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Intensive Bilder: Abonjis Roman „Tauben fliegen auf“

Intensive Bilder: Abonjis Roman „Tauben fliegen auf“

Wie ein Ufo aus dem Weltall rollt der schokoladenbraune Chevrolet in ein Bauerndorf in der serbischen Vojvodina. Während der Fahrer den Triumph seiner Rückkehr nach Hause genießt, recken auf der Rückbank seine beiden kleinen Töchter die Hälse, um zu sehen, „ob noch alles so ist wie im letzten Sommer“.

Salzburg/Wien. Bereits die erste Szene in Melinda Nadj Abonjis Roman „Tauben fliegen auf“ führt die Gegensätze vor Augen, zwischen denen nicht nur die Erzählerin - die Tochter Ildiko - emotional zerrieben wird.   

Denn die Familie Kocsis kommt nur zu Besuch in ihre alte, in den Augen der Kinder paradiesische Heimat. Zu Hause ist sie jetzt im Jahre 1980 in Zürich in der Schweiz. Und aus dieser scheinbar sicheren Perspektive ihrer neuen Existenz erleben sie im Laufe der nächsten zwanzig Jahre, wie mit den Kriegen von Nachbarn gegen Nachbarn und dem Auseinanderbrechen des Vielvölkerstaates Jugoslawien ihre Wurzeln gekappt werden.   

Die Autorin, die selbst der ungarischen Minderheit Serbiens angehört und wie ihre Protagonisten in Zürich lebt, hat mit ihrem Roman am Montagabend in Frankfurt den Deutschen Buchpreis 2010 gewonnen. Abonji beschreibt in ihrer eigenwillig-melodischen Sprache, in langen, ineinander verschachtelten Sätzen und vielen Zeitsprüngen, wie die Eltern der beiden Mädchen einst „mit einem Koffer und einem Wort“ - dem Wort Arbeit - in der Schweiz angekommen sind und sich von einer Wäscherei bis zu Betreibern eines beliebten Cafés hochgeschuftet haben.   

Es wird viel verschwiegen in dieser Familie. Fremdenfeindliche Attacken - wie die bis zu den Wänden mit Kot besudelte Toilette des Cafés - werden schweigend hingenommen, denn, so konstatiert Ildiko bitter, „Jugo und Scheiße, das passt zusammen“. Auch und vor allem über den drohenden Krieg auf dem Balkan wird nicht geredet, denn „das Politische bringt Gift“. Ertragen kann der Vater sein Schweigen nur mit viel Alkohol, solange wenigstens, bis sich der ferne Krieg wie ein Lauffeuer bis ans eigene Lokal am Ufer des Zürichsees heran gefressen hat.   

Mutiger als ihre Familie stellt sich Ildiko den Tatsachen, wohl wissend, dass das Elysium ihrer Kindheit bei ihrer Mamika, ausschweifenden Dorffesten und Traubisoda für immer entschwunden sein wird. Der Krieg wird nicht nur zum Dauergesprächsthema der Cafégäste, sondern treibt auch einen Keil zwischen die Angestellten des Lokals: „Dragana und ich, zwei Tiere, die sich in die Augen schauen, wir, die Todfeinde sein müssen, weil Dragana bosnische Serbin ist oder serbische Bosnierin?“   

Die Feindschaft zwischen ehemaligen Nachbarn zerstört auch die erste Liebe zu dem jungen Serben Dalibor, „weil es im Krieg eben nicht reicht, die Lebenden zu töten“. Am Ende verlässt die junge Frau ihre Familie und bezieht eine schäbige Wohnung an der Stadtautobahn - Sinnbild ihrer eigenen Heimatlosigkeit, aber auch des Aufbruchs.   

Der Roman ist nicht einfach zu lesen, zumal sich Sätze mitunter über ganze Seiten hinziehen. Wer sich aber auf den Rhythmus der Sprache und ihren Schwung einzulassen bereit ist, wird immer wieder mit intensiven Stimmungsbildern belohnt. Raffiniert ist die Erzählperspektive: Denn Ildiko und damit auch der Leser erfährt nur aus der Distanz heraus, aus Anrufen und Erzählungen von Verwandten, was Krieg anzurichten vermag.

Susanna Gilbert-Sättele, dpa

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