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Karneval auf allen Kanälen: Die Frohsinns-Lawine ist nicht zum Aushalten – eine Polemik

Karneval auf allen Kanälen: Die Frohsinns-Lawine ist nicht zum Aushalten – eine Polemik

Feiste Männer mit Federboas und Blechorden sitzen aufgereiht hinter Pappmachéfässern wie nordkoreanische Humorscharfrichter. Frauen mit Obst auf dem Kopf simulieren gliederschmeißend Ekstase.

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Blick auf die Zuschauerreihen der Generalprobe von „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“, aufgenommen am 11.02.2015 im Kurfürstlichen Schloss in Mainz.

Quelle: dpa

Robuste Kinder von der Tanzgarde Sowieso trampeln Ballettähnliches in den Staub. Und vorne kämpft sich ein Ratinger Hauptschullehrer als „Dat Fimmännchen“ mitsamt einer verstimmten Ukulele durch Selbstgedichtetes.

Man weiß nicht, was schlimmer ist: seine suizidale Satzstellung, die holprigen Reime, das abenteuerliche Versmaß – oder die Tatsache, dass es in seiner koffeinfreien Mundartlyrik um Facebook geht. Als wolle er verzweifelt humoristischen Anschluss an die Gegenwart herstellen. „Dat Fimmännchen“ sagt „fotofiert“ statt „fotografiert“. Düsseldorf lacht mit toten Augen. Und dem verkniffenen Grinsen von Lokalpatrioten, die die zeitlich limitierte Ausgelassenheit mit dem Segen von Politik und Kirche für ihre staatsbürgerliche Pflicht halten.

Man gönnt Düsseldorf jeden Moment des Frohsinns. Aber ist es notwendig, weite Teile des öffentlich-rechtlichen Abendprogramms über Wochen mit lokalem Brauchtum zu fluten? Brauchtum auf dem Niveau einer Après-Ski-Party in Saalbach-Hinterglemm? Ist es erforderlich, 39 Millionen Fernsehhaushalten in mehr als 200 Programmstunden regionale Schrulligkeiten in den Schoss zu kippen?

„Wetten, dass ...?“ haben wir in Würde sterben lassen. Aber sobald sich irgendwo ein rheinischer Komiker, der einmal im Jahr aus dem Keller kommt, die Schnabelschuhe überstreift, reist das Fernsehen in Mannschaftsstärke an und rollt die Kabel aus.

Denn wo gibt‘s das schon noch? Wo haben Sexismus, Geschlechterklischees und mittelalterliche Machokultur noch eine Heimat? Wo sonst dürfen erwachsene Männer Zwölfjährigen auf die Beine starren? Wo sieht man noch Marionettenpantomime mit selbst gebastelten Aufziehschlüsseln am Rücken? Wo hört man noch Witze aus dem Holozän des Humors („Schwäbische Tomatensuppe? Heißes Wasser in einem roten Teller“ – Tätäh!)? Und wo sonst werfen sich stramme Sitzungspräsidenten derart devot vor örtlichen Honoratioren in den Staub? Hier, im Land des zwanghaften Lachens. „Wunderschönes Kostüm, lieber Thomas!“, säuselt der Düsseldorfer Zeremonienmeister Josef Hinkel in untertänigster Bewunderung in Richtung Oberbürgermeister Thomas Geisel. Der freilich guckt, als würde er sich die Sache mit der Oberbürgermeisterei lieber doch noch einmal überlegen.

Natürlich ist es wohlfeil, sich am Karneval abzuarbeiten. Er spaltet das Land ziemlich sauber in Gegner und Freunde. Man wird auf Geschmack und regionale Humorunterschiede verweisen, auf Traditionen und norddeutsche Leidenschaftsunfähigkeit. Oder auch auf die Fernbedienung. Aber muss uns selbst die „Tagesschau“ alljährlich wirklich mit dem „Rottweiler Narrensprung“ belästigen oder der „Allemannischen Fassenacht“ mitsamt „Fastnetsbutzerössle der Plätzlerzunft Altdorf-Weingarten“? Auf Nichtraucher nimmt man doch inzwischen auch Rücksicht.

Jedermann kennt diese angetüterten Onkels, die auf Familienfeiern ungefragt die Bespaßung übernehmen. „Der Karlheinz wieder ...!“, sagen die verlegenen Ehefrauend dann entschuldigend. Ist ja auch nicht schlimm, wenn der Karlheinz die Mischpoke mit Vierzeilern in die Flucht schlägt, während anwesende Teenager hinter ihrem Spezi-Glas in eine routinierte Duldungsstarre verfallen. Aber muss man den Karlheinzens dieser Welt unbedingt eine eigene Sendung geben?

Und nicht nur eine: In knapp 40 Sendungen – allein 24 im WDR und fünf in der ARD – ergießt sich bis zum Aschermittwoch Karnevalistisches über das ermattete Volk. Und das hat mehrheitlich längst die Nase voll: 55 Prozent von 1000 Befragten in einer frischen Emnid-Umfrage ist das Programm zu karnevalslastig. Nur 25 Prozent sind einverstanden. Selbst in Nordrhein-Westfalen ist die Ablehnung mit 43 Prozent hoch. In den nördlichen Bundesländern Niedersachsen, Bremen, Schleswig-Holstein und Hamburg beschweren sich 62 Prozent, in Berlin 70 Prozent.

Das Interesse lässt nach. Von den sieben großen 20.15-Uhr-Shows bei ARD und ZDF verzeichneten 2014 sechs einen Allzeit-Minusrekord. In drei Jahren verloren sie zusammen fünf Millionen Zuschauer. Der Marktanteil bei den Jüngeren lag bei kläglichen 2,5 Prozent. Das ZDF reagiert bereits und will im kommenden Jahr eine Übertragung streichen, der WDR hat sein Angebot in diesem Jahr leicht reduziert. Ein Anfang.

Bei der Düsseldorfer „Fernsehsitzung“ (auch so eine historische Vokabel) droht inzwischen der Tod durch Frohsinn. Eine Kapelle, die von jeder Altstadtfestschülerband locker an die Wand gespielt würde, kräht Kalendersprüche aus dem Partybedarf („Wer feiert, bleibt jung!“). Mit handwerklicher Entertainmentqualität oder Geschmacksfragen hat diese seltsame Subkultur nichts zu tun. Sondern allein mit Tradition. Tradition aber verschließt sich traditionell jedem Sachargument. Die Zahlen werden‘s richten. Und wo geht‘s jetzt bitte zur Bar?

Imre Grimm

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