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"Ich bin ein Kontrollfreak" - Grinderman-Chef Nick Cave im Interview

"Ich bin ein Kontrollfreak" - Grinderman-Chef Nick Cave im Interview

Nick Cave ist Roman- und Drehbuchautor, vor allem aber ein begnadeter Songschreiber und Musiker. Mit seinem Rock-Projekt Grinderman spielt der gebürtige Australier am 13. Oktober in Leipzig.

Leipzig. Im Telefoninterview spricht er über Leben, Liebe, Ängste und die Schwierigkeiten, heute eine wahrhaftig männliche Stimme zu finden.

Wie lange haben wir Zeit, über Leben und Tod zu sprechen?

Nick Cave: "Weiß nicht, so 15 Minuten?"

Beginnen wir mit ersterem. Es heißt, dass Sie ein geregeltes Mittelklasse-Familienleben haben und für’s Schreiben ins Büro gehen. Ist das so?

"Was Medienleute über mich berichten, ist ihre Fantasie, das sollen sie tun, das ist ihr Geschäft. Im Moment bin ich für sie eben der ‚Familienvater, der ins Büro geht’. So ein Quatsch. Ich bin Musiker, ich bin auf der Straße, es gibt eine riesige Menge Chaos in meinem Leben."

Womit wir bei Grinderman wären. Was ist für Sie das Besondere daran?

"Der Entstehungsprozess, die Art, wie wir die Lieder schreiben. Grinderman ist eine echte Zusammenarbeit. Wir gehen ins Studio, ohne dass irgendetwas vorbereitet, vorgedacht wäre. Wir setzen uns einfach hin und improvisieren. Grinderman-Songs entstehen aus dem Moment heraus."

Die Artikulation ist rauer, aber die Songs klingen trotzdem ziemlich nach Cave ...

"Ich habe es oft erlebt bei Künstlern, dass sie etwas ganz anderes machen wollten, dabei aber ihre Authentizität verloren haben. Das kann sehr destruktiv sein. Wenn ich ein Lied schreibe und es auf eine Platte kommt, so ist es wahrhaftig oder wenigstens authentisch mit mir verbunden."

Ist Grinderman auch der Versuch, wieder dem Rocker- oder Outlaw-Status näher zu kommen?

"Ach, das sind doch nur Klischees. Ich habe es immer bis an den Rand getrieben."

Schrumpfen in unserer Gesellschaft die Räume für Männlichkeit?

"Ja. Ich beschäftige mich auf einer bestimmten Ebene durchaus damit, was es bedeutet, ein Mann zu sein, im Song- wie im Romaneschreiben. Es wird immer schwieriger, eine wahrhaftig männliche Stimme zu finden."

Was würden Sie mit Ihren Aggressionen anstellen, wenn Sie kein Rocker sein könnten – wären Sie vielleicht Präsident geworden?

"Ich glaube, ich wäre ein afrikanischer Diktator. Die Klamotten sind einfach cool."

Ich wollte eigentlich immer ein Fanatiker sein

Haben Sie manchmal Angst, dass die Quelle Ihrer Einfälle versiegt?

"Immer. Mein Ziel ist, die Quelle voll zu halten. Auch das Romaneschreiben gehört dazu. Ich mache das hauptsächlich, um mir weiter das Songschreiben zu ermöglichen. Das ist für mich das Wesentliche."

Woher fliegen Ihnen die Songideen zu, etwa beim Barbecue in Ihrem Mittelklasse-Durchschnittsgarten?

"Nein, ich setze mich allein in einen Raum und fange an zu schreiben. An manchen Tagen kommt allerdings gar nichts. Aber ich bin wenigstens vorbereitet auf die Idee. Das, worauf man wartet, dieses Unberechenbare, ist nur der Funken, es kann ein Titel sein, eine Strophe. Ich finde das beängstigend, dem so ausgesetzt zu sein. Ich bin ein Kontrollfreak. Aber die Inspiration entzieht sich der Kontrolle, man kann sie beeinflussen, man kann sie locken, aber man kann sich nicht auf sie verlassen."

Gibt es überhaupt Dinge, auf die man sich verlassen kann?

"Ich habe gelernt, mich auf ein grundlegendes natürliches Talent und mein Handwerk zu verlassen. Es ist ein gewöhnliches Talent, nichts besonderes, aber beruhigend."

Songs wie Schüsse ins Herz

Wie zuverlässig ist Liebe? Von Ihnen ist zu lesen, Sie hielten romantische Liebe für ein Versprechen, in Beziehungen komme sie sowieso nicht vor. Gräbt dieses Versprechen sich in seiner Erfüllung also selbst das Grab?

"Ich glaube das nicht. An einer Beziehung muss man, wie eigentlich bei allem, arbeiten. Man muss in die Idee der Liebe Zeit und Aufwand hineinstecken. Es ist keine frei fließende Angelegenheit. Ja, es ist Handwerk im Spiel, auch hier."

In Ihren Liedern geht es um etwas anderes, um explosive Anfänge, Mord, Leidenschaft, Verzweiflung, Sehnsucht. Songs wie Schüsse ins Herz.

"Ich sollte ein Album herausbringen für Männer, mit Titeln, mit denen Sie Frauen ins Bett kriegen."

Sie sollen von sich gesagt haben, Sie würden sich politisch in die reaktionäre Richtung entwickeln.

"Habe ich das gesagt? Vielleicht habe ich mir das gewünscht. Aber in Wirklichkeit habe ich leider eine stinklangweilige liberale Einstellung. Ich bin wie meine Mutter, die immer beide Seiten von einer Sache sehen konnte und die wunderbare Eigenschaft hat, Dinge auszugleichen. Ich habe diesen Teil von mir lange gehasst."

Warum?

"Weil es bei mir jeglichen Fanatismus verhindert hat. Dabei wollte ich eigentlich immer ein Fanatiker sein."

Nick Cave spielt mit Grinderman am 13.10. im Leipziger Haus Auensee.

Jügen Kleindienst

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