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Intellektuelle Geselligkeit in Klagenfurt

Bachmannpreis Intellektuelle Geselligkeit in Klagenfurt

Das Ritual hat begonnen – seit Donnerstagfrüh lesen sieben Autorinnen und sieben Autoren mit Hoffnung auf den Bachmannpreis. Die Jury diskutiert, das Netz kommentiert. Was Literatur sonst noch kann, hat der Schriftsteller Franzobel in seiner Eröffnungsrede gesagt.

Der österreichische Schriftsteller Franzobel (l.) eröffnet in Klagenfurt die 41. Tage der deutschsprachigen Literatur, neben ihm die Jury-Mitglieder Meike Feßmann, Michael Wiederstein und Hildegard Elisabeth Keller (v.l.)

Quelle: dpa

Leipzig. Ist das schon der Preisträger? Bevor John Wray gestern Mittag überhaupt zu Ende gelesen hatte, brach sich Begeisterung Bahn. Zumindest bei den Zuschauern zu Hause am Livestream. John Wray alias John Henderson ist 1971 in Washington DC geboren, in Buffalo aufgewachsen, heute lebt er in Brooklyn. Er hat einige Romane veröffentlicht, zuletzt „Das Geheimnis der verlorenen Zeit“ (auf Deutsch bei Rowohlt). Und er ist der dritte der sieben Autorinnen und sieben Autoren, die noch bis morgen in Klagenfurt bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur ihre Texte vorstellen.

Wie immer diskutiert die Jury live und vor Leuten und Kameras unmittelbar im Anschluss an die Lesung. Neu in der Runde ist Michael Wiederstein aus Zürich, der Juri Steiner ersetzt; den Vorsitz führt wieder Hubert Winkels. Neu ist auch ein Preis, den der Deutschlandfunk auslobt und der am Sonntag neben dem Bachmannpreis, dem Kelag-, dem 3sat- und dem Publikumspreis vergeben wird.

Das Besondere ist und bleibt die Form der Öffentlichkeit. 3sat überträgt live, kurz darauf folgen die Kommentare in den Sozialen Netzwerken. Sie machen den Wettbewerb zum kollektiven Ereignis des Hörend, Sehens und Lästerns, wobei meist der nächste Text der beste zu sein scheint und die Jury mit Spott überzogen oder gefeiert wird für ihr Urteil: nach der Diskussion über eine „Textgattung Klagenfurt“ oder Stefan Gmünders Worte vom „hermeneutischen Gewichtheben“.

Irritation löst das Argument aus, Wrays Text über Maddy, deren Romanfigur Madrigal (wenn Maddy einen Roman schreiben würde) und den Ornithologen Weisshaupt sei „zu virtuos“. Er ist bezwingend strukturiert und überdies in einer Weise souverän erzählt, wie es das tatsächlich nicht so oft zu hören gibt in Klagenfurt.

„Pelzige Mammuts“

Eröffnet hat diese 41. Tage der deutschsprachigen Literatur am Mittwochabend der österreichische Schriftsteller Franzobel. Der treffende Titel seiner Rede: „Seelenfutter Oder Das süße Glück der Hirngerichteten“. Er provoziert mit den Worten eines Freundes namens Grünlich, in spätestens 50 Jahren werde man Buchhandlungen, Bücherregale, ja selbst Bücher „so verwundert ansehen wie heutzutage Jugendliche ein Tonbandgerät, ein Pornokino oder eine Steintafel mit sumerischer Keilschrift“. Buchhändler und Bibliothekare würden keine Dealer eines Geheimwissens mehr sein, sondern „pelzige Mammuts“, und für die Schriftsteller sehe es auch nicht besser aus.

Ist das so? Der Autor bringt sich selbst ins Spiel: „Lange dachte ich, der Sinn der Literatur wäre es, gegen die eigene Vergänglichkeit anzuschreiben, etwas zu schaffen, das Generationen überdauert.“ Heute glaube er nicht mehr an diese Möglichkeit. Weil die Sprache sich ändere und immer nur das verstanden werde, „was man verstehen will, was mit dem eigenen Weltbild in Einklang steht“. Wenn aber die Welt nicht auf neue Texte wartet, wie Franzobel sagt, der vor 22 Jahren den Bachmannpreis gewann, wozu dann der ganze Aufwand?

„In Wahrheit ist der Mensch die Zumutung“

Weil es noch etwas zu erledigen gibt in dieser merkwürdig unpolitisch gewordenen Welt der „Deaufklärung“, im „neuen, technisch hochgerüsteten Biedermeier“. Literatur ist für ihn „Kampf gegen die Verdummung, Herzlosigkeit, Ignoranz, Lustfeindlichkeit und Engstirnigkeit“, gegen Absolutheits- und Wahrheitsalleinbeansprucher, gegen den, wie von Hans Magnus Enzensberger formuliert, „sekundären Analphabetismus“, gegen Mechanismen der Verblödung  ...

„Die Perversion des Kapitalismus besteht darin, dass man für sich selbst kein Mitleid mehr hat – und für andere noch viel weniger.“ Der oft zitierte Ausspruch Ingeborg Bachmanns, „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, könne, sagt Franzobel, auch lauten: „In Wahrheit ist der Mensch die Zumutung.“

Natürlich sollte Literatur, sollten Texte und deren Rezeption nicht nur gegen, sondern für etwas sein, womöglich gar für etwas gut. Franzobel benennt „die Verantwortung, sich für Unterdrückte einzusetzen, auch für unterdrückte Wahrheiten“. Und die Verantwortung, sich einzulassen auf die Welt. Damit meine er: „eine Beseelung. Seelenfutter. Eine Geselligkeit mit Lust und Witz, Poesie und Intellekt.“

Heute wird weiter gelesen. Kein einzelner Text wird den Ansprüchen genügen können, die an die Sehnsucht gekoppelt sind, mit Geschichten das Leben zu bewältigen, zu bereichern und den Tod zu begreifen. Die Öffentlichkeit bringt’s, die Wahrnehmung der Literatur als Bereicherung und Herausforderung – oder eben als eine Geselligkeit.

Lesungen ab 10 Uhr live auf 3sat, Preisverleihung am Sonntag ab 11 Uhr; bachmannpreis.eu

Von Janina Fleischer

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