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Kultur Ideenschmiede mit Industriecharme: Stadttfinden-Festival in der Glasfabrik
Nachrichten Kultur Ideenschmiede mit Industriecharme: Stadttfinden-Festival in der Glasfabrik
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00:19 13.09.2017
Tanz und Technik: eine Parabel auf das System „Stadt“ in der Glasfabrik. Quelle: Dirk Knofe
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Leipzig

Wie anziehend Plagwitz und Lindenau auf Kunstschaffende wirkt, hat sich längst herumgesprochen. Seit ein paar Jahren sprießen aber auch im benachbarten Leutzsch Ateliers aus den blanken Böden alter Fabrikgebäude. Besonders deutlich wird das bei einem Gang über die Franz-Flemming-Straße: In den Dietzoldwerken arbeiten Kreative im Industriecharme, ein paar Häuser weiter liegen die Druckfarbenwerke, in denen regelmäßig Ausstellungen stattfinden. Noch ein paar Schritte weiter Richtung Norden sollen in der Glasfabrik abermals neue Räume für Künstler entstehen. Wie das genau aussehen könnte, haben Kreative jetzt beim „Stadttfinden-Festival“ ausprobiert, das vom Kunstraum D21 und dem Architekturkollektiv Octagon organisiert wurde.

In der ehemaligen Maschinen- und späteren Glasfabrik trafen sich in den vergangenen zehn Tagen Künstler, Architekten und Designer aus Leipzig, Halle, Berlin, Kassel und Wien, um Projekte zur Stadtentwicklung umzusetzen. Mit Interessierten, auch aus Leutzsch, diskutierten sie über die „Stadt im 21. Jahrhundert“. Die Ergebnisse aus Workshops und den Projekten präsentierten sie am Wochenende der Öffentlichkeit. Etwa 80 Besucher waren am Samstag zu Beginn dabei.

Die dreistündige performative Installation „Responsive“ zeigt das Zusammenwirken von Synthesizer, Tanz, der Luftfüllung eines in blaues Licht getauchten Zeppelins, Schaltkästen aus Fabrikzeiten und Rastern an Wand und Industrieboden. „Die Abhängigkeiten der Elemente lassen sich nicht sofort erkennen. Auch die Stadt als technisches System ist komplex“, interpretiert Daniel Theiler, der das Projekt mit Angelika Waniek und Bertold Meyer erarbeitet hat.

Eine gewisse Reflexion wird bei den vorgestellten Arbeiten über die Auswirkungen einer Stadt im Wachstum deutlich: Viele Projekte fügen sich gekonnt in die Atmosphäre der großzügigen und vor ursprünglichem Ruinencharme strotzenden Räume ein, regen zum Mitmachen an. Beispielsweise die Installation „Feed Back“, bei der die Besucher Druckluft in alte Fahrradschläuche pumpen, woraufhin irgendwo in der Halle Trillerpfeifen tröten, Kondome sich mit Luft füllen oder ein überdimensionaler Müllsack raschelt, der von der Decke hängt. Thomas Weber und Svenja Hinzmann aus Halle wollen mit der Installation fragen, welche Folgen eine einzelne Handlung im Zusammenleben haben kann.

Erste Anzeichen einer Gentrifizierung

Der interaktive Ansatz könnte für eine Bürgerbeteiligung in der Entwicklung der Stadt stehen. Die Bedürfnisse der Bewohner werden bei Ina Lufts, Joachim Burkhardts und Lisa Steindls Projekt „(V)erschlossene Stadt“ deutlich. Sie fangen mit Porträts und Videointerviews ein, was die Leutzscher bewegt. „Hier gibt es bereits erste Gentrifizierungs-Anzeichen“, resümiert Ina Luft. Noch könnten aber die Weichen für ein sanftes Wachsen des Stadtteils gelegt werden, meint sie. „Dazu müsste man die Entwicklung an die tatsächlichen Bedürfnisse der Bewohner anpassen.“ Bedenklich findet Luft, dass das Gelände Investoren gehört. „Da kann man nur auf die Verantwortung der Eigentümer hoffen, dafür kann aber niemand garantieren.“

Jasper Goldman ist einer der beiden Eigentümer aus Großbritannien, die die Fabrikanlage 2015 gekauft haben. Er war am Mittwoch bei einer Diskussion über Bürgerbeteiligung an der Stadtentwicklung dabei. Der Urgroßvater des Städteplaners und Historikers war 1938 aus Leipzig geflohen. Als er starb, erbte Jasper Goldman das Gebäude in Lindenau, in dem der Kunstraum D21 untergebracht ist. Goldman fand Gefallen an Leipzig und investierte in die Glasfabrik. Eine künstlerische Nutzung, ein Zentrum für Urbanistik schweben ihm vor. Ideen dafür sollten am Wochenende gesammelt werden – auch er initiierte das Festival. Bei der Abschlusspräsentation ließ sich Goldman allerdings entschuldigen.

„Wie es jetzt weitergeht, ist noch nicht klar. Wir müssen uns an einen Tisch setzen und die hier entwickelten Ideen weitertragen“, sagt Sandra Plessing, Sprecherin des Festivals. „Ich würde nicht sagen, Leutzsch ist das neue Plagwitz. Aber Leipzig wächst, und solche Stadtteile rücken näher ans Zentrum“, erklärt sie. Ob die Erschließung von Freiräumen durch Künstler dazu führt, dass Mieten steigen und sich Viertel einseitig verändern, darüber habe man beim Festival nicht diskutiert. „Aber ja, die Gentrifizierung kann auch hier ein Problem werden“, sagt Plessing.

Von Theresa Held

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