Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Immer etwas zu sagen – und zu singen: Auszeichnung für Herbert Blomstedt

Leipziger Ehrenmedaille Immer etwas zu sagen – und zu singen: Auszeichnung für Herbert Blomstedt

Das Leipziger Konzertpublikum und den 19. Gewandhauskapellmeister Herbert Blomstedt verbindet eine besonders herzliche Zuneigung. Am Freitag wurde der 90-Jährige im Festsaal des Alten Rathauses mit der Ehrenmedaille der Stadt ausgezeichnet – und gab die Wertschätzung sogleich zurück.

Herbert Blomstedt, 90, mit der Ehrenmedaille der Stadt Leipzig. Er ist der 30. Empfänger der Auszeichnung, die seit 1997 in unregelmäßigen Abständen vergeben wird.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Eine Ehrung strahlt immer in mindestens zwei Richtungen. Und oft ist keineswegs klar, ob ein Preis wirklich seinen Preisträger schmückt oder nicht eher andersherum. Mit der Verleihung der Ehren­medaille der Stadt Leipzig an Herbert Blom­stedt haben Auszeichnung und Ausgezeichneter indes auf sehr natürliche Weise zueinandergefunden. Nicht zuletzt die warmherzige Begeisterung, mit der sich das Publikum an den Abenden vor und nach dem Festakt im Gewandhaus aufs Neue beim 19. Kapellmeister und Ehrendirigenten bedankte, hat – wieder einmal – die Harmonie in diesem Wechselspiel vor Augen geführt.

Ein beredtes Zeugnis haben auch die vielen Glückwünsche, Grußworte und schließlich Blomstedts Danksagung am Freitag im Festsaal des Alten Rathauses abgelegt von der Augenhöhe, auf der sich der herausragende Musiker und die traditionsreiche Musikstadt zwanglos begegnen. Schon bei Blomstedts Amtseinführung 1998, so erinnert Oberbürgermeister Burkhard Jung sich und die Festgesellschaft, habe Yehudi Menuhin gemutmaßt: „Herbert Blomstedt ist jetzt genau dort, wo er hingehört.“

Das Adjektiv „nachhaltig“ sei abgedroschen, entschuldigt sich Jung, doch es falle ihm kein treffenderes ein, um die Beziehung zwischen Blomstedt und Leipzig zu beschreiben. Während seiner siebenjährigen Amtszeit hat er das Orchester erneuert, seinen Klang, seine Spielkultur. Und noch heute hat Blomstedt für das Gewandhaus ungefähr die Bedeutung, die Jupp Heynckes für den FC Bayern einnimmt: Bei Not am Mann springt er ein; und alle freuen sich. Der Klangkörper empfinde „eine tiefe Freundschaft mit dem Dirigenten“, sagt Jung. „Das Leipziger Publikum verehrt Sie ausnahmslos.“

Als er da ins Gesicht Blomstedts blickt, wie der in der ersten Reihe nachdenklich zuhört, unterbricht er die vorbereitete Rede: „Das ist heute schwer für Sie, Herr Blomstedt, ich weiß.“ Jung lächelt. „Sie werden gelobt und gelobt, aber da müssen Sie durch.“ Wahrscheinlich ist dem 90-Jährigen in der Tat jene Form der Wertschätzung lieber, die der Auszug aus Bachs „Kunst der Fuge“ impliziert, den das Gewandhaus-Brass-Quintett für ihn spielt. Auch das Gewandhaus-Quartett gratuliert: mit den ersten beiden Sätzen von Beethovens „Harfenquartett“. Später wird Blomstedt gestehen, dass ihn die Musik fast zum Weinen gebracht habe.

