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Kultur Intendant dirigiert Bergs Oper seit 35 Jahren – nun auch an der Oper Leipzig
Nachrichten Kultur Intendant dirigiert Bergs Oper seit 35 Jahren – nun auch an der Oper Leipzig
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18:56 12.06.2018
Ulf Schirmer im Gespräch mit Camilo Salazar, André Sperber und Katrin Liefke (v.l.). Quelle: Kempner
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Leipzig

Am 16. Juni 2018 feiert in der Oper Leipzig Alban Bergs letzte und unvollendete Oper „Lulu“ Premiere. Es dirigiert der Hausherr, Intendant und Generalmusikdirektor Ulf Schirmer.

„Lulu“ ist ein sperriges Stück und eher kein Auslastungs-Garant. Warum haben Sie sich dennoch dafür entschieden, es in Leipzig zu spielen?

Es war mehr Prozess als Entscheidung. Operndirektorin Franziska Severin und Chefdramaturg Christian Geltinger haben mir immer wieder ans Herz gelegt, diese Oper auch in Leipzig zu präsentieren, weil es so etwas wie ein Lebensstück für mich ist. Bisher reflektieren die Spielpläne die Situation der Oper Leipzig als städtische Bürgeroper. Ich habe hier zunächst einen Kanon an vertrauten Titeln aufgebaut, die die Leipziger vermisst hatten – es gab ja nichts hier. Irgendwann aber muss man das Repertoire erweitern und die Klassiker der Moderne wieder einbeziehen. „Lulu“ fasst, und das passt zum Jubiläum 325 Jahre Oper Leipzig, das Wesen der Gattung nach Alban Bergs Verständnis zusammen. Sie ist ein Kompendium an Stilen und Genres und exemplarisch für die grundlegenden Veränderungen des 20. Jahrhunderts. Berg hat dafür eine sehr präzise Formensprache entwickelt. Das bekommt der Zuhörer kaum mit. Aber er spürt eine besondere Spannung, die im Zusammenspiel von Dirigent und Regisseur zum Ausdruck kommt.

Ist das Werk noch aktuell?

Diese Frage höre ich immer wieder. Aber das macht sie nicht besser. Was soll das heißen: aktuell? Ist die „Mona Lisa“ noch aktuell? Niemand würde auf die Idee kommen, sie abzuhängen, weil die Frau nicht mehr lebt oder weil sie nicht nach der aktuellen Mode gekleidet ist. Was „Lulu“ anbelangt: Es gibt anthropologische Konstanten wie Liebe und Hass, die immer wieder Konflikte verursachen. Finanzkrisen gab es damals wie heute. Den – immer aktuellen – Alltag und die Probleme zwischen den Geschlechtern bringt Berg kabarettistisch und zirkusmäßig überhöht auf die Bühne. Auch das Thema Missbrauch bleibt leider aktuell. Aber ich finde ich es falsch, das Stück nur vom Standpunkt einer so verstandenen Aktualität aus zu betrachten.

Warum?

Weil es dem Einzelnen im Publikum die Hintertür öffnet, das Geschehen auf der Bühne nur mit der Tagesaktualität abzugleichen, sich so emotional davon zu distanzieren.

„Lulu“ ist Fragment geblieben. Warum spielen Sie die komplettierte Fassung von Friedrich Cerha?

Nach der Uraufführung der Cerha-Fassung 1979 in Paris brachte die Wiener Staatsoper das Werk 1983, wo ich es als damals 24-Jähriger für Lorin Maazel einstudiert habe. Schon damals kannte ich jeden Pinselstrich des Stücks. Als Maazel sich krank gemeldet hat, bin ich eingesprungen. Seitdem habe ich „Lulu“ immer wieder an großen Häusern dirigiert – und immer in dieser Fassung. Alternativ gab es damals nur die unbefriedigende Züricher Notlösung, in der der dritte Akt als kurze Pantomime zur Musik der Lulu-Suite gespielt wurde.

