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Kultur Im VW Bulli zu den alten Helden des Rock’n’Roll
Nachrichten Kultur Im VW Bulli zu den alten Helden des Rock’n’Roll
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11:05 15.03.2018
HANDOUT - Die Musiker von Black Sabbath, (l-r) Tony Iommi, Ozzy Osbourne und Geezer Butler (undatierte Aufnahme). Nach 35 Jahren bringt die Band mit «13» wieder ein Album auf den Markt. dpa (zu dpa-Korr. «Black Sabbath-Album «13»: Mit Ozzy zurück zu den Ursprüngen» vom 04.06.2013) ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der Berichterstattung und mit vollständiger Nennung der Quelle Foto: Universal Music International +++(c) dpa - Bildfunk+++ Rock ’n’ Roll 4evermore. Irre Trips zu alten Helden. Eulenspiegel Verlag; 192 Seiten, 14,99 Euro
Leipzig

Vermutlich hat Mark Daniel als Kultur- und Lokalredakteur der Leipziger Volkszeitung einiges durch. Dass er sich überdies einer seltsamen Passion freiwillig hingibt, war nicht unbedingt zu erwarten. Nun ist es raus, denn ein ganzes Buch lang füllt er freimütig mit Erlebnisberichten darüber. Allein wäre das alles schwer zu genießen, deswegen hat er seinen Kumpel Hümmi an der Seite. Wie Daniel ist der aus dem Ruhrgebiet „Anfang der 90er nach Leipzig rübergemacht“. Hümmi ist Schalke-Fan und also Kummer gewohnt. Er besitzt einen übernachtungstauglichen Volkswagen T3 vom Baujahr 1987, den er als passionierter Schrauber in Form hält, ordentliche Trinkfestigkeit und die Fähigkeit, sich leidenschaftlich auf eine frühere Entwicklungsstufe zurückzubeamen. Das Motiv für die gemeinsamen Abwege bringt Hümmi, der ohnehin nicht über die Fähigkeit gebietet, Sätze mit Kommas zu bilden, auf den Punkt: „Irgendwann sind se alle wech.“

Alle, das sind die Helden der Jugend. Ordentlich in die Jahre und aus der Form gekommene Gitarristen und Sänger, die längst die Grenze zum Windschnittigen überschritten haben, wenn sie über die Dörfer ziehen. Man stelle sich einmal vor, was es mit dem Menschen macht, wenn einer wie – zum Beispiel – Uriah Heep-Frontmann Bernie Shaw inzwischen mit Kullerbauch und immer noch in unterirdischem Outfit alle Abende eine identische Fassung von „Lady in Black“ hinsimpeln muss. Im besten Falle werden sie zu „freundlichen Karpfen“, wie Christoph Dieckmann das einmal nannte. Wenn hier also zwei dem guten alten Rock’n’Roll hinterher reisen, liegt die Betonung auf beiden Attributen. Man kann sich seine Passionen nicht aussuchen. Damit Mark Daniel, mit Kollege Jürgen Kleindienst Autor des Buchs „Schnauze Ossi!“, den fürs spätere Aufschreiben nötigen Überblick nicht ganz verliert, trägt er im Konzert Ohrstöpsel und trinkt auch mal alkoholfreies Bier.

Mit Blick zur Bühne denkt er: „Ich hingegen bin ja noch jung.“ Immerhin, zwischen den Jugendzimmerhelden und heute liegen für ihn „Mauerfall, Klimawandel, zwei Kinder, eine Scheidung und unzählige Zeitgeister“. Da ist es gut, wenn es Konstanten gibt für ein regelmäßiges Bad in Wohligkeit und Nostalgie. Also rein ins dem jeweiligen Anlass entsprechende Fanshirt und der eigenen labyrinthischen Geschmacksverirrung hinterher in überschaubare Läden nach Schwalmstadt in Hessen, ins Vogtland oder an den Brombachsee nach Bayern. Entlegene Orte, für deren Erreichbarkeit es einer ausgeklügelten Logistik bedarf, die mit den Jahren perfekt geworden ist.

Das braucht Idealismus und von eben diesem getriebene Konzertveranstalter in der Provinz. Dort kann man dann in einem seligen Gestern nachpubertieren angesichts von Ritchie Blackmore, Saga, Spencer Davis, Bay City Rollers, Kiss, The Sweet, Jethro Tull, Suzi Quatro oder Alice Cooper, wobei sich die Zahl der Originalmitglieder in der Regel oft dem Lauf der Natur folgend auf ein Minimum reduziert hat. Manchmal hat es sich auch ganz erledigt – Schnauze Ozzy! –, dann muss man sich halt im Kino ein letztes Nachbeben gönnen.

Man kann feiern, tanzen, röhren, trinken und die Welt vergessen inmitten von die Luftgitarren bedienenden „Kleiderschränken aus Jeans und schwarzem Leder“ mit Kräuterlikören wie Patronen im Gurt und in die Jahre gekommenen Musen wie Sabine aus Werdau mit dem Jon-Lord-Tattoo, die auch dann noch headbangend an der Bühne ausharrt, als ihr ein Bierwagen die Fersen blutig gefahren hat. Die Idee verlangt Opfer, doch nichts ist schlimmer als Sitzkonzerte, auf denen wie bei Chris de Burgh Leute hocken, die bei Flugzeuglandungen klatschen und deren Name auf Kaffeetassen steht.

Mark Daniel erzählt bekenntnishaft, geständig und von innen heraus von Fluch und Segen seines obsessiven Nach-Hause-Kommens ins Jugendzimmer, wo ihm die Gänsehaut wächst in rustikaler Betäubung. Und er hat auch so manche neckische Beobachtung und Episode parat, etwa über die der Bässe wegen in hintere Reihen verbannten Männer mit Stents, über Fluch und Segen von Coverbands oder darüber, wie Hümmi endlich einmal sprachlos war, nachdem er als ältester Praktikant in der Geschichte der Leipziger Volkszeitung dem netten, alten, behausschuhten Ian Gillan im Hotel leibhaftig gegenübergesessen hatte.

Buchpremiere am 16. März um 20 Uhr im Alten Mörtelwerk, Kanal 28; in der LVZ-Autorenarena am 18. 3., 16 Uhr.. Weitere Lesungen am 20. März im Hardrock Cafe Hamburg, am 25. März im Neuen Schauspiel Leipzig, am 29. März im Weingut Goseck, 22. April Stadtkirche Bad Schmiedeberg, 24. Mai im Dr Hops Leipzig, 13. April in Witzenhausen.F

Von Ulrich Steinmetzger

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