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"Ich kann nur ganz oder gar nicht" - Doro Pesch vor ihrem Leipziger Konzert im Interview

"Ich kann nur ganz oder gar nicht" - Doro Pesch vor ihrem Leipziger Konzert im Interview

1983 gehörte die Düsseldorferin Doro Pesch zu den Gründungsmitgliedern der Heavy-Metal-Band Warlock. Als eine von zunächst wenigen Frauen im harten Musikgeschäft genießt sie seither einen Sonderstatus bei Fans und Kollegen.

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Doro Pesch feierte 2013 bereits ihr 30. Bühnenjubiläum.

Quelle: dpa

Leipzig. Seit den 90ern ist die mittlerweile 49-Jährige solo unterwegs - und fast unaufhörlich auf Tournee. Freitagabend spielt Doro mit Band im Haus Auensee.

LVZ:

Sie feiern dieses Jahr Ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum. Noch immer sind Sie den Großteil des Jahres auf Tournee, wird Ihnen dieses wenig beständige Leben nicht irgendwann zu viel?

Doro Pesch:

Ein absolutes Nein. Wirklich nie. Ich bin für "On the Road" gemacht. Mein Vater war Transportunternehmer, bis zu meiner Schulpflicht war ich ständig mit ihm im LKW unterwegs. Es ist nicht immer einfach, aber ein verortetes Leben ist nichts für mich. Mein Zuhause sind Konzerte und Festivals. Eben die Orte, an denen ich meine Fans und andere Musiker treffe. Ich genieße auch nach 30 Jahren jeden Auftritt. Es ist so ein schönes Gefühl zu wissen, die Menschen kommen, um unsere Musik zu hören. Das ist mein Antrieb im Leben.

Sie haben eine Wohnung in New York und eine in Düsseldorf. Wie häufig sind Sie dort anzutreffen?

Sehr selten. Meine Wohnungen sind eher Lagerorte. Dort bewahre ich meine Kleidung und Fangeschenke auf. Wobei ich mit meinen New Yorker Wohnungen kein Glück hatte. Die erste lag direkt am World Trade Center, nach dem Anschlag war sie nicht mehr bewohnbar wegen Einsturzgefahr. Ich zog dann direkt an den Strand, Long Beach, doch das Haus wurde 2011 vom Hurrikan Irene komplett zerstört. Und als wir es wieder saniert hatten, fiel es 2012 dem Hurrikan Sandy zum Opfer. Mein ganzer Besitz war weg. Alle Fangeschenke, all die wunderbaren Platten, die ich seit meiner Jugend gesammelt habe. Zuerst spielte ich damals mit dem Gedanken, die Tour abzusagen - aber das war nur eine kurze Überlegung, denn mein Fokus liegt eben bei den Fans und nicht an Besitztümern.

Überlegen Sie nach diesem Desaster, in eine andere Wohngegend zu ziehen?

Nein. Ich liebe Long Beach, direkt am Meer. Das sieht immer aus wie im Rocky-Film. Am Strand mache ich mich fit für eine Tour, dort gehe ich auch stundenlang joggen. Seit 30 Jahren bin ich mit dem Tourbus in der ganzen Welt unterwegs, aber erst in den letzten Jahren bemerke ich, wie sehr die Umwelt aus den Angeln geraten ist. Die Wetterverhältnisse sind extrem geworden. New York war nie eine typische Hurrikangegend, ich lebe dort seit 1987, erst 2011 habe ich einen Hurrikan erlebt. Ein Jahr später kommt ein noch verheerenderer - für mich sind das klare Anzeichen für einen Klimawandel.

Permanent aktiv und unterwegs zu sein, führt bei manchen Menschen zu Erschöpfungszuständen. Wie ist das bei Ihnen?

Das Tourleben ist anstrengend, keine Frage. Ich lebe mit 20 Mann in einem Bus. Bis ich nach einem Konzert in meine Koje komme, ist es fünf Uhr. Da steht der erste schon wieder auf und läuft im Bus herum. Man muss es lieben und aushalten und auch mal eigene Befindlichkeiten zurückstecken können. Aber das nehme ich gerne in Kauf, so lerne ich viele unterschiedliche Menschen kennen und erlebe Spannendes und Kurioses. In meiner Band spielt ein Amerikaner, der erzählte seinem Vater vom neuen Engagement bei der Deutschen Doro Pesch. Der Vater war früher Seemann und beichtete seinem Sohn, dass er auf einer seiner Reisen in eine Deutsche verliebt war. So erfuhr mein Bandkollege erstmals von seiner deutschen Halbschwester. Obwohl wir als Anhaltspunkt nur einen Straßennamen hatten, haben wir uns auf die Suche nach der Halbschwester gemacht. Erfolgreich, jetzt hat er auch eine deutsche Verwandtschaft.

