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"Ich wünschte, ich hätte bloß eine Idee gehabt" - Alec Empire im Interview

"Ich wünschte, ich hätte bloß eine Idee gehabt" - Alec Empire im Interview

Atari Teenage Riot sind das Aushängeschild des Digital Hardcore, wo Punk-Attitüde auf Elektro und einen Atari-Computer treffen. Im Februar erschien ihr sechstes Album "Reset" mit dem die Band um Alec Empire, Nic Endo und Rowdy Superstar derzeit durch die Clubs tourt.

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Alec Empire

Quelle: Daniel Sims

Leipzig. Bevor die Hardcore-Kapelle am 30. März im Täubchenthal aufschlägt, haben wir uns mit Herrn Empire über das Album, Legida und die Leipziger Elektro-Szene unterhalten.

LVZ:

Das neue Album "Reset" ist seit Februar draußen. Im Vergleich zu manchem Vorgänger klingt es sehr sauber produziert, fast schon poppig. Hast Du Angst, dass es bald aus tiefer gelegten VW Golf dröhnt?

Alec Empire:

Haha, nein. Aber es wäre schön, wenn die Radiosender auch wüssten, dass wir Pop sind. Was stimmt, ist, dass unsere neue Platte nicht so düster klingt. Wir sind da an einem neuen Sound von Atari Teenage Riot dran. Da herrscht eine gewisse Aufbruchsstimmung. Neue Formen wie EDM (Electronic Dance Music, d.R.) oder Dubstep haben bei uns ein neues Interesse geweckt. Hinzu kommt, seit 2010 sind wir mehr getourt als während der gesamten 90er. Diese Live-Energie wollten wir im Studio umsetzen.

Zur Tour und zum Album gibt es im Netz eine Gratis-EP vorab. Früher wart Ihr entschiedene Gegner der Kostenlos-Kultur im Internet.

Wir sind nach wie vor gegen illegale Downloads. Da findet ein Raubbau statt, wenn mit Werbung Geld gemacht wird, die Musiker aber nicht daran beteiligt werden. Das kann so nicht weitergehen. Die Künstler müssen die Kontrolle darüber behalten, in welchem Kontext sie auftauchen. Das dürfen weder Piratenseiten noch die großen Major-Labels bestimmen. Dass die EP nun im Netz steht, war unsere freie und bewusste Entscheidung.

Inhaltlich seid Ihr Euch bei Reset treu geblieben, es bleibt politisch.

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Das Album-Cover von Atari Teenage Riot.

Quelle: Daniel Sims

Wir müssen unsere Musik, unsere Computer dazu benutzen, den Leuten Wissen zu vermitteln. In unseren Tracks beschreiben wir zum einen die Welt, wie wir sie wahrnehmen. Und zum anderen die Welt, wie wir sie gern sehen würden. Das kann man schon mal verwechseln. Zumal, wenn man nur auf den Refrain, nicht auf den Text dazwischen hört.

Zu Reset kann ich sagen: Wir sind seit langem der Hackerszene verbunden. Daher haben uns natürlich die Enthüllungen von Edward Snowden und Bradley Manning sehr beschäftigt.

Eure Musik wird gern auf Demonstrationen gespielt. In der vergangenen Woche hat Frankfurt gebrannt. Fühlt Ihr Euch vereinnahmt?

Wir haben noch nie bei einer Occupy-Veranstaltung gespielt und trotzdem werden wir denen zugeschlagen. Protest ist wichtig. Man kann sich aufregen. Aber dann muss man sich hinsetzen, durchatmen und dann schauen: Wie gehe ich damit um. Was wir nicht brauchen, ist ein Aufruf zum Straßenkampf.

Neben London und Amsterdam spielt ihr auf der Reset-Tour auch in Leipzig und Dresden. Und das bei nur sieben Konzerten. War das eine bewusste Entscheidung?

Im Ausland werde ich oft auf Leipzig und Dresden angesprochen, auf die Pegida- und Legida-Demos. Da wird man mit einem vereinfachten, nazilastigen Deutschlandbild konfrontiert. 2012 haben wir in Dresden gespielt, als da die Rechten marschiert sind. Durch solche Auftritte wollen wir der Welt zeigen, dass Deutschland auch eine andere Seite hat. Also ja, wenn wir nach Dresden und Leipzig kommen, soll dadurch eine bestimmte Unterstützung sichtbar werden.

In Leipzig spielt ihr im Täubchenthal. Es gibt Stimmen, die die Location bisweilen als Retortenclub abtun. Achtet Ihr beim Booking auf solche Animositäten?

Ursprünglich sollte es wohl ins Werk 2 gehen. Nun ist es mit unserer neuen Agentur das Täubchenthal geworden. Ich kenne den Club nicht, bin aber auf jeden Fall drauf gespannt. Grundsätzlich müssen Club und Band schon zusammenpassen. Es ist nun mal so, dass Veranstalter, die ausschließlich aufs Geld schauen, einer Band nicht unbedingt gut tun.

Die Leipziger Elektroszene feiert sich gern auf sich selbst. Ist das, was hier musikalisch geschieht auch außerhalb der Stadt ein Thema?

Ich bin extrem interessiert, an dem, was hier vor sich geht. Es ist ganz wichtig, dass eine lokale Szene lebendig bleibt. Dazu müssen richtige Menschen an einem richtigen Ort zusammenkommen. Das kann das Internet bei allen Vorzügen nicht leisten. Es ist wichtig, dass Szenen wie Leipzig dranbleiben und ihr Ding durchziehen.

Ich beobachte das in Berlin: Die Stadt ist nicht grad auf dem besten Weg. Vieles, was heute im Bereich der elektronischen Musik läuft, ist zu konform. Viele Produzenten verlassen die Szene, bevor sie überhaupt ihren Stil finden konnten. Da fehlen dann die Charaktere.

Wo wir schon bei Charakterköpfen sind ... Ihr habt das Album draußen, seid gerade auf Tour. Was kommt danach? Wie steht es um Dein Soloprojekt?

Ich habe schon seit 2009 ein Alec-Empire-Album zum Release fertig. Aber dann kam viel Atari Teenage Riot. Und nun sind es schon fünf Jahre. Da muss man schauen, wie man das rausbringt. Die Leute sollen sich ja drauf freuen.

Es gibt unheimlich viel Musik, die hier noch rumliegt. Den Ballast schleppt man dann mit sich herum (lacht). Ich will ja immer Neues ausprobieren. Oh Mann, ich wünschte, ich hätte bloß eine Idee gehabt.

Atari Teenage Riot spielt am Montag, dem 30. März im Täubchenthal. Tickets gibt es für 24,10 Euro bei AdTicket.de. Wer vorher schon mal rein hören will: bei Vimeo gibt es ein Live-Video und unter atariteenageriot.bandcamp.com die EP zum Gratis-Download.

Interview: Johannes Angermann

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