Gibt es eine persönliche Geschichte, die Sie mit Lulu verbinden?

Nein. Ich habe keine Mörderinnen und Mörder in meiner Familie, auch keine Bankrotteure oder Zuhälter. Meine persönliche Geschichte mit dieser Oper ist eine des fortwährenden Lernens. Das bleibt existenziell, und ich war wirklich überrascht über mich selbst bei den Orchesterproben. Da kam viel hoch. Innerlich war ich auf einmal wieder dieser junge Mann im Wien des Jahres 1983. Da hatten sich mein Gefühlsleben und mein Erinnern untrennbar mit diesen Klängen verbunden. Das war schön ().

Welche besonderen Fähigkeiten braucht ein Dirigent für „Lulu“?

Man muss das verinnerlicht haben, in dieser Musik stehen und leben. Sie müssen den Musikern eines Spitzenorchesters, wie es das Gewandhausorchesters ist, in jeder Sekunde etwas zu sagen haben. Die waren von Anfang an exzellent vorbereitet, was für das hohe Berufs-Ethos in diesem Orchester spricht. Ich habe bei „Lulu“ nie geteilte Proben gemacht, sondern, aus dem Bestreben heraus, alles miteinander zu vernetzen, immer gleich mit den großen Orchestern probiert. Damit jeder Musiker gleich das Ganze erlebt.

Welche Rolle spielt denn das Orchester in „Lulu“?

Die Perspektive hat sich für mich in den letzten 35 Jahren verändert: Für mich heute sehen wir eine Oper, die Alwa Schön sozusagen in Echtzeit komponiert, der Sohn von Dr. Schön, der von Lulu nicht loskommt und umgekehrt. Dafür gibt es viele Hinweise im Text und auch in der Musik. Alwa Schön wiederum ist der Stellvertreter von Alban Berg. „Lulu“ erhebt also nicht den Anspruch eines autonomen Kunstwerks, hier spielt die Person des Autors eine wesentliche Rolle, und das ist das Unterscheidende zu den romantischen Opern und Musikdramen zuvor. Dieser Komponist jedenfalls legt unter höchst emotionale Situationen einen musikalischen Teppich, der an sich unemotional ist. Das Ganze bleibt distanziert – ein wenig wie im Zirkus oder im Cabaret. Folglich erfahren wir aus der Musik eigentlich sehr wenig über Lulu. Wer sie ist und was sie umtreibt.

Unterstützt die Regie
Lotte de Beers
diesen Ansatz?

Zu 100 Prozent. Ich habe mit ihr weit im Vorfeld sehr lange geredet. Herausgekommen ist, dass sie die Partitur ernstnimmt – bis ins Detail der Regieanweisungen. Es ist verblüffend, was herauskommt, wenn man sich auf die Vorstellungen des Komponisten verlässt. Der wusste schon sehr genau, was er da schrieb. Darum wollte Lotte de Beer bewusst nicht noch weitere Ebenen einziehen, die letztlich doch nur ablenken.

Was fordert „Lulu“ vom Publikum?

Offenheit. Und Vertrauen. Diese Oper ist kompliziert. Auch fürs Publikum. Aber wir sind sehr darum bemüht, ihm entgegenzukommen. Wir werden so spielen und so musizieren, dass diese Oper nicht als intellektuelle Versuchsordnung wirkt, sondern unmittelbar und als Theater. Das Publikum kann sich von dieser Musik sozusagen überfallen lassen, ohne provoziert zu werden. Es geht ja in diesem Werk durchaus um Abgründe – aber das sollte man nicht zusätzlich überzeichnen.

„Lulu“ in der Oper Leipzig: Premiere: 16. Juni, Vorstellungen: 24. Juni, 1. Juli; Karten (15–78 Euro) unter anderem in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 und auf www.lvz-ticket.de, unter Telefon 0341 1261261 oder an der Opernkasse

Von Katrin Liefke, Camilo Salazar, André Sperber

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