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„Ich bin doch hier zu Hause“

Herbert Blomstedt 90 „Ich bin doch hier zu Hause“

Sieben Jahre war Herbert Blomstedt Gewandhauskapellmeister: 1998 beerbte er Kurt Masur, 2005 räumte er das Feld für Riccardo Chailly. Sieben Jahre – das ist nicht viel angesichts der 275 Jahre Gewandhausorchester, der knapp sieben Jahrzehnte, die Herbert Blomstedt an Pulten in aller Welt verbracht hat. Am Dienstag wird er 90.

Herbert Blomstedt (M) dirigiert 1998 auf dem Marktplatz in Leipzig sein erstes Konzert als Gewandhauskapellmeister.

Quelle: dpa

Leipzig. Sieben Jahre war Herbert Blomstedt Gewandhauskapellmeister: 1998 beerbte er Kurt Masur, 2005 räumte er das Feld für Riccardo Chailly. Sieben Jahre – das ist nicht viel angesichts der 275 Jahre Gewandhausorchester, der 26 Jahre, die Kurt Masur das Orchester leitete, der knapp sieben Jahrzehnte, die Herbert Blomstedt, der am Dienstag 90 wird, an Pulten in aller Welt verbracht hat. Aber diese sieben Jahre waren prägend für beide Seiten: „Während seiner Amtszeit hat er das Gewandhausorchester essenziell erneuert“, fasst Gewandhausdirektor Andreas Schulz knapp zusammen.

Und Blomstedt, der längst in Luzern wohnt, betont immer wieder, wenn er in Leipzig ist: „Ich bin doch hier zuhause.“ Man glaubt es ihm, denn er identifiziert sich bis heute mit dem Leipziger Orchester, dessen Ehrendirigent er am 1. Juli 2005 wurde, am Tag seines Abschiedskonzerts. „Es ist ja kein wirklicher Abschied“, rief er damals den Leipzigern zu, „das Amt ist etwas Äußerliches, das kann man ablegen. Aber der Geist bleibt. Ich bleibe dem Gewandhausorchester treu, komme wieder.“

Er hat Wort gehalten, blieb in den mittlerweile zwölf Jahren nach seiner Demission immer präsent am Augustusplatz, sprang ein für Konzerte und ganze Tourneen, wenn sein Nachfolger Riccardo Chailly krank war (was oft vorkam). Und so ist es nur folgerichtig, wenn das Gewandhausorchester der sozusagen amtliche Klangkörper für die Feierlichkeiten zum in der Spielzeitpause liegenden 90. ist: Gerade erst hat Blomstedt in der Thomaskirche mit Bachs h-moll-Messe das Leipziger Bachfest beendet; zum Geburtstag erscheint bei Accentus eine CD-Box mit den neun Sinfonien Ludwig van Beethovens, zu Beginn der kommenden Saison dirigiert er in nicht weniger als neun Großen Concerten Werke von Mendelssohn, Schumann, Bruckner, Beethoven, Brahms und Schubert. Im Herbst gehen er und das Orchester, das noch immer seines ist, gemeinsam auf Jubiläums-Tour durch zehn Musikzentren in Europa und Asien. Ein beachtliches Pensum für einen 90-Jährigen.

Echtes Interesse am jeweiligen Gegenüber

Dieses Alter kauft man ihm ohnehin nicht ab. Zwar ist ihm die Blondheit abhandengekommen, aber noch immer fällt sein jungenhafter Scheitel füllig wie korrekt, noch immer geben die borstigen Augenbrauen seinem Gesicht etwas Raubvogelhaftes, das die wachen Augen abfedern mit ihrem freundlichen Glanz, der echtes Interesse am jeweiligen Gegenüber zeigt. Und noch immer zeigt Blomstedts Schlag, wenngleich er sparsamer geworden ist und keinen Taktstock mehr bemüht, den etwas ungelenken Überschwang eines Dirigenten, dem es ganz um die Musik geht und kein bisschen um die eigene Wirkung.

