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Im Sumpf der Täuschung: Bestseller-Autor Ian McEwan stellt neues Buch vor

Im Sumpf der Täuschung: Bestseller-Autor Ian McEwan stellt neues Buch vor

Wie schon in seinem letzten Roman "Solar" (2010) verarbeitet der britische Schriftsteller Ian McEwan in seinem neuen Buch "Honig" Tagespolitik. Diesmal die der 70er Jahre.

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Der britische Bestseller-Autor Ian McEwan ("Der Zementgarten", "Abbitte").

Quelle: dpa

Leipzig. Es ist die Zeit des Kalten Krieges, der auch ein "Krieg der Ideen" ist. In einer raffinierten Konstruktion, die der Leser erst zum Schluss durchschaut, bringt McEwan Liebesdrama, Spionagekrimi und Literaturbetrieb zusammen.

Er hat es wieder geschafft. Ist in die Psyche seiner Figuren geschlüpft, um Unglaubliches glaubhaft zu machen. Auch wenn nichts sicher zu sein scheint in Ian McEwans Vexierbild einer großen Liebe und eines noch größeren Verrats, in dem Lüge Wahrheit sein kann. Er zeigt in leichtem Erzählton menschliche Schwächen in der Zwangsjacke des Verlangens und karikiert die Geisteshaltung kulturfeindlicher Staatsdiener.

Serena und Tom sind füreinander bestimmt. Und zwar vom britischen Inlandsgeheimdienst MI5. Es ist das Jahr 1972, der Tunnel unter dem Ärmelkanal noch eine Idee. Supermärkte und Croissants sind neu in Großbritannien, die Inflationsrate liegt bei 20 Prozent, die "Provisorische IRA" bombt sich durchs Land. Nicht jeder hat einen Telefonanschluss zu Hause, Schriftsteller spannen Papier in Schreibmaschinen, und noch ist es alles andere als selbstverständlich für ein Mädchen, einfach so in den Pub zu gehen und sich an die Bar zu setzen wie ein Mann.

McEwan nimmt sich Zeit, hinter die Kulissen innenpolitischer Machtspiele zu schauen, Bergarbeiterstreik und Ölkrise bilden eine weitere Ebene des Romans, der immer tiefer in den Sumpf der Täuschung führt, in die Vermischung von Fiktion und Leben und in die Gefahr, beides zu verwechseln. In nahezu selbstreferenziellen Passagen über Sinn und Wesen von Literatur und Schreiben vergewissert sich McEwan der Rolle des Autors und scheint hier dem Schriftsteller Tom näher zu stehen als seiner Ich-Erzählerin Serena, über deren Unbedarftheit und Meinungslosigkeit man sich lange nur wundern kann. Für all das gibt es Gründe - und die sind sogar ziemlich gut.

In die Welt des Kalten Krieges also ist Serena hineingewachsen in einem behaglichen Queen-Anne-Haus in einer hübschen Kleinstadt im Osten Englands als Tochter eines anglikanischen Bischofs. Die Mutter, unter deren konventioneller Schale "der robuste Keim einer Feministin verborgen" liegt, erzwingt es, dass Serena Mathematik studiert statt Anglistik, was ihr lieber gewesen wäre, denn mit Literatur kennt sie sich ein bisschen aus. Als obsessive Schnellleserin schafft sie 200 Seiten in zwei Stunden. "Lesen war meine Methode, nicht über Mathe nachzudenken vielmehr (oder weniger?), es war meine Methode, überhaupt nicht zu denken."

Genau diese Leidenschaft ist es, die den MI5 darauf bringt, Serena auf Tom anzusetzen, einen Schriftsteller. Der Geheimdienst plant, regierungsfreundliche Journalisten und Autoren zu fördern, möglichst indirekt, über Stiftungen. Ganz nach dem Vorbild der CIA, die schon seit den 40er Jahren ihre Vorstellungen von Hochkultur sponsert. "Die Idee dabei ist, europäischen Linksintellektuelle von den marxistischen Perspektive wegzulocken und ein öffentliches Engagement für die freie Welt intellektuell salonfähig zu machen."

McEwan zeigt die Geheimdienstler als intriganten Haufen, in dem die Hierarchieleiter hoch und runter jeder jedem misstraut. Einig sind sie sich gegen die Kommunisten. Dafür, und nur dafür, werden Literaten gebraucht, auf deren Texte die Beamten am liebsten direkt Einfluss nehmen würden, jedoch: Die Autoren müssen sich "frei fühlen".

Genau genommen suchen sie jemanden, "der auch mal an seine bedrängten Brüder im Ostblock denkt, der vielleicht dorthin reist und seine Hilfe anbietet oder Bücher hinschickt, der Petitionen für verfolgte Schriftsteller unterschreibt, sich mit den verlogenen marxistischen Kollegen hier anlegt, keine Angst hat, öffentlich anzuprangern, dass Castro in Kuba Schriftsteller ins Gefängnis steckt." Was sie nicht interessiert, ist "modischer Pessimismus", der Niedergang des Westens und Fortschrittsskepsis. Darum soll Tom, der mit antikommunistischen Artikeln und Psycho-Kurzgeschichten aufgefallen ist, finanziell der Rücken freigehalten werden für einen Roman. Natürlich ohne dessen Wissen, Codewort: Honig.

Serena, Anfang 20, hübsch und klug, bislang Hilfsassistentin beim MI5, wo sie nicht aus Überzeugung, sondern durch eine Affäre gelandet ist, soll Tom ein bisschen im Auge behalten. Sie tarnt sich als Mitarbeiterin einer Stiftung - einer von vielen Schleiern der Irreführung, die McEwan nach und nach lüftet. Doch Serena verliebt sich. Erst in die Kurzgeschichten. Dann in den Mann. Allerdings: Es ist schwer, mit der Lüge zu lieben und Tom nicht der einzige, der Serena begehrt. So steht schließlich alles auf dem Spiel.

Begehren und Betrug, Freundschaft und Verrat - Ian McEwan verschränkt Literatur und Leben in einer überwältigenden Geschichte. Er gibt einer Faszination der Logik Raum und sich dem unterhaltsamen Erzählen hin - wie auch der Lust an jener Täuschung, die letztlich ja doch auf die Wahrheit verweist.

Ian McEwan: Honig. Roman. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Diogenes Verlag; 463 Seiten, 22,90 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 25.09.2013

Janina Fleischer

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