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Kultur Journalisten diskutieren über bedrohte Pressefreiheit
Nachrichten Kultur Journalisten diskutieren über bedrohte Pressefreiheit
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17:16 05.10.2017
Diskutierten gestern über Medienfreiheit: Aleksei Bobrovnikov, Will Vassilopoulos, Jane Whyatt, Alberto Spampinato und Alexandra Pascalidou (v.l.). Quelle: Foto: André Kempner
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Leipzig

Politische Rechte, Courage und Solidarität sind die wichtigsten Bestandteile für Medienfreiheit, schreibt Hamza Yalcin in einem Brief an die Besucher der Konferenz „Defending Journalists under Threat“ (Bedrohte Journalisten verteidigen). Der schwedisch-türkische Journalist war während seines Spanienurlaubs in Barcelona festgenommen worden. Vor einer Woche kam er aus der Auslieferungshaft frei. „Die Inhaftierung nagt an deiner Arbeit und Persönlichkeit“, berichtet er aus seiner Zeit im Gefängnis. Es sei schwer gewesen, an Zeitungen oder einen Internetzugang zu kommen.

Harlem Désir, Beauftragter für Medienfreiheit der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), verurteilt in einer Videobotschaft jegliche Restriktionen gegenüber Journalisten: „Attacken auf Journalisten sind Attacken auf unsere Freiheit und die gesamte Gesellschaft.“ Désir plädiert für Zusammenarbeit. Bei der Konferenz des Zentrums für Presse- und Medienfreiheit (ECPMF) in Leipzig vernetzten sich die rund 80 Konferenzteilnehmer und tauschten sich aus, um entschiedener gegen Restriktionen vorgehen zu können.

Schutzhäuser für verfolgte Journalisten aus ganz Europa in Leipzig

Denn es gibt zu wenig Hilfsangebote für Journalisten, findet Christian Schult vom ECPMF, der das Programm „Journalists in Residence“ koordiniert. Es bietet verfolgten Journalisten für etwa sechs Monate Schutz in anonymen Wohnungen in Leipzig. „Dort können sie sich mental erholen, ihre Recherchen ordnen und netzwerken“, sagt Schult. Seit 2016 läuft das Projekt, derzeit leben drei Journalisten aus Südosteuropa in derartigen Schutzwohnungen. Auch Aleksei Bobrovnikov wurde als investigativer Journalist wegen Recherchen über Schmuggelnetzwerke an der Grenze zur Ost-Ukraine bedroht. Drei Kontaktmänner wurden umgebracht. „Dann bin ich ins Exil gegangen“, erzählt der Ukrainer auf dem Podium.

Alexandra Pascalidou, eine schwedische Fernsehjournalistin mit griechischen Wurzeln bekommt seit vielen Jahren Todesdrohungen, wird mit rassistischen und sexistischen Hasskommentaren degradiert. Vielen Frauen gehe es ähnlich wie ihr, sagt Pascalidou. Sie verlor in der Folge ihre Festanstellung. Weil ihr der Sender die Schuld an dem Hass gegeben habe, sagt sie. Warum gerade Pascalidou Ziel der Attacken ist, sei ihr selbst nicht klar. Eine Sache weiß sie aber: „Ich will nicht länger schweigen, sondern etwas gegen die anonymen Drohungen unternehmen und weiter arbeiten.“ Denn es gehe um mehr als ihre Person: „Journalismus bedeutet für mich, die Demokratie zu verteidigen.“

EU-Parlamentarier: „Möglicherweise findet investigativer Journalismus bald außerhalb der Medien statt“

Anna Myers, Leiterin des Internationalen Whistleblowing Netzwerks, unterstützt Organisationen, die Whistleblower in ihrer Arbeit stärken. In Deutschland beobachtet sie ein wachsendes Bewusstsein für den Wert von Enthüllungsjournalismus. Verantwortliche von Missständen würden so immer häufiger überführt, Journalisten geschützt. Längerfristig müsse es aber auch spezielle Gesetze zum Schutz von Enthüllungsjournalisten geben, fordert die Anwältin. Auch Benedek Jávor, EU-Parlaments-Abgeordneter (Grüne) aus Ungarn, sieht die Notwendigkeit solcher Gesetze. Dem investigativen Journalismus prophezeit der Politiker gute Zeiten, den Medien nicht. „Möglicherweise findet investigativer Journalismus bald außerhalb der Medien statt“, wirft er in den Konferenzsaal.

Désir von der OSZE sieht den Qualitätsjournalismus als Chance für die Medien. Nur damit könne man gegen Fake-News ankommen. Allerdings schränkten Anti-Terror-Gesetze und Internetkontrolle die Medienfreiheit massiv ein.

Will Vassilopoulos beleuchtet eine ganz andere Herausforderung für Reporter: Der Videojournalist berichtete über die Flüchtlingskrise in Griechenland. „Die Schreie, die Angst und du in der Mitte“, beschreibt der Grieche die Situation. Es sei nicht möglich, in Krisen den nötigen Abstand zu wahren. „Wenn die Menschen am verwundbarsten sind, halte ich ihnen meine Kamera in ihre Gesichter“, sagt Vassilopoulos. Dabei müsse man als Mensch doch helfen. Journalisten schämten sich häufig und litten in der Folge an Depressionen. Von ihren Medienhäusern bekämen sie aber nur wenig Unterstützung, kritisiert er. Um daran etwas zu ändern oder um medienkritische Fragen zu diskutieren, müsse man sich vernetzen. Daran arbeiten die Konferenz-Teilnehmer in lebhaften Diskussionen: „Wir sollten mutig und stark zusammenstehen“, fordert Hamza Yalcin in seinem Brief.

Heute Abend wird der türkischen Journalistin Asli Erdogan und dem inhaftierten deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel der Leipziger Medienpreis verliehen.

Von Theresa Held

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