Dirigiert er in Leipzig, ist der Himmel meist nah. Die Musikerinnen und Musiker folgen ihm mit einer Vertrautheit, als hätte er nie aufgehört, Gewandhauskapellmeister zu sein. „Das ist ein Mysterium“, findet selbst Blomstedt, „ich kann es mir nicht vollständig erklären. Wir haben eine gemeinsame Basis, auch wenn viele Positionen heute anders besetzt sind. Andersherum ist das Orchester auch eine Basis für mich: Diese Musiker wissen, was ich möchte. Denn sie wollen es auch so. Das schafft gegenseitiges Vertrauen.“

Beim Publikum verhält es sich nicht anders: Bereits wenn er den Saal betritt, klingt der Applaus im Gewandhaus anders als bei jedem anderen Dirigenten: wärmer, tiefer, dankbarer, persönlicher. Und wenn der letzte Schlussakkord verhallt ist, kennt die stehende Begeisterung meist keine Grenzen.

Derlei freut Blomstedt zwar, aber es ist ihm auch nicht ganz geheuer. Denn wichtiger als der Jubel, der seiner Person gilt, ist ihm die Stille nach dem Schlussakkord, die ihm zeigt, ob er die Seelen seiner Zuhörer erreicht hat. Darum treibt es ihn, ist sie vorüber, immer wieder tief in die Reihen des Orchesters. Er winkt, schüttelt Hände, klopft Schultern, um die Ovationen möglichst rasch weiterzureichen.

Dabei ist die derzeitige Qualität dieses Orchesters, das heute wieder unangefochten an der Weltspitze musiziert, vor allem sein Werk. Denn mit Herbert Blomstedt gelangte 1997 eine neue Dirigentengeneration ans Gewandhauspult. Obwohl er bereits 71 war, als er sein Amt antrat – eine Woche älter als sein Vorgänger, der Ende 2015 verstorbene Kurt Masur, als er abtrat.

Auf den genialischen, charismatischen, bisweilen despotischen Schlesier folgte ein eher stiller schwedischer Arbeiter, der die Musik aus der Partitur heraus entwickelt, der er nicht nur mit dem Dirigentenstab, sondern auch mit dem musikwissenschaftlichen Besteck immer wieder neu so nah wie möglich zu kommen versucht. Mit seiner auch damals schon unüblichen Konzentration auf nur ein Orchester, mit seiner eisernen Disziplin und Arbeitswut, die sich nicht mit inspiriertem Ungefähr zufrieden geben, hat er die musikalischen Wunder der Ära Chailly erst ermöglicht, die von 2005 bis 2016 dauerte.

Respektvoller und freundschaftlichen Übergang

Die Amtsübergabe an Chailly hat Herbert Blomstedt befürwortet und ermöglicht. Drei lange Jahre währte die Übergangszeit, in denen er sozusagen Gewandhauskapellmeister auf Abruf war. „Maestro Blomstedt ermöglichte mit seinem integren und menschlich großen Verhalten einen respektvollen und freundschaftlichen Übergang“, kommentierte das der Italiener. „Wir haben gemeinsam an Problemen, an organisatorischen und finanziellen Fragen gearbeitet. Das ist ziemlich einmalig.“ Chailly selbst, der heute Chefdirigent der Mailänder Scala ist, jedenfalls sollte es anders halten: Er machte sich sang- und klanglos aus dem Staub und brach alle Brücken hinter sich ab.

Blomstedt dagegen kommt immer wieder zurück. Und nicht nur nach Leipzig. In Dresden, wo er zehn Jahre lang die Staatskapelle leitete, ist er präsent und in San Francisco, wo er von 1985 bis 1994 Chef war; er gastiert regelmäßig in Tokio, Los Angeles, Boston, Chicago, Amsterdam, London, Stockholm, Wien, Berlin, Bamberg, auch mit 90. Dabei hat er selbst den Eindruck, längst kürzer zu treten: „Früher habe ich weit über 100 Konzerte pro Jahr dirigiert. Mittlerweile sind es doch nur noch 70 bis 80.“

