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Kultur Im Hexenkessel der Begeisterung
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23:39 16.01.2015
Uneitler Gigant: Plácido Domingo gestern abend im Gewandhaus. Fotos (2): André Kempner Quelle: André Kempner

ein größter Sänger. Darum ist es zwar schade für unsere Musikmetropole, dass er erst gestern Abend, fünf Tage vor seinem 74. Geburtstag, sein Debüt in Leipzig gegeben hat. Aber schlimm ist es nicht. Denn ein großer Sänger macht, zieht das Alter ihm einen Strich durch die tenorale Rechnung, einfach woanders weiter. Im Bariton-Fach zum Beispiel. Also ist er im Verdi-Konzert im wirklich bis auf den letzten Platz gefüllten Gewandhaus nicht als Alfredo in der "Traviata" zu erleben, sondern als Germont, nicht als Don Carlo, sondern als Rodrigo, nicht als Adorno sondern als Doge, nicht als Manrico, sondern als Luna ... Für den Hörer ist die Umstellung nicht groß. War früher der samtig weiche Tenor abgestützt durch die satten, warmen Farben eines Baritons, so strahlt nun ein Bariton oben herum im Glanz tenoraler Bronze.

Gewiss: Die Neider haben früher behauptet, Plácido Domingo sei kein richtiger Tenor. Heute sagen sie, ein richtiger Bariton sei er auch nicht. Und irgendwie haben sie Recht. Denn dieser Jahrhundert-Sänger ist nicht auf ein Fach zu reduzieren. Dafür ist er zu vielseitig, zu interessiert, zu musikalisch und zu intelligent. Plácido Domingo war immer Plácido Domingo - und er ist es noch.

Wenige Töne reichen ihm, um die Umrisse komplexer Charaktere zu imaginieren. "Favella il doge", sagt der Doge zu Amelia, "Es spricht der Doge" - und im Hintergrund sieht man bereits das Schicksal die Fäden sortieren. Weil die unendlich weiten Bögen dieses verblüffend uneitlen und natürlichen Künstlers nicht auf den sängerischen Effekt zusteuern, sondern aus der Seele der Musik kommend auf die des Hörers. Pure Emotion in Tönen, aufgeladen mit einem Reichtum an Farben und Schattierungen, wie sie sonst keiner ins Feld zu führen vermag. Nicht anders ist es beim verstörten "Udiste", "Hast du gehört?", des Troubadour-Grafen, dem todtraurig-schlichten "Di Provenza il mar" Germonts. Und selbst im schlichten Lied "In solitaria stanza" findet er erstaunliche Tiefe und Substanz.

In keinem Augenblick schiebt sich da der Gedanke nach vorn, dieser Sänger könnte seine große Zeit hinter sich haben. Obwohl ihn diesmal eine Erkältung plagt. Keine kleine, wie Gewandhausdirektor Andreas Schulz vor Konzertbeginn beschwichtigend ansagt, sondern eine so fette, dass bis kurz vor Anpfiff noch nicht klar ist, ob sie wirklich stattfindet, diese Gala. Dass der Zuhörer davon bis auf dieses oder jenes Hüsteln zwischendurch nichts mitbekommt, zeugt von der immensen Technik, der Kraft, der Haltung Domingos. Und es zeigt: Er will es wirklich, will endlich auch in Leipzig singen.

Als Begleitung hat er Angel Joy Blue mitgebracht,die sich der so komplexen wie undankbaren Aufgabe mit Bravour entledigt, der Sidekick eines Giganten zu sein, der jede Bühne und jedes Haus mit seiner Persönlichkeit und Aura komplett ausfüllt. Gleich, ob allein oder im Duett, ob als Elvira (Ernani) oder Amelia (Simone Boccanegra), ob als Leonore (Forza del destino und Trovatore) oder im Trinklied - warm und üppig ist ihr Sopran, dabei beweglich und sinnlich. Sie spielt und singt sich nicht ungebührlich in den Vordergrund, lässt sich vom Unvergleichlichen aber auch nicht an die Wand manövrieren. Respekt und Chapeau.

Ursprünglich sollte Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly diese Verdi-Gala dirigieren, was den ins Programm eingestreuten Ouvertüren und Zwischenspielen aus "Macbeth", "Un giorno di regno", "La Traviata" und "Le vêpres siciliennes" sicher besser bekommen wäre als die etwas ungehobelte Kraftmeierei, mit der Eugene Kohn am Pult ein ums andre Mal das Tutti krachen lässt. Aber als musikalischer Dienstleister in Sachen Sängerbegleitung ist er eine sichere Bank. Im Hintergrund lässt er den Eigenklang des Gewandhausorchesters um Konzertmeister Frank-Michael Erben duften und blühen. Und erneut wird hörbar, dass dieser Klangkörper auch zu Verdi Bedeutendes beizutragen hat. Ließe Kohn hin und wieder die Zügel etwas lockerer, es könnte noch mehr sein.

Was sich im Zugabenblock zeigt, in dem Domingo seine Vielseitigkeit ausspielt. Seit Jahrzehnten setzt er sich für die Zarzuela ein, die spanische Spielart der Operette. Als Sänger, Dirigent, Operndirektor. Und mit den drei Ausschnitten, die er und Angel Joy Blue im Gewandhaus zugeben, wird dieses herrliche Repertoire, der gewaltige, exaltierte, enthemmte Jubel im Saal zeigt es unmissverständlich, auch in Leipzig neue Freunde gefunden haben. Runde 2000 wohl.

"Besame mucho", womit Domingo ganz am Schluss, mittlerweile ist es kurz nach halb elf, zärtlich den Saal noch rockt, kennt auch hier bereits jeder. Drum kann auch jeder mitsingen. Und Plácido Domingo braucht ein Mikro, um sich Gehör zu verschaffen im Hexenkessel der Begeisterung.

Nicht schlecht für einen maladen 73-Jährigen - aber nichts Besonderes für den größten Sänger des 20. Jahrhunderts. Wär' schön wenn sein erster Besuch in Leipzig nicht sein letzter gewesen wäre.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 17.01.2015

Korfmacher, Peter

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