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Kahlköpfige Dreifaltigkeit: Trevisanis Tanztheater "Mann im Fahrstuhl"

Kahlköpfige Dreifaltigkeit: Trevisanis Tanztheater "Mann im Fahrstuhl"

Ein Mann steht in der Kabine eines Fahrstuhls. Nach oben geht es, zum Chef, der nach ihm, seinem Untergebenen, rufen ließ. Ohne Angabe von Gründen, ohne weitere Informationen.

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Alessio Trevisani

Quelle: Wolfgang Zeyen

Und so steht er da, dieser Mann, gefangen von der Instruktion der Autorität wie von der räumlichen Enge des Fahrstuhls und dem Diktat der Zeit, die ihm verbleiben wird, bis er in der Chefetage angelangt ist.

"Der Mann im Fahrstuhl" ist ein Monologblock. Heiner Müller kantete ihn hinein in sein Stück "Der Auftrag" (1980). Dort wirkt der Text gleich einem Fremdkörper des Kafkaesk-Angstvollen, inmitten eines Schwanengesangs auf die Revolution, die "schönen Landschaften des Verrates" (Müller) und die Auflösung der Koordinaten von Zeit und Raum.

1988 machte sich Heiner Goebbels daran, diesen Monolog in ein Hör-Spiel zu verwandeln, in dem die Musik sich ähnlich freie Bahn bricht wie die Alptraumgedankengänge dieses Angestellten. Und es mag auch dieses "Bahn-Brechen" sein, welches Alessio Trevisani, den künstlerischen Leiter der Company des Leipziger Tanztheaters, jetzt dazu verleitet hat, Müllers Text und Goebbels Musik Choreographie werden zu lassen.

Trevisani selbst wird dabei einer der Performer auf der Bühne sein. Neben dem Schauspieler André Hinderlich und dem Tänzer Ronny Hoffmann ergibt sich so eine Konstellation, die gleichsam als eine Dreifach-Reflektion der Hauptfigur, eine "Zersplitterung dieses Ichs" in Erscheinung treten wird: "Ich habe nicht umsonst noch zwei Glatzen für diese Produktion engagiert", sagt Trevisani lachend.

Erwartet den Zuschauer also eine kahlköpfige Dreifaltigkeit auf engstem Raum? "Nun ja, ich will nicht zu viel verraten", antwortet Trevisani und wendet sich, immer noch lachend, an Ronny Hoffmann: "Aber ich erinner' mich noch gut an deinen Gesichtsausdruck, als ich dir die kleine Spielfläche zeigte."

Das war schon eine Herausforderung, erklärt Hoffmann, der als Typ weit entfernt ist vom Standardmaß des filigranen Tänzers: "In dieser Beengtheit muss man wirklich jede Bewegung erarbeiten. Man kommt nicht in diesen Fluss wie sonst, man ist nicht frei. Und dass dazu dann diese Musik so zur Bewegung provoziert, weil die eben frei und stark ist, macht es nicht leichter."

Natürlich spiegelt sich allein schon darin ein Grundcharakterzug dieses Stückes, den auch Trevisani herausfiltern will. Es ist eine dezidiert politisch-historische Komponente, die hier zum Tragen kommt. Das Bild der Enge und Erstarrung ist auch eines, das sich kristallisiere aus der "linken Revolution, die nicht gekommen ist", aus dieser "Kontinuität des Scheiterns", sagt Trevisani: "Müllers Texte sind ja eng an Geschichte geknüpft, und es ist schon interessant, dass es heute eine Tendenz auch im Theater gibt, diese Thematik, dieses dramatische Erbe, zur Seite zu schieben."

Müller, so Trevisani weiter, gerate in Vergessenheit, und auch dagegen wolle man mit dieser Produktion angehen. Wobei man bezüglich dieser "Vergessenheit" widersprechen möchte. Dass Müller momentan wenig auf deutschen Bühnen stattfindet, hat ja vor allem mit einer Gegenwart zu tun, die diesen Stoffen weder in intellektueller noch spielerischer Hinsicht gewachsen scheint.

"Jemand, der sich bewegen will und nicht kann", reflektiert Hoffmann seine Rolle - und dabei im Grunde die Situation des Gegenwartstheaters. Auch deshalb wird eine der spannenden Fragen an Trevisanis Inszenierung sein, wie sich darin Handlungs-Unfreiheit in Handlung, Erstarrung in Bewegung aufzeigen wird.

"Was hier anders ist, ist dieser unbedingte körperliche Aspekt. Mir scheint fast, man kommt in diese Sprache nur über den Körper rein", reflektiert diesbezüglich André Hinderlich und sagt in Anspielung auf einen Passus im Stücktext einen Satz, der Heiner Müller gefallen hätte: "Man folgt diesen Zeilen wie einem Hund, der vor dir auf der Straße läuft." Wohin genau dieser Hund lockt - ab Donnerstag ist es zu sehen.

Leipziger Tanztheater: "Der Mann im Fahrstuhl" - Tanzstück von Alessio Trevisani, Premiere Donnerstag, 20 Uhr, Werk 2 (Kochstraße 132), zudem Freitag und Samstag, jeweils 20 Uhr, Karten für 15 Euro: 0341 1261261.

Mehr Informationen unter www.leipzigertanztheater.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 01.07.2014

Steffen Georgi

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