Nach so vielen Jahrzehnten im Dienste der Musik sagt Blomstedt heute ohne zu zögern: „Ich bin glücklich. Glück ist die Folge von vernünftigem Leben und von empfangenen Gaben. Und dann muss noch Fortüne dazukommen, dass sie aufgehen die Gaben, dass sie sich entfalten.“ Und weil er glücklich ist und überdies voller Gottvertrauen, hat er auch keine Angst vor dem Tod: „Warum sollte ich Angst vor ihm haben? Alles, was einen Anfang hat, hat auch ein Ende, oder, wie es in Schillers ,Nänie’ heißt, die Brahms vertonte: ,Auch das Schöne muss sterben’. Ich habe meine Sachen geordnet, den größten Teil meiner Bibliothek habe ich längst der Bibliothek in Göteborg übergeben, meine Instrumente dem Gewandhaus. Es gibt keinen Grund, Angst zu haben.“ Aber für ihn und uns viele, sich zu freuen: auf zahlreiche Große Concerte mit diesem großen alten Mann.

Das MDR-Fernsehen sendet am 13. Juli, 0.35 Uhr, in der Reihe „Erlebnis Musik“ Beethovens Sinfonie Nr. 5 c-moll op. 67 , dirigiert von Herbert Blomstedt.

Herbert Blomstedt im Großen Concert: 2. September: Schumanns Konzertstück für vier Hörner und Orchester, Mendelssohns Lobgesang; 28., 29. September: Mendelssohns Violinkonzert und Bruckners Siebte, 30. September: Beethovens Tripelkonzert und Bruckners Siebte, 5., 6., 7., Oktober: Brahms’ Violinkonzert und Schuberts Unvollendete, 12., 13. Oktober: Brahms’ Deutsches Requiem; Mit Glück gibt es noch Karten u.a. in der Ticketgalerie Leipzig (LVZ Foyer, Peterssteinweg 19 und Barthels Hof, Hainstr. 1), in allen LVZ-Geschäftsstellen, unter der gebührenfreien Telefonnummer 0800 2181050 sowie auf www.ticketgalerie.de

Biographie

Herbert Blomstedt wird am 11. Juli 1927 in Springfield (US-Bundesstaat Massachusetts) als Sohn einer Pianistin und eines schwedischen Predigers und Missionars der Siebenten-Tags-Adventisten geboren.

Er studiert in Stockholm Klavier, Violine und Dirigieren, legt 1948 sein Examen als Musiklehrer, dann das als Organist und Kantor ab. Ergänzend folgen Studien der Musikwissenschaft in Uppsala, Alter Musik in Basel, Neuer Musik in Darmstadt. Sein Handwerk vervollkommnet er bei Leonard Bernstein und Igor Markevitch.

Blomstedts Dirigentenlaufbahn beginnt 1954 in Norrköping, führt von 1962–68 zum Orchester der Philharmonischen Gesellschaft in Oslo, nach Kopenhagen und Stockholm.

1975 beruft ihn die Dresdner Staatskapelle als Chefdirigenten. Auf Dresden folgt San Francisco, dessen Symphony Orchestra sich unter dem 1985 als Chef Berufenen zu einem der renommiertesten der USA entwickelt. Umso überraschender kommt 1994 der Rücktritt: Blomstedt will sich mehr um seine Familie in Schweden kümmern.

Doch 1995 schon folgt er einem Ruf zum NDR-Sinfonieorchester nach Hamburg. Ein Jahr später beschließen in Leipzig Orchestervorstand und Stadtverwaltung, ihn zum Gewandhauskapellmeister zu machen. Der Antialkoholiker und Vegetarier Blomstedt leistet nach seinem Amtsantritt 1998 an der Pleiße ganze Arbeit: Er füllt Repertoire-Lücken, verbessert die Spielkultur, CDs und Tourneen tragen den Ruhm des Orchesters in die Welt. Als Chef bleibt der mittlerweile in Luzern lebende Blomstedt bis zum Amtsantritt Riccardo Chaillys 2005.

Mit seiner Demission wird Herbert Blomstedt zum Ehrendirigenten des Gewandhausorchesters ernannt. In dieser Eigenschaft ist der große alte Schwede regelmäßig am Augustusplatz präsent. 2011 erhält er die Bach-Medaille der Stadt Leipzig.

Von Peter Korfmacher

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