Mit Blomstedt im VW-Bus durch Schweden

Zunächst jedoch hebt auch Sachsens Kulturministerin Eva-Maria Stange die Bescheidenheit der Hauptperson hervor, die „noble Einstellung“, die sie neben „gelassener Heiterkeit und großer Herzenswärme“ auszeichne. „Tue Gutes und rede nicht darüber“, sei Blomstedts Lebensphilosophie. Pianist András Schiff preist als Laudator gleichfalls nicht nur den bleibenden Einfluss des Dirigenten auf das Gewandhausorchester, auf Repertoire und Klang bis hin zur Sitzordnung und auf die internationale Reputation. Auch ihm geht es ebenso sehr um die Großzügigkeit und den Frohsinn des Menschen Blom­stedt. Viele Leipziger Musiker spielen auf Instrumenten, die er dem Gewandhaus schenkte.

Der Vater ein Prediger, die Mutter Konzertpianistin, habe das Leben Blom­stedt in jungen Jahren vor die Wahl zwischen Religion und Musik gestellt, so Schiff. „Er hat sich für beides entschieden.“ Dass ihn außer dem Gewandhausorchester fünf weitere zum Ehrendirigenten ernannten, unter anderem die Dresdner Staatskapelle, spricht für sich selbst.

Wie sehr er als Musiker und Mensch die Leute berührt, illustriert Gewandhausdirektor Andreas Schulz, indem er von einer gemeinsamen Fahrt mitsamt Ehefrau und fünf Kindern im VW-Bus durch die Einöde Schwedens vor zehn Jahren berichtet. „Irgendwann fing er an, Lieder, Choräle, diverse Kanons mit uns zu singen. Ich hatte Mühe, mich aufs Steuern zu konzentrieren.“ Blomstedts Liebe zur Musik steckt an. Nicht ohne Grund werden in der offiziellen Preisbegründung die Familienkonzerte erwähnt, von denen Blom­stedt etliche moderierte. Schulz: „Herbert Blomstedt hat immer etwas zu sagen. Und zu singen.“

Der Leipziger Notenhändler Bodo Becker

Und der Geehrte selbst? Wäre nicht Blomstedt, gäbe er das Lob nicht einerseits weiter und andererseits zurück. Er nehme die Ehrung nur stellvertretend an, sagt er und zitiert aus Brahms’ Requiem, das er am Abend zuvor dirigiert hat. „Herr, Du bist würdig zu nehmen Preis und Ehre und Kraft, denn Du hast alle Dinge erschaffen.“ Blomstedt interpretiert das im konkreten Fall folgendermaßen: „Den Schöpfern gebührt die Ehre, den Tonschöpfern, also Komponisten. Und auch dem Urschöpfer.“

Leipzig nicht zu vergessen. „Das ist nicht irgendeine Stadt“, habe er schon beim ersten Besuch 1970 gemerkt. Nach einem Konzert habe ihn ein grauhaariger Mann angesprochen und erzählt, wie er unter Nikisch und Furtwängler Geige gespielt habe. „So was kann man hier erleben“, jubelt Blomstedt und erwähnt noch, dass er gerade in eben jenem Saal geehrt werde, in dem Bach seinen Vertrag als Thomaskantor unterschrieb.

Große Namen, zu denen für Blomstedt aber noch der unbekannte Leipziger Bodo Becker gehört. Bei ihm wollte er damals, 1970, bloß sein DDR-Geld loswerden, erzählt er. Er traf auf einen kleinen, älteren Herrn, der in einer verlassenen Gegend der Stadt „Noten bis unters Dach“ hortete und jeden noch so ausgefallenen Wunsch erfüllte. „Da wusste ich, dass es eine Musikstadt ist“. Wahrscheinlich konnte von da an zwischen ihm und Leipzig gar nichts mehr schiefgehen.

Von Mathias Wöbking

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Leipziger Opernball 2017

    Schwungvoll im Dreivierteltakt: Hier finden Sie Infos und Fotos vom Leipziger Opernball 2017 unter dem Motto „Moskauer Nächte“ mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Die Ausstellung "DDR-Comic Mosaik - Dig, Dag, Digedag" ist ab sofort dauerhaft im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig zu sehen. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album 2
    Leipzig-Album 2

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr