gleichen Geschichten immer wieder anders zu erzählen. Wie stehen Sie dazu?

 Das Regietheater in Deutschland war ungeheuer wichtig. Erstmals wurde Oper als Bühnenkunst inhaltlich behandelt. Aber die Erben haben das Regietheater in eine neue Uniformität geführt. Beim Versuch, alles um jeden Preis anders zu machen, kommt allzu oft doch wieder das Gleiche heraus. Und die Musik bleibt auf der Strecke.

  Sehen Sie eine Gegenbewegung?

 Ganz klar. In vielen Häusern wird Oper wieder als Musiktheater von der Musik her entwickelt, werden wieder Regisseure verpflichtet, die Oper als Oper verstehen, die über das nötige Handwerk verfügen. Darum wohl hat Ulf Schirmer mich für den „Rigoletto“ verpflichtet: Ich beherrsche mein Handwerk. Und das besteht darin, zu erkennen, was der Komponist will, seinem Rhythmus zu folgen. Es steht ja alles in den Noten.

 Darf das Ergebnis kulinarisch sein?

 Kulinarik bedeutet, dass das Publikum entspannt in seinem Sessel sitzt und schon von der Pizza danach träumt. Mir dagegen geht es um Kommunikation: Ich möchte etwas erzählen, das auch ankommt und etwas auslöst. Die Zuschauer sollen überrascht werden, bewegt, auch berauscht. Kunst - und als Interpret verstehe ich mich als Künstler - muss Diskussionen auslösen. Ich zeige meine Sicht der Dinge. Und es ist das Schöne an diesem Beruf, dass ich die Chance habe, das zu tun.

In dieser Spielzeit, in die die 200. Geburtstage Verdis und Wagners fallen, inszenieren Sie in Deutschland ausschließlich Verdi und Wagner - wer von beiden ist Ihnen näher?

 Mozart - und Mendelssohn.

Peter Korfmacher

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