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Kultur Kabarettist Mathias Tretter: „Ich bin eingefleischter Pessimist“
Nachrichten Kultur Kabarettist Mathias Tretter: „Ich bin eingefleischter Pessimist“
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22:01 16.10.2016
Kabarettist Mathias Tretter hat am Sonntagabend in Leipzig seinen Löwenzahn entgegengenommen. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Sonntagabend bekam er ihn in die Hände: Zur offiziellen Eröffnung der 26. Lachmesse hat Mathias Tretter als amtierender Preisträger den Leipziger Löwenzahn bekommen. Die Auszeichnung ist dotiert mit 3500 Euro. Wir sprachen mit dem 42-jährigen Kabarettisten, der bereits 2008 als Mitglied des Ersten Deutschen Zwangsensembles den Preis erhielt.

LVZ: Welcher Löwenzahn wiegt von der Bedeutung her mehr?

Mathias Tretter: Dieser Preis kam für das Zwangsensemble zu einem wichtigen Zeitpunkt und hat uns die Bestätigung gegeben, dass es offenbar richtig ist, was wir tun. Der aktuelle Löwenzahn freut mich genauso, nur eitler; generell haben Preise für mich aber nicht mehr die alles bestimmende Bestärkung meines Tuns wie früher.

Das Erste Deutsche Zwangsensemble ist nicht mehr aktiv, hat aber für Furore gesorgt. Wird man in Gedanken an diese Zeit bereits nostalgisch?

Nein – weil das Zwangsensemble nicht abgehakt ist, sondern nur pausiert. Bislang geht die Reaktivierung zeitlich nicht. Wir alle müssten unsere Termine so koordinieren, um Freiraum zu bekommen, ein neues Programm zu schreiben – unmöglich. Claus von Wagner zum Beispiel hat viel zu viel mit der „Anstalt“-Sendung zu tun, und ich weiß nicht, ob unser Anarcho-Stil – schlechte Perücke, gute Pointe – noch so sein Ding ist.

Bleibt von Wagner aufgrund des TV-Ruhms noch auf dem Teppich?

War er ja nie, von daher ist es kein Problem! (lacht)

Wäre er sauer, wenn er das läse?

Wenn er LVZ läse, wäre er ja auf dem Teppich.

Sie sind der erste Löwenzahn-Träger, der bei der Lachmesse auch moderiert, nämlich die Matinee.

Ja, da bricht eine Menge auf mich herein. Eigentlich bin ich auch kein Freund von Doppel-Moderationen, aber mit Anke Geißler mach’ ich das gern.

Sie schreiben auch Texte für das Haus in der Kupfergasse – zu wieviel Prozent sind Sie ein Academixer?

Texte schreib ich leider nur selten für die Kollegen, denn meist fehlt mir die Zeit. Ich toure die ganze Zeit und schreibe regelmäßig Kolumnen, und im Juni 2017 soll mein neues Programm rauskommen. Ich bin eher ein Adoptiv-Academixer – kaum da, fühle ich mich aber sehr wohl dort.

Programme wie „Mathias Tretter möchte nicht dein Freund sein“ oder „Selfie“ sprechen von einer Skepsis gegenüber den neuen Medien und Leben mit dem Virtuellen. Haben Sie die auch jenseits der Bühne?

Meine Agentur betreibt zwar einen Facebook-Account für mich, aber ich schau nie auf die Seite. Ich hab auch immer noch ein altertümliches Handy, mit dem man nur telefonieren kann..

Die meisten Kollegen sind im Netz ständig präsent. Spüren Sie keine Nachteile?

Im Gegenteil: Ich habe mehr Zeit als manche Kollegen. Und meine Zuschauerzahlen nehmen erfreulicherweise auch ohne Netzpräsenz zu. Diese Abstinenz hat übrigens nichts mit einer Widerstands-Rolle zu tun, die mir gern attestiert wird – es würde mich einfach zuviel Zeit kosten, ständig zu fotografieren und zu posten. Manche Leute sind ja durch Facebook Touristen in ihrem eigenen Leben. Man selbst wird zur Sehenswürdigkeit für sich selber, das eigene Essen, die besuchten Konzerte – ich poste, also bin ich.

