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Kanten gegen das Einschlummern

Designer Grcic im Grassi Kanten gegen das Einschlummern

Nur auf den ersten Blick sperrig und absweisend: Arbeiten des Münchner Designers Konstantin Grcic im Leipziger Grassi-Museum

Konstantin Grcic
 

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig.  

Das namengebende Panorama zeigt eine technoid überformte Stadt vor Gebirgskulisse in der Dämmerung. Man kann sie faszinierend oder auch scheußlich finden. Die vor dem Bild von Neil Campbell Ross aufgestellten Metallgitter tragen zur Ambivalenz ebenso bei wie eine runde Sitzgelegenheit für mehrere Personen, einziges Exponat dieses Public Space benannten Raumes. Das Objekt ist eine Mischung von Sandkasten auf dem Kinderspielplatz und polizeilichen Absperrmaßnahmen. Man kann darauf einigermaßen bequem ausruhen, die menschliche Nähe zu eventuell weiteren „Einsitzenden“ ist aber verpflichtend.

„Es geht um Fragestellungen, nicht um fertige Lösungen“, sagt Konstantin Grcic und fügt hinzu, dass die Ausstellung dem Betrachter schon ein bisschen Arbeit abverlange und nicht auf spontanes Gefallen ausgerichtet sei. Zwar gehört der Münchener zu den großen Stars der internationalen Designszene ist Liebling der Medien, doch das Sperrige, Spröde und Unbequeme ist sein Markenzeichen geblieben.

Der Chair One, einer der bekanntesten Entwürfe von Gcic, scheint nicht gerade zum Sitzen einzuladen. Die Streben aus Aluguss bilden keine Fläche, nur ein Raster, der Sockel ist aus rohem Beton gegossen. Doch die Probe fällt erstaunlich gut aus. Er wurde für Außenräume entworfen, soll daher unempfindlich gegen Witterung und Vandalismus sein. Die meisten verkauften Exemplare stehen heute aber in Wohnungen. Das Dilemma, eine sogenannte Ikone zeitgenössischen Designs erschaffen zu haben, wird gerade an diesem Objekt besonders deutlich. So etwas erwirbt man zur Bewunderung, nicht unbedingt zur Benutzung.

Anders sieht das bei weniger auffälligen Entwürfen für die Serie aus, die ein „Höchstmaß an Selbstverständlichkeit“ besitzen, wie es Museumsdirektor Olaf Thormann ausdrückt. Dazu gehört ein anderes Sitzmöbel, der für die Firma Flötotto gestaltete Schulstuhl Pro, der massenhaft zum Einsatz kommt. Der Wechsel von Schichtholz zu Polypropylen scheint ein Widerspruch zu sein für einen Gestalter, der die Zukunft neu entwerfen möchte. Doch Konstantin Grcic betont, dass dieses Material nach dem Shreddern vollständig wiederverwendbar ist, also ökologisch sinnvoller als Holz mit dicken Lackschichten.

Der 1965 geborene Produktgestalter hat zunächst des Schreinerhandwerk erlernt, studierte dann am Londoner Royal College of Art. Die folgende Mitarbeit im Studio von Jasper Morrison war nur kurz, schon 1991 gründete er ein eigenes Büro in seiner Heimatstadt München. Sechs Leute sind dort einschließlich ihm selbst beschäftigt. Trotz einer gewissen Vorliebe für Sitzgelegenheiten ist die Spannweite der Aufträge beachtlich. Und es fällt auf, dass nur wenige prestigetaugliche Dinge dabei sind, dafür aber so scheinbar banale Sachen wie Handfeger, Mülleimer, Wäschekörbe oder gar eine Rittermaske aus Pappe für Kinder.

Die Ausstellung jedoch, schon in mehreren Städten gezeigt, ist eine große Inszenierung. Neben dem Public Space gibt es einen Live Space und einen Work Space. Der Live Space stellt eine Bühne dar für die Einübung möglicher Formen des Wohnens zwischen individualistischen Anspruch, industrialisierter Umgebung und nomadischer Lebensweise. Am direktesten mit dem Schaffen des Designers ist der Work Space verknüpft. Vom schnell zusammengezimmerten Ideenmodell bis zum fertigen Bürostuhl, auf dem man in verschiedene Richtungen sitzen oder lümmeln kann, wird die Arbeitsweise des Studios zumindest angedeutet, ein Video bietet zusätzliche Einblicke zum „making of“.

Deutlich konventioneller konzipiert ist der vierte Raum.Wie man es von Museen kennt, reiht sich hier Objekt an Objekt, säuberlich beschriftet. Doch es ist keinesfalls eine reine Werkschau, sondern eine Assoziationskette. Viele Dinge wurden nicht von Grcic und seinen Mitarbeitern entworfen, sondern gehören zum Inventar des Büros oder dokumentieren Ideenquellen. Ein Readymade von Duchamp gab die Anregung für ein Geschirrtrockengestell, so wie ein gelbes Reclamheft mit E.O. Plauens Vater-Sohn-Cartoons dem ebenso gelben Schulmöbel zugeordnet ist.

Das Design von Konstantin Grcic wird die Weltprobleme nicht lösen, doch an verschiedenen Stellen Anstöße vermitteln. Wer dabei zu weich sitzt, schläft eher ein als dass er nachdenkt.

Konstantin Grcic. Panorama; Grassi Museum für Angewandte Kunst, Johannisplatz 5-11

bis 1. Mai 2016, Di-So 10-18 Uhr

Von Jens Kassner

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