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Im Dienst der Musik: das Hilliard Ensemble in der Thomaskirche

Im Dienst der Musik: das Hilliard Ensemble in der Thomaskirche

Es hat sich ja inzwischen herumgesprochen: Das Hilliard Ensemble nimmt Ende des Jahres Abschied. Und die Pressemitteilung darüber hätte lakonischer nicht ausfallen können.

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Das Hilliard Ensemble in der Thomaskirche in Leipzig.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Letztes Konzert, heißt es da, sei am 20. Dezember in London - und: "After which they will retire." Punkt und Schluss. Nach vier Jahrzehnten.

Sicher, die emotionaleren Worte werden zum gegebenen Zeitpunkt noch kommen. Wenn vielleicht auch eher von Fans und Journalisten - und weniger von den Hilliards selbst, die auch am Freitagabend in der ausverkauften Leipziger Thomaskirche wieder so unprätentiös wie nur denkbar vor ihr Publikum traten.

Auf gut zwei Stunden und drei Zugaben, eine davon mit dem Ensemble Amarcord, folgen Standing Ovations von einem Publikum, das beim Hinausströmen vom schlicht beglückten "einfach nur schön" bis zum Kompetenz postulierenden Schwärmen über "großartige Wechsel zwischen Kopf- und Bruststimme" seine Begeisterung äußert. Und nur der Korrektheit halber sei noch vereinzelt aufgeschnappter Unmut über "schlechten Sound hinter den Säulen im hinteren Kirchenraum" festgehalten.

Die Hilliards beginnen den Abend im Rahmen des A-cappella-Festivals mit einem Rückgriff auf Frühwerke im doppelten Sinne: "Thomas gemma Cantuarie" ist das erste Stück des Konzertes, entstanden um 1300 und zwei Märtyrern der englischen Kirchengeschichte zugeeignet: Thomas von Canterbury und Thomas de la Hale, besser bekannt als Thomas of Dover. Eine Komposition, in der sich Leichte und Raffinement schlicht betörend umranken und die von ihrem unbekannten, im Vergessen versunkenen Schöpfer den Hilliards geradezu auf den Leib geschrieben ist. Weil es von deren musikalischen Wurzeln kündet, ist das Stück wohl auch schon (zweiter Rückgriff) im Frühwerk des Ensembles zu finden. Anfang der 80er Jahre erklang "Thomas gemma Cantuarie" auf "Medieval English Music", damals noch in der Besetzung mit Ashley Stafford (Countertenor) und Paul Hillier (Bass). Aus jenen Tagen ist heute nur noch Tenor Rogers Covey-Crump dabei. Die qualitative Kontinuität über Jahrzehnte und Personalwechsel hinweg ist unter anderem damit zu erklären, dass sich die Sänger in den Dienst der Musik stellen.

Die spannt auch in der Thomaskirche einen Bogen vom Alten zum Neuen. Auf den Renaissance-Gesang "Ave Maria Mater Dei" von William Cornysh folgt "Aus dem Psalm 69" der zeitgenössischen Komponistin Katia Tchemberdji. Und wenn dank des guten alten Magisters Perotinus und seines "Viderunt omnes" (um 1200) beim Gesang jeder Vokal wie ein sanftes Wellenspiel aufklingt, geht im Anschluss mit John Cages hypnotischer "Litany for the Whale" die musikalische Reise in ozeanische Tiefen.

Auf welche Weise neben Covey-Crump noch David James (Countertenor), Steven Harrold (Tenor) und Gordon Jones (Bariton) derlei gesanglich ausbreiten, wurde wieder und wieder versucht zu beschreiben, versiertes Handwerk (sprich: Stimmtechnik) ebenso ins Feld führend wie die geschickte Auswahl der Musik und deren nicht minder geschickte Vermarktung, die gerade in ihrer Unaufdringlichkeit auffällt.

Und natürlich ist da jene grundierende Spiritualität, eine Innerlichkeit, nach der es sehr wohl noch ein Bedürfnis gibt und die dieses Ensemble wie kaum ein zweites seiner Art zum Vibrieren bringt. Schön, dass das diesjährige A-cappella-Festival das Hilliard Ensemble zu Gast hatte. Und das inzwischen ja zum dritten Mal. Zum letzten Mal dann allerdings wohl auch.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 19.05.2014

Steffen Georgi

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