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Immer die Sprache – Tag 2 in Klagenfurt

Bachmannpreis Immer die Sprache – Tag 2 in Klagenfurt

Er bringt Form und Freude unter einen Hut: Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt überzeugt am zweiten Tag der Dramatiker Ferdinand Schmalz. Seine Stücke „am beispiel der butter“ und „der herzerlfresser“ wurden am Schauspiel Leipzig uraufgeführt.

Zuschauer lesen mit: Im ORF-Theater in Klagenfurt ist alles live.

Quelle: Johannes Puch

Leipzig. Die Reihenfolge der Lesenden wird ausgelost. Es ist also Zufall, dass am Freitag, dem zweiten Morgen der Tage der deutschsprachigen Literatur, zunächst drei österreichische Autoren lasen: Ferdinand Schmalz, Barbi Markoviv und Verena Dürr. Ferdinand Schmalz ist vor allem als Dramatiker bekannt. Am Schauspiel Leipzig wurde 2014 sein Stück „am beispiel der butter“ uraufgeführt, 2015 „der herzerlfresser“.

Die Zeitschrift „Theater Heute“ hat den 1985 in Graz Geborenen zum Nachwuchsautor des Jahres 2014 gewählt, da hatte er bereits den 2. Platz beim MDR-Literaturwettbewerb in der Tasche für seine Kurzgeschichte „schlammland gewalt“. Derzeit arbeitet Schmalz an einer „Jedermann“-Neudichtung für das Wiener Burgtheater. Er arbeitet mit Kleinbuchstaben, denkt aber größer.

In seinem Klagenfurter Vorstellungs-Video geht es um den Zusammenhang von Essen und Sprechen. In seinem Text „mein lieblingstier heißt winter“ auch. Die Personen heißen Schlicht und Schauer, der eine fährt als der „Eismann“ Lebensmittel aus, der andere nimmt als sein Kunde das Rehragout entgegen. Jeden zweiten Mittwoch. Seit sieben Jahren. Bis jetzt. Es besteht ja oft eine besondere Beziehung zwischen Menschen, die Essen geben und jenen, die es bekommen.

„Total in der Gegenwart“

Am Ende ist der Herr Schauer weg, weshalb in der Jury-Diskussion diskutiert wird, ob der Chauffeur eines Gefrierwagens ein schlechter Mensch sein kann. Und ob so ein Wildragout überhaupt zum Lieferumfang ... Nahezu ausgelassen tanzen die sieben Juroren um diesen ersten Text des Tages. Eingeladen hat ihn Sandra Kegel – wie schon den Donnerstags-Favoriten John Wray. Sie verteidigt zu recht den Einsatz von Kalauern und lobt, dass die Charaktere nicht über Psychologie erklärt werden, sondern über Sprache „Ein Text, der total in der Gegenwart ist“, sagt sie.

Diesmal ist es Jury-Chef Hubert Winkels, der sich im „hermeneutischen Schwergewichtsheben“ übt, kommt nicht umhin zu sagen, dass sich die Materialität der Sprache mit der Materialität der Figuren verknüpfe und mit dem semantischen Feld, das der Autor aufmache. Andere sprechen von „performativer Qualität“, dass der Text „rockt“. „Makellos“ sei er, wie es immer wieder heißt, bevor geklärt werden kann, was „makellos“ hier überhaupt bedeutet.

Das Lesen um den Bachmannpreis und die anderen Auszeichnungen wäre nur halb so vergnüglich ohne diese öffentliche Kritik. Zumindest fürs Publikum im ORF-Theater am Wörthersee und für die Zielgruppe am Livestream. Nicht immer aufbauend ist das für die diesmal sieben Autorinnen und sieben Autoren aus Österreich, Deutschland und der Schweiz. Die letzten vier lesen am Samstagvormittag, bevor am Sonntag die Preisträger bekanntgegeben werden.

Immer die Sprache

Ferdinand Schmalz könnte sich Hoffnungen machen. Es kam zwar immer mal vor, dass Favoriten plötzlich leer ausgingen – eine Gesetzmäßigkeit aber ist es nicht. Genauso wenig müssen Favoriten zwangsläufig einen Künstlernamen nutzen. In diesem Jahr ist es aber so: Schmalz heißt eigentlich Matthias Schweiger, ist das Pseudonym von John Henderson.

Andere Gesetze gelten durchaus, glaubt man Juror Klaus Kastberger, der sagt: „So sind halt die österreichischen Texte: immer die Sprache.“ Schmalz’ Text sei „ohne klare Sicht der Sprache nicht zu verstehen“. Er basiere auf sprachlichen Setzungen und gehe daraus hervor. Alles was einem komisch vorkommen mag, „ist intentional gesetzt“. Im übrigen würde er „Herrn Schmalz sowieso alles glauben.“ Damit nicht genug der Begeisterung: „Letztlich sagen solche Texte, die sprachfixiert sind, dann doch mehr über die Realität als diese realistischen Texte.“ Kastberger fasst zusammen: „Ich bin zufrieden.“

Texte wie dieser, die in ihrer Form überzeugen, und Jurydiskussionen wie jene, die sich davon inspirieren lassen, machen die Tage in Klagenfurt zu bester literarischer Unterhaltung.

Lesungen Samstag ab 10 Uhr, Preisverleihung am Sonntag ab 11 Uhr live auf 3sat; bachmannpreis.eu

Von Janina Fleischer

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