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„In Deutschland wurde manches verdrängt": Leiter des Polnischen Instituts im Interview

„In Deutschland wurde manches verdrängt": Leiter des Polnischen Instituts im Interview

Die Debatte in Polen über den ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter" schlägt im Nachbarland weiter hohe Wellen. Auch Wojciech Wieckowski (59), Leiter des Polnischen Instituts in Leipzig, kritisiert: Die polnische Untergrundarmee als eine „unzivilisierte, antisemitische Bande" darzustellen, sei empörend, unsensibel und unzutreffend.

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Wojciech Wieckowski, Leiter des Polnischen Instituts in Leipzig, wünscht sich, dass die Deutschen mehr wüssten über die gemeinsame Geschichte und mehr Polnisch lernen würden.

Quelle: Andr Kempner

LVZ:

Leipzig. Ist das deutsch-polnische Verhältnis leicht zu erschüttern, wie die Aufregung nach dem ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter" vermuten lässt?

Wojciech Wieckowski:

Nein, so leicht zu erschüttern ist es nicht. Es fußt auf stabilen Fundamenten, auf den Grenz- und Nachbarschaftsverträgen, den Werten, die wir teilen sowie auf der Mitgliedschaft in EU und Nato. Es ist aber bedauerlich, dass es zur solchen Unstimmigkeiten gekommen ist. Wer einen Film über den Zweiten Weltkrieg macht, der muss mindestens wissen, dass dieser 1939 mit dem Überfall auf Polen angefangen hat und nicht erst 1941 mit dem Angriff auf die damalige Sowjetunion, wie dies der Film tut. Und wer über Warschau im Jahr 1944 spricht, der darf nicht den Warschauer Aufstand vergessen, wie ihn der Film ignoriert. Und wer über die Armia Krajowa, die größte Untergrundarmee im von den Deutschen besetzten Europa, berichtet, der sollte sie nicht als unzivilisierte, antisemitische Bande darstellen. Da muss man mehr Sensibilität zeigen und die ganze Wahrheit sagen, nicht nur Halbwahrheiten. Sonst bestätigt man nur irgendwelche alten Stereotypen. Es wäre gut, wenn die Deutschen die Geschichte des Zweiten Weltkrieges besser kennen würden.

Wo sehen Sie da Defizite?

Die Deutschen wissen vieles fragmentarisch – und das vor allem über sich selbst. Sie denken in Stereotypen, auch wenn es um die Geschichte geht. Bei uns in Polen wurde häufiger, auch in den Familien, über Geschichte, über den Krieg gesprochen. Das hat das Wissen aus den Lehrbüchern ergänzt und den Horizont erweitert. In Deutschland fand das Gespräch in den Familien seltener statt, manches wurde lange Jahre lieber verdrängt. Der ZDF-Film wollte ja genau das sagen: Warum wurde geschwiegen? Aber wie gesagt, er hat selbst leider auch vieles verschwiegen und manches falsch vorgestellt. Er hat gezeigt, dass die neue historische Debatte zwischen deutschen und polnischen Historikern und auch in der Zivilgesellschaft geführt werden sollte.

Wo haben Sie eigentlich so wunderbar Deutsch gelernt?

In Warschau, noch im vorigen Jahrhundert. Wir hatten Ende der 60er Jahre eine hervorragende Lehrerin. Bei ihr hatten wir eine Stunde vor dem eigentlichen Unterricht und eine Stunde danach zusätzlich Deutsch. Das fanden wir damals nicht so toll. Aber wir haben bei ihr viel gelernt.

Ihre Eltern waren Häftlinge in Auschwitz. Was hat Sie bewogen, trotzdem Deutsch zu lernen und für die deutsch-polnische Verständigung zu arbeiten?

Mit den eintätowierten Häftlingsnummern auf den Armen meiner Eltern habe ich das Zählen gelernt. Ja, mein Vater musste fast fünf Jahre im deutschen Konzentrationslager Auschwitz verbringen, meine Mutter drei. Sie haben sich dort im Lager auch kennengelernt. Mein Vater arbeitete zuvor in der Warschauer Stadtverwaltung, und meine Mutter lehrte Polnisch. Beide wurden von den deutschen Besatzern verhaftet und ins Lager gesteckt. Direkt nach dem Krieg war Deutsch tatsächlich nicht sehr beliebt in meiner Familie. Aber wenige Jahre später reiste mein Vater als Ingenieur schon wieder nach Deutschland. Mich hat das alles geprägt, ich suchte Antworten auf die Frage „Warum?" und habe mich deswegen für Deutschland, die Deutschen und das deutsch-polnische Verhältnis interessiert.

Wie lebendig sind gegenseitigen Vorurteile von Deutschen und Polen?