US-Präsidentschafts-Kandidatin Clinton hat vor dem TV-Duell Fans aufgefordert, Selfies mit ihr zu machen. Ist das typisch amerikanisch oder steht uns dieses Niveau von Wahlkampf 2017 auch bevor?

Ich finde, wir haben bereits viele amerikanische Wahlkampf-Elemente. Mich fasziniert vor allem der Anachronismus in diesem TV-Duell: in einem Medium, das unter 30-Jährige gar nicht mehr nutzen soll man an drei Abenden ablesen können, wen man wählt. Das ist für mich alles Parodie – so wie Trump die Parodie eines Charismatikers ist.

Was steht Deutschland politisch bevor?

Auch wir werden immer mehr trumpisiert. In der AfD steckt das gleiche nationalistische Getue, der gleiche Anti-Establishment-Impetus, der gleiche Rassismus, die gleiche viktorianische Geschlechteraufteilung.

Wie groß ist die „Chance“, dass Merkel bald mit Trump verhandeln muss?

Ich trau den Amerikanern alles zu, wirklich alles. Vielleicht sagen sie nach dem dritten Fernsehduell, in dem die Handmikrofone dann auch zum Schlagen benutzt werden dürfen: Donald hat den geileren Schwinger – der boxt uns raus! Seit dem Brexit sollte man sich sowieso in gar nichts mehr sicher sein. Und die Briten sind ja nur die angelsächsische Vorversion der Amis, sowas wie analoge Amerikaner. Wenn die schon durchknallen. Die Vorstellung allerdings, irgendwann auf einem G7-Gipfel Donald Trump, Marine Le Pen, Boris Johnson und Frauke Petry an einem Tisch zu sehen – da würde auch mein Job prekär.

Rechtspopulistische Parteien in Deutschland waren immer schnell weg vom Fenster. Bei der AfD scheint es anders zu laufen.

Sie haben sich ja schon mal fast zerlegt, sich aber wieder stabilisiert. Und nichts wird dagegen getan, im Gegenteil: Die CDU überlegt sich, was sie genauso machen kann wie die AfD, um die Wähler zurückzubekommen.

Wo führt das hin?

Ich bin eingefleischter Pessimist, es wird alles schlimmer. Deswegen muss ich ja Kabarett machen, um diesen ganzen Irrsinn auszuhalten.

Macht Kabarett eigentlich in so politisch unruhigen Zeiten mehr Spaß?

Das nicht. Aber mich fasziniert, wie sich das Genre in den letzten zwei, drei Jahren wandelt. Eine Riege des Inhaltskabaretts, etwa „Die Anstalt“, macht etwas, das ich Sekundärjournalismus nenne. Die Frage, ob Kabarett der neue Journalismus sei, ist absurd. Kabarettisten haben fast alle ihre Infos aus dem Journalismus. Ich kenn’ jedenfalls keinen, der für eine Flüchtlingsnummer in Idomeni, Brüssel und Aleppo recherchiert hat. Im Kunst-Kontext ist das für mich uninteressant, mir geht es um die Kunst, eine gute, im besten Fall erhellende Pointe zu setzen.

Wann und wodurch war Ihnen klar, dass Sie Kabarettist werden wollen?

Ursprünglich wollte ich nach meinem Germanistik-Studium irgendwo im Literaturbetrieb arbeiten, aber es gab keine Perspektive. Ein Freund rief 2001 in Würzburg die Comedy Lounge ins Leben; er fragte mich und andere Freunde, ob wir nicht mitmachen wollten. Das hat Spaß gemacht, ich hab jeden Monat eine neue Nummer ausprobiert. Und jedes Mal bin ich vor Aufregung gestorben, weil ich dachte: Irgendwann merkt einer, dass ich auf der Bühne nichts verloren habe. Bis heute hat’s aber keiner gemerkt, und ich habe das Warten darauf eingestellt.

Interview: Mark Daniel

www.lachmesse.de

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