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"Ich muss kreative Unruhe erzeugen" - Leipzigs TdJW-Intendant Zielinski im Internview

"Ich muss kreative Unruhe erzeugen" - Leipzigs TdJW-Intendant Zielinski im Internview

Mit dem Motto "Suchen" ist die aktuelle Spielzeit des Leipziger Theaters der Jungen Welt überschrieben. Gemeint ist vor allem der Versuch, neue Ästhetiken zu erarbeiten.

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Jürgen Zielinski ruft am Theater der Jungen Welt die große Suche aus.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Die LVZ hat darüber mit dem TdJW-Intendanten Jürgen Zielinski gesprochen.

Frage:

Sie betonen selbst gern den Erfolg des Theaters der Jungen Welt, haben die letzte Spielzeit mit einer Besucherauslastung von 91 Prozent abgeschlossen. Wonach müssen Sie unter diesen positiven Umständen denn suchen?

Jürgen Zielinski:

Ich muss kreative Unruhe und Suchlust im eigenen Laden erzeugen, damit wir uns als Theater immer wieder neu erfinden. Wir möchten die Qualitätsfrage stärker in den Vordergrund stellen, nicht die Quantität. Wir wollen uns neue Ästhetiken und Erzählweisen erschließen. In diesem Zusammenhang gebrauche ich gern den Begriff von der doppelten Kompetenz: Wir haben klasse Theaterleute und besitzen außerdem das Wissen um die altersgerechte Übermittlung von Kunst, von ästhetischer Erziehung letztendlich. Und zur Qualitätsfrage gehört eben manchmal auch eine Beschränkung der Zuschauer, um einen intimen Rahmen zu erhalten.

Womit riskiert wird, auf Zuschauer zu verzichten?

Wenn man aufgrund von Gastspielanfragen auf über 55.000 Zuschauer kommt, kann man das nicht dauerhaft zum Maßstab nehmen. Dann kommt irgendwann einer, der bemängelt, dass die Zuschauerzahlen zurückgehen. Das liegt daran, dass ich unser Ensemble nicht ständig quer durch die Republik schicken kann und nicht mehr zulasse, dass wir einige Produktionen vor 500 Leuten spielen. Denn das ist eben die besondere Wirkungsweise von Kinder- und Jugendtheater: Es braucht adäquate Räume und den intimeren Zugriff als Qualitätszeichen.

Wohin führt die Suche inhaltlich? Acht Neuinszenierungen und zwei Werkstattinszenierungen kündigen Sie an.

Wir suchen neue Zugriffe aufs Theater und entwickeln fünf Eigenproduktionen in dieser Spielzeit. Wir greifen dabei Stoffe auf, die mit der Lebenswirklichkeit der Kinder und Jugendlichen zu tun haben. Ganz bewusst verzichten wir auf einen neuen Klassiker, wobei wir ja bestehende Klassiker wie "Nathan der Weise" weiter spielen.

Aber wie sieht er denn aus, der neue Zugriff auf Theater?

Wir nähern uns zum Beispiel im Stück "Crystal" dem Thema Rausch in einer Begegnung von Tänzer und Schauspieler. Es geht um das Bedürfnis nach dem Rauschzustand, was auch einhergeht mit dem Höllentrip, den die bewusstseinsvernichtende Droge Crystal auslöst. Aber wir verhandeln das nicht per Wort, sondern physisch. Ein anderes Beispiel ist unsere Produktion im Ariowitsch-Haus. Natürlich müssen wir das ganz anders untersetzen, als in der vergangenen Spielzeit im Botanischen Garten.

Damit sprechen Sie das Sommertheater an - mit dem Sie vom klassischen Sommertheater im Sinne einer eher heiteren, leichten Produktion abweichen?

Wir planen eine szenische Begehung des Ariowitsch-Hauses, es geht um die Spurensuche nach jüdischem Leben, mehr noch um die wechselvolle Geschichte des Hauses, um die kleinen und großen Geschichten dahinter. Das muss am Ende konsumierbar sein, kann in der theatralen Umsetzung aber ruhig auch etwas absurd anmuten, wenn man weiß, wer das Haus alles genutzt hat.

Von der Gestapo bis zum jetzigen jüdischen Kulturzentrum.

Schön, dass es dort mit dem Vorsitzenden Küf Kaufmann einen Ansprechpartner gibt, der eine Menge mit dem Theater in seinem Leben zu tun hatte. Davon verspreche ich mir sehr viel.

Außerdem kooperiert das Theater mit einer Schule in Kitzscher. Warum?

Das ist ein Modellprojekt. Wir arbeiten mit den 5. und 6. Klassen, bieten Theater an als Frei- und Schutzraum, in dem die Schüler Theater schauen und selbst spielen können immer mit Blick auf die sozialen und kulturellen Fähigkeiten und Motivationen, die das entwickeln hilft. Und wir machen mit dem Projekt deutlich, dass wir mit dem Kulturraum, von dem immer wieder die Rede ist, verbunden sind. Ein Kraftakt, den wir gerne unternehmen, den wir aber nicht oft wiederholen können. Dafür bräuchte es die Förderung durch Kulturraummittel.

Wo ist sie noch sichtbar, die Suche nach Neuem?

Unsere Puppenspieler machen nur eine Neuproduktion in dieser Spielzeit und werden maximal noch in die Werkstattinszenierungen integriert. Ansonsten will ich ihnen eine Suchspielzeit einräumen. Sie sollen sich an anderen Orten, an Festivals informieren, was in der Szene passiert und neue Impulse nach Hause bringen, damit wir uns noch mal neu aufstellen können.

Eine Investition ...

- ja. Und wenn es dann von außen Protest gibt und es heißt, die machen nichts mehr, müssen wir damit leben (lacht). Das ist normal im Theater.

Ist das der richtige Zeitpunkt für Experimente? Die Überlegungen mit dem Beratungsunternehmen Actori über Fusionen und Neustrukturierungen der städtischen Kulturbetriebe sind nicht abgeschlossen.

Von Actori haben wir gerade wieder bescheinigt bekommen, dass wir ein hoch effizient arbeitendes Theater sind. Wir haben in der vergangenen Spielzeit den Preis der INTHEGA - der Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen - für unsere Gastspieltätigkeit bekommen. Das sind Qualitätssiegel. Das schafft aber auch die Konsequenz, wenn sich ein Betrieb immer am Limit bewegt, sich zu hinterfragen, den Ermüdungsbruch vorher zu erkennen. Und deshalb müssen wir die qualitative Produktionsfrage in den Vordergrund stellen. Die Qualität bekommen wir aktuell auch wieder bescheinigt: Die DFB-Kulturstiftung Theo Zwanziger bringt zusammen mit der Robert-Enke-Stiftung unser Fußball-Stück "Aus der Traum" zu mehreren Gastspielen. Auftakt ist am 24.10. am Staatstheater Hannover.

Darin geht es um die Schattenseiten des Glitzergeschäfts Fußball, um den Druck. Was sagen Sie als Theater-Regisseur zu Jürgen Klopps Wuttanz beim Championsleague-Duell von Dortmund in Neapel?

Ich möchte keine Bilder sehen, wenn ich mal die Fassung verliere. Das sieht, glaube ich, ähnlich aus. Was aber nicht heißt, dass ich ständig Rumpelstilzchen spiele. Klopps Ausbruch war natürlich wunderbar theatralisch, das kriegst du nicht ohne weiteres von einem Schauspieler abgerufen.

Und was ist mit der Vorbildfunktion?

Ich beobachte bei Jugendlichen auf der Suche nach Identität, dass eine zur Schau getragene Coolness absolut angesagt ist. Ich glaube, junge Menschen wollen gar keinen Affekt mehr zeigen, um darüber eine Souveränität abzuleiten. Aber Emotionen gehören zum Leben.

 

"Die Schatzinsel" feiert heute Premiere

Generationen von Kindern und Jugendlichen haben Robert Louis Stevensons Abenteuerroman "Die Schatzinsel" gelesen und mit dem Schiffsjungen Jim Hawkins mitgezittert. Der hat eine Schatzkarte in die Hände bekommen, nach der eine Mannschaft in See sticht. Nur leider haben einige der Seeleute ganz andere Ziele als Jim.

Als Puppentheater für Kinder ab 6 Jahren feiert das Stück heute im Theater der Jungen Welt (Lindenauer Markt 21) Premiere. Die gut einstündige Neubearbeitung stammt von Jan Mixsa. Karten gibt es für die Premiere nicht mehr, aber wieder für den 19.10. um 16 Uhr. Kartentelefon: (0341) 48 660 16.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 11.10.2013

Dimo Rieß

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