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Kultur Judith Weirs „Das Geheimnis der Schwarzen Spinne“ in der Schaubühne Lindenfels
Nachrichten Kultur Judith Weirs „Das Geheimnis der Schwarzen Spinne“ in der Schaubühne Lindenfels
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17:02 27.05.2018
Graf Heinrich (Adele Bauer, mit Zylinder) bringt mit seiner Grausamkeit das Verhängnis in Fahrt Quelle: Leipzig Report
Leipzig

In der Bühnen-Apsis steht der Stein-Sarkophag des vierten Kasimir. Großartig morbide sieht das aus unter dem blätternden Putz der Schaubühne Lindenfels. Philipp J. Neumann braucht als Regisseur und Ausstatter neben den schönen Kostümen Nicola Minssens nicht viel, um diesen Saal in eine Kathedrale zu verwandeln oder in einen Dorfplatz, um uns den Herbst zu zeigen oder den Winter, ins Jahr 1492 zu versetzen oder ins Heute. Denn er spielt die Magie dieses Saals voll aus und macht ihn so zum perfekten Spielort für Judith Weirs didaktische Jugendoper „Das Geheimnis der schwarzen Spinne“, die am Wochenende als Koproduktion der Oper Leipzig und der Schaubühne ausverkauft und lautstark bejubelt Premiere feierte.

Nein, eigentlich tat sie das nicht. Denn Benjamin Gordons für Hamburg eingerichtete deutsche Neufassung entfernt sich doch sehr weit von Weirs gut 30 Jahre alter Urfassung. Musikalisch hat er sie deutlich aufgebohrt und angereichert, so dass in dieser Version der musiktheatralische deutlich vor den pädagogischen Anspruch tritt und Sophie Bauer ihrem Kinderchor der Oper Leipzig reichlich Gelegenheit geben kann, die Spiel- und Musizierwut auszuleben.

Weirs von Gordon sehr viel üppiger eingekleidete Gesangslinien sind für Nachwuchs-Stimmen geschrieben, bleiben in ihrem Deklamations-Melos in Sachen Tonumfang und Intervall-Struktur im fasslichen Rahmen. Doch so paradox es auch klingen mag: Genau dies macht den solistischen Interpreten aus den Reihen des Opernkinderchors das Leben nicht leichter. Denn singen können hier alle. Viel schwerer ist es dagegen, Weirs spröde Linien zum Leben zu erwecken. Zumal sie erheblich unter der haarsträubend schlechten Übersetzung leiden, in der beispielsweise Schock auf Amok sich reimen muss.

Aber Sophie Bauer hat, unterstützt von Maria Hinze, Nicole Roesler und Alice Ungerer, bei der Einstudierung so gute Arbeit geleistet, dass die musikalische Qualität immer wieder die Rumpel-Lyrik überdeckt. Helen Fekade beispielsweise singt mit ihrem vielfarbigen Sopran eine bezaubernde Christine. Sie macht Weirs Gesangslinien durchlässig für das Seelenleben einer jungen Frau, die sich einem Fremden verspricht, um das eigene und das Leben aller anderen Dorfbewohner zu retten – und dann doch ihren Verlobten ehelicht. Worauf der Fremde, der von Lina Daniel natürlich schön und ohne affektierte Bösewichterei gesungene und gespielte Grüne Jäger, die schwarze Spinne des Titels auf den Plan ruft, die nun Tod und Verderben über die Menschheit bringt, von Neumann als wildgewordene Projektion in den Saal gebeamt.

Ob Adele Bauer als böser Graf, die fabelhafte Julika Modro als Priester, Mathilda Dylus als Bänkelsängerin, Sofiya Kulay und Clara Tutschkus als Freundinnen respektive Damen, Marius Herold und Philine Pernak als Carl und Herold – sie alle singen auf bemerkenswertem Niveau, mit staunenswerter Selbstverständlichkeit und hohem Anspruch solistisch. Und selbst die Dialoge und Sprechrollen klingen hier nicht aufgesagt, sondern lebendig.

Aus alldem formt Neumann einen dichten, spannenden, auch ein wenig gruseligen Musiktheater-Abend, der für Kinder ab zehn gedacht ist, aber auch Erwachsene nicht langweilt. Er bricht die entfernt an Jeremias Gotthelfs Novelle „Die schwarze Spinne“ angelehnte Handlung gekonnt in lebendige Szenen von einigem Schauwert auf, hält den Spannungsfaden straff und verzichtet auf erhobene Zeigefinger. Kurzum: Er nimmt das Stück ebenso ernst wie seine Protagonisten und die Zielgruppe, und so hat „Das Geheimnis der schwarzen Spinne“ in der Schaubühne Lindenfels in keinem Augenblick den Charakter hüftsteifen Schülertheaters, sondern präsentiert sich als professionelle Opern-Produktion.

Was auch an der instrumentalen Grundierung liegt, um die sich im improvisierten Graben zwischen Sarkophag und Spielfläche unter der Leitung Sophie Bauers Mitglieder des MuKo-Orchesters kümmern. Ein großer Wurf ist diese Partitur auch in der ausgepolsterten Fassung nicht. Weir strickte im Niemandsland zwischen Musical und Oper, Filmmusik und Luther-Choral einen instrumentalen Stützstrumpf, der nur sehr selten musikalisches Eigenleben entwickelt. Aber Bauer holt raus, was rauszuholen ist und umfährt mit satten warmen Farben und vorwärts treibenden Rhythmen geschickt die ausgedehnten Brachen gebrauchsmusikalischer Ödnis. Und so ermöglichst dieses „Geheimnis der schwarzen Spinne“ – allen Schwächen des Stückes zum Trotz – Darstellern und Publikum gleichermaßen den Zugang in die weite bunte Welt des Musiktheaters.

Vorstellungen: 1. (ausverkauft), 2., 5., 6., 26., 29., 30. Juni. Karten unter anderem in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 und auf www.lvz-ticket.de, unter Telefon 0341 1261261 oder an der Opernkasse

Von Peter Korfmacher

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