Feiern die Konzertbesucher in den verschiedenen Ländern unterschiedlich?

Wenn wir in Südamerika unterwegs sind, geht es von der ersten Sekunde bis zur letzten Sekunde ab. In Skandinavien brauchen die Leute eine Aufwärmphase, nach dem dritten Lied haben sie aber eine ähnliche Stimmung wie die Südamerikaner. In Russland bemerkt man die tiefe Seele der Menschen. Sie lieben hochemotionale Hymnen und sind dann bis ins Mark ergriffen, sie schließen die Augen und sind zu Tränen gerührt. In dieser Art sind die russischen Fans einzigartig.

Wie hat sich die Metalszene verändert, seit Sie angefangen haben?

Eine der größten Veränderungen ist der Einzug der weiblichen Fans. Früher waren die Metal-Fans zu 90 Prozent männlich, heute ist der Anteil nur noch bei 50 Prozent. Eine Sache ist glücklicherweise gleich geblieben: Metal-Fans sind aufgeschlossen, tolerant, ehrlich und nicht stromlinienförmig. Außerdem sind auch die Radios und Fernsehsender aufgeschlossener geworden. Metal führt kein Nischendasein mehr, sondern ist in der Gesellschaft angekommen.

Beobachten Sie den Metal-Nachwuchs?

Ich bin in der Wacken-Foundation, das ist ein Grüppchen von acht Leuten, auch ein Anwalt und ein Produzent sind dabei. Gemeinsam unterstützen wir den Nachwuchs - und da sitze ich an der Quelle und erlebe die Entwicklung neuer Gruppen hautnah. Der heutige Vorteil ist, dass Bands und Musiker nicht mehr so abhängig von den Plattenfirmen sind, wie es noch in meiner Zeit der Fall war. Heute kann man sein Image, den Kontakt zur Außenwelt über Kanäle wie Homepage und Facebook leichter und selbstbestimmter steuern. Früher musste man vielleicht ewig quengeln, bis die Plattenfirma eine Single rausbringt.

Dafür besorgen sich viele Hörer heute ihre Musik kostenlos im Internet. Wie finden Sie das?

Ein befreundeter Musiker brachte es kürzlich ganz schön auf den Punkt. Er kann das Werteverhältnis nicht verstehen: Die Leute sind bereit, für einen überdimensionalen Latte Macchiato fünf Euro zu zahlen - für Lieder, die sie ein Leben lang haben und begleiten werden, nicht.

Sie gelten als die First Lady des Metal. Warum sind Ihnen so wenige Frauen nachgefolgt?

Es gibt einige Frauen, die bei etablierten Bands als Sängerin dabei sind. Wie die Ex-Sängerin von Nightwish, Tarja Turunen, oder Simone Simons bei Epica. Und natürlich die fantastische Sängerin Angela Gossow von Arch Enemy. Dennoch sind es nicht besonders viele Frauen. Ein Grund ist sicherlich, dass es heute schwieriger ist, in der Branche überhaupt hochzukommen und sich zu etablieren. Ich habe mich mit 24 strikt für das Leben als Musikerin entschieden. Ich habe keine Kinder und war nie verheiratet. Ich kann nur ganz oder gar nicht.

Familie geht nicht?

Bei den Anforderungen - immer auf Tour zu sein - stelle ich es mir sehr schwer vor, einem Mann und Kindern gerecht zu werden. Wenn ich unterwegs wäre, hätte ich ein schlechtes Gewissen der Familie gegenüber. Und würde ich nicht auf Tour gehen, hätte ich ein schlechtes Gewissen meinen Fans und meiner Karriere gegenüber. So bin ich eben seit 30 Jahren, fast 24 Stunden am Tag Musikerin. Die Band und meine Fans sind meine wichtigsten Bezugspersonen. So ein Leben ist aber nicht für jeden passend. Manche aus meiner Band zieht es wieder zurück ins normale Leben, weil sie bei ihrer Familie sein möchten und ihnen der ständige Ortswechsel zu viel wird.

Doro, Vorband: NulldB, Freitag, 20 Uhr, Haus Auensee (Gustav-Esche-Straße 4), 32 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 20.12.2013

Natascha Mahle

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