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Kultur In 80 Fragen durch die Zeit - Essay-Sammlung "Die Würde ist antastbar"
Nachrichten Kultur In 80 Fragen durch die Zeit - Essay-Sammlung "Die Würde ist antastbar"
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20:30 10.08.2014
Strafverteidiger und Schriftsteller Ferdinand von Schirach. Quelle: Michael Mann

Nun sind sie in einem Buch versammelt: "Die Würde ist antastbar".

2009 war der Berliner Strafverteidiger mit seinem ersten Erzählungsband "Verbrechen" auch als Schriftsteller bekannt geworden. Es folgten "Schuld" sowie die Romane "Der Fall Collini" und "Tabu" - allesamt Bestseller, in denen der 1964 geborene von Schirach Menschen an den Rändern der Gesellschaft porträtiert in Geschichten, denen wahre Fälle zu Grunde liegen. "Tabu" (2013) geht zurück auf den Fall Magnus Gäfgen, greift die Androhung "erheblicher Schmerzen" durch den stellvertretenden Polizeipräsidenten Wolfgang Daschner auf. Der wollte Gäfgen dazu bringen, den Aufenthaltsort seines Opfers, des elfjährigen Jakob von Metzler, preiszugeben. Es ging um das Leben des Kindes.

Dennoch: "Durfte Daschner tun, was er tat? Und wenn er es nicht durfte, handelte er ohne Schuld?" Fragen, denen von Schirach im Essay "Die Würde des Fürchterlichsten" nachgeht. Und zwar anders, als damals in der Boulevardpresse und an den Stammtischen verhandelt. Daschner, schreibt er, hat sich "gegen die Grundprinzipien unseres Staates" entschieden und die "Würde eines Menschen" verletzt. "Wir werden verlieren, wenn wir die Daschners gewähren lassen, die dünne Papiertür, die uns vom Chaos trennt, wird reißen." Auch der Fürchterlichste dürfe niemals angetastet werden.

In allen Texten geht es um Würde, Freiheit, Recht. (Allein die Hymne auf das iPad bleibt dahinter zurück mit weit weniger Relevanz und Tiefe.) Von Schirach nimmt den Kampf gegen Terrorismus zum Anlass seiner Überlegungen, das Verhältnis von Justiz und Presse, Gerichts-Bilder des Fotografen Leo Rosenthal, die Prozesse gegen Verena Becker und Jörg Kachelmann, das Urteil zur Sicherheitsverwahrung oder Frauenrecht und Frauenquote. Immer eigentlich führt er zu dem Schluss, dass Gesetz und Gesellschaft, Recht und Demokratie in einer Realität zusammenwirken, in der - anders als im Grundgesetz postuliert - die Würde "dauernd angetastet" wird.

Dabei sei unser gesamtes Denken tief und in jedem Bereich vom Christentum beeinflusst, das sich durch die "kompromisslose Achtung des Mitmenschen" auszeichnet. Unsere Philosophie, unser Kunst, unsere Kultur seien ohne diese Achtung nicht vorstellbar. "Die westliche Welt, ihre Freiheit und ihr Selbstverständnis, wird nicht an Autobahnmaut, Steuererhöhung oder Pflegeversicherung entschieden - sie entscheidet sich am Umgang mit dem Recht." Und "mit den Rechten des Menschen ist es nämlich in Wirklichkeit wie mit der Freundschaft. Sie taugt nichts, wenn sie sich nicht auch und gerade in den dunklen, in den schwierigen Tagen bewährt."

Von Schirach zeigt mit Beispielen aus der Literatur und aus dem Leben, mit Fakten, Erfahrungen, aber eben auch mit seiner Haltung so unterhaltsam wie überzeugend Zusammenhänge. Er hilft, Entwicklungen zu durchschauen und einzuordnen, die mit einer Selbstverständlichkeit ihren Lauf nehmen, dass man sie für normal halten könnte. Dabei versteht er es, Spannung aufzubauen im Zusammenspiel von Anekdoten, Zitaten, historischem Wissen, juristischer Raffinesse, Fragen, Thesen, Schlüssen ... Fast nie polemisch, sondern auf der Grundlage einer nahezu heiteren Gelassenheit klärt er auf, ohne Antworten zu stapeln.

Es kommt ja auf die Fragen an. Und es wächst, je komplizierter alles wird, eine Sehnsucht nach Klarheit. Möglichst ohne Zweifel. Nach "einer Welt, in der die Dinge schwarz oder weiß sind". Das geht schnell auf Kosten der Toleranz, wie etwa beim Nichtraucherschutzgesetz, das für von Schirach "ein Fehlverständnis von Demokratie" offenbart. "Es geht eben nicht nur darum, dass gemacht wird, was die Mehrheit sagt - es geht auch um Nischen für die Minderheit." Gerichte, schreibt er, "haben nicht die Aufgabe, Politik zu machen. Trotzdem werden die großen Fragen unseres Zusammenlebens immer öfter vom Bundesverfassungsgericht entschieden."

Zwei, drei Mal wird der Autor ausgesprochen persönlich. Zunächst, als er die Tür zu seiner Schreibstube öffnet, um Verlagswesen und Urheberrechts zu verteidigen. "Kein Geld, keine Literatur - so einfach ist das." Ein anderes Mal, als er - genervt von Journalisten - schreibt, warum er keine Antworten auf die Fragen nach seinem Großvater geben kann, "Reichsjugendführer" Baldur von Schirach. Er hat ihn nicht gekannt, und er hat ihn nicht verstanden. Aber er sieht sich, uns in der Verantwortung: "Wir glauben, wir seien sicher, aber das Gegenteil ist der Fall: Wir können unsere Freiheit wieder verlieren. Und damit verlören wir alles. Es ist jetzt unser Leben, und es ist unsere Verantwortung."

Ferdinand von Schirachs Essays sind Streifzüge durch die Themen der Zeit auf dem Terrain moralischer Wertvorstellungen. Das gibt ihnen zeitlose Gültigkeit. Die richtigen Fragen zu stellen, gehört für den Anwalt zum Handwerk. Er beherrscht es wirklich gut.

Ferdinand von Schirach liest und diskutiert am 16. Oktober, 20 Uhr, im Leipziger Gewandhaus.

Ferdinand von Schirach: Die Würde ist antastbar. Essays. Piper Verlag; 144 Seiten, 16,99 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 11.08.2014

Janina Fleischer

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