Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur In der Ruhe liegt die Dramatik
Nachrichten Kultur In der Ruhe liegt die Dramatik
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:26 02.04.2018
Thomaskantor Gotthold Schwarz in der Thomaskirche. Quelle: Andre Kempner
Leipzig

„Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen“ – wie ein gewaltiges Portal wirkt der im Zwölfachteltakt federnde Doppelchor zu Beginn. Ein Portal, durch das die Gemeinde einzieht in ein Werk, das zu den größten Hervorbringungen menschlichen Geistes zählt. Und dass dieser Beginn jedem Hörer vertraut erscheinen kann, auch wenn er ihn noch nie zuvor gehört hat, liegt unter anderem am Puls des ihm zugrundeliegenden Herzschlags.

Thomaskantor Gotthold Schwarz dirigiert den monumentalen Eingangschor recht gravitätisch. Alle Phrasen wirken noch wie auf Schilder gemalt, jedes Wort der Wechselrede – „Wen? Wie? Was? Wohin?“ – klingt überbetont. Erst im Verlaufe der drei Stunden wird sich Schwarz von dieser Gangart verabschieden. Dann schlägt das Herz allein, ganz ohne Schrittmacher. Als der Schlusschor mit den Worten „Höchst vergnügt schlummern da die Augen ein“ verklingt, wird damit dem innigen Wunsch so manchen Zuhörers der aus allen Nähten platzenden Thomaskirche entsprochen worden sein: Eine gewisse Erschöpfung hat sich am Ende unter allen Beteiligten breitgemacht.

Bachs Varietas, die unendliche Vielfalt der Gattungen, Formen, Besetzungen zwischen dem gewaltigen Eingangs- und dem erhabenen Schlusschor, vermag Gotthold Schwarz an diesem Gründonnerstagabend nicht in allen Dimensionen mit musikalischer Logik zu verklammern. Vieles bleibt – für sich genommen – Stückwerk, wenn auch ein zum Teil überwältigend schönes.

Zwischen Bibelworten, dem eindringlichen Bericht über Christi Leiden nach dem Evangelisten Matthäus, Zitaten aus dem Hohelied Salomonis und Kirchenlied-Strophen aus zeitgenössischen Gesangbüchern bleibt zeitweise auf der Strecke, was die Matthäus-Passion im Ganzen darstellt: ein großes, kathartisches Menschheitsdrama.

Gewiss, die Dramatik der Passion hat musikimmanent zu bleiben, sie erwächst aus der Wucht der musikalischen Ausgestaltung des Wortes. Für die ist an diesem Abend zuvorderst Tenor Jörg Dürmüller zuständig. Die umfangreiche Evangelistenpartie gestaltet er mit nie ermüdender Strahlkraft sowie beeindruckender Flexibilität des Ausdrucksreichtums. Die Textverständlichkeit bleibt bis in die letzte Silbe auch da gewahrt, wo sich die Worte dicht drängen.

Das lässt sich vom Anke Vondungs vibratofreudigem Alt zunächst nur bedingt behaupten. Ihre Arie „Buß und Reu“ verströmt noch nicht die Wärme eines zerknirschten Sünderherzens, im zweiten Teil findet sie aber zumal bei der berühmten Arie „Erbarme dich, mein Gott“ zu körperlos schwebender Anmut. Wie sie hier ihre Stimmfarbe immer dunkler, erdiger, inniger werden lässt, das berührt. Gebettet wird sie hier von den großartigen Streichern (Soloviolinen: Andreas Buschatz und Julius Bekesch), die beinahe romantisch strömen und strahlen. Auch der Holzbläsersatz streichelt zart und weich die gläubige Seele (herausragend an der Flöte: Katalin Stefula).

Von den Thomanern hätte man sich bei den Turbae-Einwürfen des wütenden Mobs mehr dramatische Schlagkraft und schneidende Schärfe gewünscht, in den Chorälen hingegen etwas mehr Innigkeit statt Einheitslautstärke. Gleichwohl zum Glanzstück gerät das Nummernpaar 61 und 62: „Aber Jesus schriee abermals laut, und verschied.“ In aller Ruhe und ohne jede Geziertheit verkündet Jörg Dürmüller die Todesnachricht. Dann folgt Innehalten, ein Moment nur, gerade genug, um die Welt still stehen zu lassen, dann der Choral „Wenn ich einmal soll scheiden“. Wie aus einer anderen Welt schimmert er zart und tröstlich herüber ins scheinbar ausweglose Diesseits: Der Tod, er ist nicht das Ende, so die Botschaft der Passionsgeschichte, sondern Neuanfang.

Da greift der Geist des schlichten, beinahe naiven Kirchenlieds aufs Rezitativ vor, schlägt eine Brücke zwischen Evangelium und Gemeinde, lässt das Passionsgeschehen eindringlicher zu Herzen gehen, als es jeder noch so klug erdachte Effekt es könnte. Etwas mehr Effekt hätte man sich durchaus von Tenor Martin Lattke gewünscht, dem man die durchstandenen Höllenqualen („O Schmerz! Hier zittert das gequälte Herz“) nicht so recht abnimmt, manche manieristische Anwandlung („Geduld, Geduld, wenn mich falsche Zungen stechen“) aber nachsehen kann. Mit ihrem glockenreinen Sopran betört hingegen Gerlinde Sämann in der Arie „Aus Liebe will mein Heiland sterben, gewissermaßen das Herzstück der gesamten Matthäus-Passion. Mit samtigen Timbre und vorbildlich fokussierter Tiefe überzeugt Tobias Berndt in seinen Bass-Arien, Jochen Kupfers autoritärer Bass füllte die Rolle des Jesus angemessen plastisch aus. Ausführlicher Applaus für alle Beteiligten.

Von Werner Kopfmüller

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Kultur Kleinkunstbühne in Leipzig - Revuetheater am Palmengarten ist dicht

Über acht Jahre lang gehörte das Revuetheater am Palmengarten zur Leipziger Kleinkunst-Landschaft: Kabarett, Comedy, Varieté, Musik oder Boulevardstücke im Saal oder als Sommertheater-Versionen prägten das Programm. Nun ist Schluss mit dem Spielbetrieb.

29.03.2018
Kultur Regional 70 Jahre MDR-Kinderchot - Kindergeburtstag mit Musik

Der MDR-Kinderchor feierte seinen 70. mit einem Kindergeburtstag in der Kongresshalle, der neue Künstlerische Leiter Alexander Schmitt nutzt den Anlass zur Leistungsschau über die Zeiten und Stile.

25.03.2018
Kultur Regional Wiener Philharmoniker in Leipzig - Mahler unter Barenboim

Grandios: Daniel Barenboim dirigierte zum Abschluss der Gewandhaus-Festwochen die Wiener Philharmoniker. Auf dem Programm stand Gustav Mahlers siebte Sinfonie. .

27.03.2018