Sie verblassen, erledigen sich im Alltag, wie zum Beispiel das alte Vorurteil von der „polnischen Wirtschaft". Heutzutage assoziiert man diesen Begriff eher mit dem Erfolg Polens innerhalb der EU. Das bezeugen auch regelmäßig geführte Umfragen. Das gegenseitige Bild ist jeweils immer besser. Ein gutes, aktueller Beispiel dafür gibt es auch in der Messestadt. Die Leipziger Wirtschaftsjunioren haben einen Polen zu ihrem Präsidenten gewählt. Matti Kawecki, er stammt aus Breslau, hat in Leipzig studiert und hier eine Softwarefirma gegründet. Das beste Mittel, um Vorurteile weiter abzubauen, ist sich gegenseitig kennenzulernen. Mit unserem Institut wollen wir in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen dazu beitragen, Polen in all seinen Facetten, politisch, wirtschaftlich und kulturell, näher zu bringen.

Was sind die Renner in Ihrem Programm?

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Wojciech Wieckowski, Direktor des Polnischen Instituts in Leipzig.

Quelle: Andr Kempner

Als Marek Krajewski im März während der Buchmesse aus seinem Krimi „Finsternis in Breslau" vorgelesen hat, war es richtig voll bei uns. Auch der Auftritt des Streichquartetts aus Breslau, zur Eröffnung des Witold-Lutoslawski-Jahres in Leipzig, eine Veranstaltung gemeinsam mit dem MDR, fand großen Zuspruch.

Unser Projekttag „Czesc, ein Tag auf Polnisch" für Schülergruppen, an dem wir hier im Institut Polen vorstellen, von der Landschaft über die Sprache bis zur Küche, ist so nachgefragt, dass wir damit nun auch nach Thüringen und Sachsen-Anhalt expandieren. 2012 kamen 20 Klassen allein aus sächsischen Schulen zu uns. In diesem Jahr sind es etwa 30. Es gäbe noch vieles zu nennen. Zum Beispiel die neue Reihe über Aktuelles aus Polen wurde sehr gut aufgenommen. Das Gespräch über Herausforderungen der polnischen Energiepolitik im März war sehr lebendig.

Es muss natürlich auch der polnische Film erwähnt werden. Ich möchte auch unbedingt im Institut die sächsischen Polen vorstellen. Aufmerksam machen möchte ich auf unsere Veranstaltung am 10. April zum Gedenken an den 70. Jahrestag des Aufstandes im Warschauer Ghetto 1943. Wir freuen uns, dass mit Marian Turski ein Überlebender, ein Historiker aus Warschau, zu uns kommt. Dann möchte ich zum polnischen Nationalfeiertag am 3. Mai an Stelle eines Empfangs zu einem Vortrag einladen. Da wird ein namhafter Historiker über die polnische Verfassung vom 3. Mai 1791 sprechen, die die zweitälteste geschriebene Verfassung der Welt ist und die erste in Europa.

Obwohl das Interesse an Polen wächst, lernen nur wenige deutsche Schüler Polnisch. Woran liegt das?

Daran, dass das Erlernen der polnischen Sprache an den Schulen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen viel zu wenig angeboten wird. Dadurch bewerben sich immer weniger, um Polnisch-Lehrer zu werden, weil sie nach dem Studium keine Jobs bekommen. Daraus entsteht ein Teufelskreis, der uns große Sorgen macht. Erfreuliche Ausnahmen sind Privatinitiativen, wie zum Beispiel an einem Gymnasium in Gotha, wo die Frau des Direktors eine gebürtige Polin ist und zusätzlich Polnisch anbietet. Immerhin 21 Schüler nehmen daran teil. Mich wundert es, dass so wenig Polnisch unterrichtet wird, wo wir doch das Nachbarland sind und die wirtschaftlichen und menschlichen Kontakte zunehmen.

Was hat Sie als Diplomat nach Leipzig verschlagen?

Ich habe mich um die Stelle in Leipzig beworben. Das ist eine wunderbare Stadt mit alter Architektur, mit Theatern und Museen, alternativer Kultur, eine Stadt des lebendigen Geistes, in der ich mich sehr wohl fühle.

Zur Person

Wojciech Wieckowski, Titularbotschafter und seit Juli 2012 Leiter des Polnischen Instituts in Leipzig, wurde 1953 in Oberschlesien geboren. 1961 zog die Familie nach Warschau, es folgten Schulbesuch und Jurastudium in der polnischen Hauptstadt. Vor seiner Karriere im diplomatischen Dienst arbeitete er als Wissenschaftler an der Warschauer Universität. Als polnischer Diplomat wirkte er an den Botschaften in Wien und Berlin. Mit seiner Frau Maroslawa hat er einen Sohn (Leszek, 38).

Die Leipziger Einrichtung, die er leitet, fungiert als Außenstelle des Berliner Polnischen Instituts und ist zuständig für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Am 10. April  findet um 19 Uhr im Polnischen Institut, Markt 10, 04109 Leipzig eine Gedenkveranstaltung an den Aufstand im Warschauer Ghetto 1943 statt. Dabei wird Marian Turski, ein Überlebender,  Historiker aus Warschau, einen Vortrag halten.

Weitere Programminformationen unter: www.polnischekultur.de

Interview: Anita Kecke

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