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Kultur Jugendchöre aus Leipzig musizieren mit Jugendorchester aus Boston
Nachrichten Kultur Jugendchöre aus Leipzig musizieren mit Jugendorchester aus Boston
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14:16 11.06.2018
Chöre aus Leipzig, Orchester aus Boston: Gemeinschaftsprojekt der Deutsch-amerikanischen Chor- und Orchester-Akademie im Gewandhaus. Quelle: Andre Kempner
Leipzig

Bei geschlossenen Augen ist die Sache klar: Ein US-Orchester. Vielleicht keines aus den Big Five. Denn ab und an huscht doch ein Schatten über die gläserne Perfektion. Aber es ist ein verdammt gutes. Auf die Idee jedenfalls, es könnte sich um ein Jugendorchester handeln, käme blind wohl niemand im Saal an diesem Sonntagabend. Was die Boston Youth Symphony Orchestras da unter der Leitung ihres Chefs Federico Cortese beispielsweise mit Mendelssohns Schottischer anfangen, das sollte hierzulande auch mancher Profi-Kapelle die Schamesröte ins Gesicht treiben. Streicher voller Glanz und Schmelz, Holzbläser ohne jeden Makel, über allem eine beinahe beängstigende Professionalität und Kultiviertheit. Keine Frage: Auch die Jugendabteilung des Boston Symphony Orchestra trägt dem Umstand Rechnung, dass die Metropole sich als Hauptstadt der Klassik in den Vereinigten Staaten versteht.

Diese staunenswerte Qualität ist natürlich nicht für lau zu haben. Und die Entschlossenheit, mit der Cortese seinen Schützlingen zum Applaus den Nacken niederdrückt, die kraftvollen Schulterklapse, mit denen er seine Hochachtung kanalisiert, sehen mehr als nur ein wenig nach zufriedenem Drill-Sergeant aus. Der Beliebtheit seines Orchesters tut dies keinen Abbruch. Die Wartelisten sind lang, bei Probespielen winden die Aspiranten sich in langen Schlangen durch den Flur.

Nach Leipzig sind die Bostoner zu einer Gemeinschaftsarbeit mit hiesigen Jugendchören gekommen. Auf dem Markt haben sie bereits musiziert, nun steht im Gewandhaus das große Abschlusskonzert an. Auf dem Programm des Bachfest-Abends, um den musikalischen Brückenschlag auch hörbar zu machen: Werke aus Boston und aus Leipzig. Für letzteres treten die erwähnte Schottische und der Eingangschor aus Bachs Magnificat an, für die die Bostoner noch ein wenig stilistischen, die vereinigten Jugendchöre von Gewandhaus und Oper ein bisschen Koloratur-Feinschliff brauchen könnten.

Zu Beginn allerdings hat Sophie Bauer von der Oper vier Motetten aus der Feder Aaron Coplands dirigiert und mit ihrem Gesangskombinat den überseeischen Instrumentalisten den Weg gewiesen: makellos in Intonation und Artikulation, fein ausgearbeitet, die fromme und dennoch überaus kunstvolle Naivität der Sätze gebündelt zu entrückter Schönheit.

Weitaus diesseitiger geht es in Leonard Bernsteins Chichester Psalms zur Sache. Und in dieser Feier der Lebensfreude und des Gottvertrauens findet das Beste beider Welten zueinander. Cortese hält die Zügel fest in der Hand, überlässt in Chor und Orchester nichts dem Zufall. Dennoch klingt das Ergebnis frei und sinnlich. Nicht nach Drill, sondern nach ernsthaftem Spaß an der Sache. Mit ungestümer Virtuosität prunkt das Orchester, mit musikdramatischer Farbpracht folgen die Chöre. Und mittendrin auf seiner einsamen Insel der Kontemplation: der zwölfjährige Knabenalt Ruben Lorenz vom Gewandhaus-Jugendchor mit den überirdisch schönen „Adonai“-Beschwörungen, souverän, unbeirrbar, blitzsauber.

Ein ziemlich großes, dieses frenetisch akklamierte Konzert. Es sollte Anlass geben, die transatlantische Musikbrücke breiter auszubauen.

Von Peter Korfmacher

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