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Kultur Jaroslav Rudiš liest in Wurzen gegen Unmenschlichkeit und Ausgrenzung an
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08:41 12.05.2016
Jaroslav Rudiš auf der Buchmesse in Leipzig. (Archivfoto) Quelle: Wolfgang Zeyen
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Leipzig

„Literatur statt Brandsätze“ – unter diesem Titel wollen verschiedene Autoren Unmenschlichkeit und Ausgrenzung nicht länger hinnehmen und organisieren ehrenamtliche Lesungen in strukturschwachen Regionen. Den Auftakt macht Jaroslav Rudiš am Donnerstagabend in Wurzen. Er liest aus "Nationalstraße". LVZ.de sprach mit ihm vorab über die Veranstaltung.

Herr Rudis, Sie lesen für „Literatur statt Brandsätze“ in Wurzen. Warum ist es ihnen wichtig, dabei zu sein?

Jaroslav Rudiš: Ich schätze diese Initiative sehr, denn es ist gerade jetzt sehr wichtig, Hass und Vorurteile mit Geschichten und Humor zu begegnen, ich habe sofort zugesagt. Ich mag Sachsen sehr, wir sind uns sehr ähnlich, kulturell und kulinarisch, ich kenne so viele tolle Leute hier. Ich bin in der Grenzregion in der Nähe von Liberec aufgewachsen und unser Ausland, das war die Lausitz, das waren Dresden und Görlitz. Auch deshalb mache ich mit.

Sie lesen aus „Nationalstraße“, der ziemlich rauen Geschichte eines Wendeverlierers in Prag.  Was hat die Story mit der zum Teil offen fremdenfeindlichen Situation in Sachsen zu tun?

Jaroslav Rudiš: Schon einiges. Als meine Generation, zu welcher auch Vandam gehört, in der sozialistischen Schule war, wurde zwar viel über den kommunistischem Internationalismus und die Völkerfreundschaft geredet, aber das war alles nur gelogen. Unsere Generation ist sehr nationalistisch erzogen worden, mit vielen Feindbildern, in uns Tschechen wurde die Angst vor allem vor den Deutschen geschürt. Wir lebten ja alle in einer Isolation und tiefsten Einsamkeit, aus welchen wir uns bis jetzt nicht so richtig befreit haben. Daher kommen vielleicht auch die Ängste gegen alles, was neu und fremd ist, die ganze Panik vor Veränderung, die Sehnsucht nach früher, was immer das auch sein mag.

Wäre Vandam anfällig für die rechtspopulistische Pegida-Bewegung?

Jaroslav Rudiš: Bei Pediga würde Vandam nicht mitlaufen. Er ist zwar ein Typ, der sich prügelt, gerne provoziert und seinen Frustrationen freien Lauf lässt, aber für Pegida ist er einfach zu klug. Er weiss schon, wie das Leben läuft, wie er im Buch sagt.

Auch in Tschechien gibt es zum Teil eine ablehnende Haltung gegenüber Flüchtlingen. Wie reagieren die Menschen in Ihrer Heimat bei Lesungen aus Nationalstraße?

Jaroslav Rudiš: Das hat sich schon verändert.  Die Nationalstrasse wird seit drei Jahren in Brno als Theaterstück aufgeführt. Am Anfang haben die Leute über Vandam, über seine Schlägereien und Parolen, über sein durchgeknalltes Heldentum sehr viel gelacht. Jetzt lachen sie immer noch, doch das Lachen hat einen eisigen Beigeschmack, auch da sich in der Zwischenzeit einiges verändert hat. Das verrückteste an der tschechischen Angst vor den Flüchtlingen ist, dass es bei uns so gut wie keine gibt. Umso abstruser sind jedoch die Vorurteile. 

Welches positive Signal können Sie als Literat in diesen brenzligen Zeiten setzen?

Jaroslav Rudiš: Trotz aller Probleme leben wir in einer sehr glücklichen Zeit. Es geht uns so gut wie nie zuvor, uns Tschechen, genauso wie den Sachsen. Und Bewegung gab es schon immer. Daran denke ich oft. Und ausserdem: das tschechische Bier, das man heutzutage auch in Sachsen überall bekommt, ist gut für den Körper und auch die trübe Seele - genauso wie die Literatur. Damit Hilfe haben wir Tschechen schon einiges überstanden. Also, jeden Tag zwei Pils trinken und ein Buch lesen und alles wird gleich besser. 

Interview: Evelyn ter Vehn

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