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Josef Bulvas Kreuzzug für Bohuslav Martinu

Josef Bulvas Kreuzzug für Bohuslav Martinu

Sie sei eher Fantasie als Sonate, liest man immer wieder über Bohuslav Martinus (1890-1959) pianistisches Opus Magnum. Frei wuchernd im Detail, rhapsodisch ausschwingend in der Architektur.

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Josef Bulva

Quelle: André Kempner

Und wirft man einen flüchtigen Blick in die Noten, in der auf weiten Strecken Taktstriche fehlen wie weiland beim seligen Carl Philipp Emanuel Bach, scheint sich dieses Klischee zu bestätigen.

Darum ist es gut, dass es Interpreten gibt wie Martinus tschechischen Landsmann Josef Bulva, Jahrgang 1943. Der lässt nicht locker, bis er Antworten auf seine Fragen gefunden hat. Mit musikologischem Spürsinn, wachem Intellekt, sinnlicher Logik und pianistischem Instinkt. Und hört man ihn dieses verkannte Meisterwerk spielen, wie er es am Wochenende im Gewandhaus tat, mag man glauben, dass er Erfolg hat bei seinem Kreuzzug für H 350. Denn Bulva hat ein Ziel: "Ich will dieses Meisterwerk durchsetzen." Dabei hilft gewiss, dass er viele Unklarheiten bezüglich des Notentextes aus dem Weg geräumt hat. Noch mehr hilft aber, wie dies zum Klingen bringt.

Die bestialischen technischen Anforderungen vergleicht Bulva mit Brahms. Auch der akkordgepanzerte sinfonische Klaviersatz weist in diese Richtung. Und spielt man diese Musik so klar, diszipliniert, vielfarbig wie Bulva, lässt man vor allem das Metrum nicht rhapsodisch ins Kraut schießen, dann zeigt sich, dass Martinu nicht nur klaviertechnisch sondern auch konstruktiv viel von Brahms gelernt hat. Dann wird hörbar, wie aus Zellen Motive werden und aus Motiven Themen, wie diese innerlich Neues zeugen, das wiederum Ausgangspunkt für noch Neueres wird. Bei Brahms heißt derlei entwickelnde Variation. Und bei Martinu führt diese fortwährende Durchführung auf allen Ebenen der Konstruktion in einen pianistischen Rausch, der nur dann seinen sinnlichen Zauber entwickeln kann, spielt man ihn so beherrscht wie Bulva. Grandios.

Beim Rest des Programms im Mendelssohn-Saal steht dem ehemaligen Staats-Solisten sein Rigorismus allerdings auch ein wenig im Weg. Die kompromisslose Beachtung von Tempo-Proportionen führt ihn in Beethovens Appassionata bisweilen an die Grenzen seiner staunenswerten Technik. In Chopins f-moll-Ballade erkauft er sich die Klarheit der Entwicklung mit einer gewissen klanglichen Robustheit. Im cis-moll-Scherzo des großen Polen ist Bulva einer der ganz wenigen, die auch im Choral im Tempo bleiben, die Achtelkaskaden nicht irgendwie zwischen die Akkorde kanten. Doch leidet der poetische Zauber, den dieser Ansatz entwickelt erheblich unter einem Aussetzer und manchen Unfällen. Im Andante Spianato et Grand Polonaise brillante schließlich klingt der erste Satz diesseitig, während der zweite streng die metrischen Eigenheiten der Polonaise respektiert, dadurch aber auch ein wenig zackig gerät.

Ganz große Klavierkunst ist wieder die Zugabe: Chopins As-Dur-Walzer op. 34/1 perlt delikat und charmant, geistreich und ungeheuer farbig, subtil, poetisch - denkbar fern vom halbseidenen Flair des Salons. So uneitel funkelnd können nur wirklich Große Klavier spielen.

Peter Korfmacher

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 24.06.2013

Peter Korfmacher

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