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Keine Leichen unterm Apfelbaum: Performance über die Abnabelung von allzu netten Eltern

Lofft-Werkstatt Keine Leichen unterm Apfelbaum: Performance über die Abnabelung von allzu netten Eltern

Wie soll man sich von seinen Eltern emanzipieren, wenn die einfach zu nett und cool und aufgeschlossen sind? Auf der Werkstatt-Bühne des Lofft versuchen die beiden Endzwanziger Johanna Dähler und Simon Labhart zurzeit in „Der Rock meines Vaters“ die altersmäßig längst überfällige Rebellion.

23 Minuten Pink Floyd: Nicht einmal von der Musik ihrer Väter konnten sich Simon Labhart und Johanna Dähler befreien.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Zynisch ist es natürlich, in übersättigter (Kultur-)Landschaft ein Lamento darüber auf die Bühne zu bringen, dass es einem zu gut geht. Etwaigem Unverständnis beugen die Schweizer Performer der Top Ten Productions zur Leipziger Premiere ihres autobiografischen Abends „Der Rock meines Vaters“ vor, indem sie die Werkstattbühne des Lofft zielgruppengerecht öffnen: „Achtung: Nur für linke Mittelschicht!“, ist auf den Programmflyern vermerkt.

Johannas Papa hat diese Flyer gestaltet, von Simons Papa wiederum kam eine kräftige Finanzspritze für das Projekt. Blöd nur, dass sich die beiden darin ausgerechnet mit ihren 68er- und Ökovätern auseinandersetzen wollten, um sich von ihnen zu emanzipieren. Denn Kraft und Fortschritt wächst aus Widerstand und schließlich Überwindung des Alten, aber wie soll das gehen, wenn die Väter einfach zu cool waren, man anti­autoritär und stressfrei aufwuchs? Muss man sich für eine schöne Kindheit schämen?

Das Paradox der väterlichen Unterstützung wird vorsichtshalber zur kapitalistischen Übernahme umgedeutet: Aufkaufen, was mir gefährlich werden könnte. Die erneute Förderung von Papi für die Leipziger Vorstellungen wird ans Publikum per Liederquiz verspielt: Zu jedem erratenen Song präsentieren sie eine Anekdote aus ihrem, natürlich erziehungsbedingten popkulturellen Wissen. Und auch das Publikum offenbart nämliches, indem es die Klassiker zwischen „Smoke on the Water“, „Yesterday“ und „Oh Lord“ sofort erkennt. Überhaupt dürften sich viele in den Endzwanzigern Johanna Dähler und Simon Labhart gespiegelt sehen.

Der kurzweilige Anekdotenabend legt sein eigenes Scheitern im Versuch offen, mit den Vätern provokant umzugehen, bleibt stecken bei der unbeantworteten Frage: „Warum habt ihr mir keine Ellenbogen beigebracht?“

Die bürgerliche Hölle einer RBZ

Simon versucht sich an Radikalität, aber Demos haben lang nicht mehr den Geschmack von ’68: Im Zweifelsfall macht die Polizei deeskalierend Platz, mehr als ein paar Farbbeutel auf kapitalistische Fassaden sind nicht zu befürchten. Selbst diese Episode entpuppt sich nur als Bewerbungsmonolog für die Schauspielschule, dabei spürt Labhart noch am ehesten den Druck seiner poltischen Herkunft. Jede RZB, die er eingeht („Romantische Zweierbeziehung“ im 68er-Vokabular) riecht nach bürgerlicher Hölle, so etwas Banales wie Gefühle behindert die Revolution, die nie kommen wird.

„Du bist nicht im Guerilla-Krieg, also sei ruhig mal weich“, raunt Dähler im einzigen Ministreit des Abends, denn selbst diese Widersprüche kennt sie aus ihrer Ökofamilie nebst Plazenta-unterpflanztem Apfelbaum zur Geburt nicht. Als sich in ihrer Biografie dennoch Leichenabgründe und Vergewaltigung auftun, glaubt man zunächst an Traumata hinter grüner Fassade. Doch schließlich werden diese derart übertrieben, dass man absurdes Wunschdenken ahnt: Ach, hätte ich doch eine schlechte Kindheit gehabt. Doch es passiert nichts außer permanenter Bestätigung.

Wenn der Clou der Inszenierung ist, dass diesem Ausgebremst-Sein keine Konsequenz für die Zukunft folgt, dann ist dies einerseits in sich konsistent, andererseits unspektakulär ergebnislos. Wenigstens bekommt man hier im Theater endlich einmal die Chance, in aller Ruhe und voller Lautstärke einen 23-minütigen Pink-Floyd-Song auf sich wirken zu lassen.

Top Ten Productions Bern, weitere Vorstellungen Dienstag und Mittwoch, je 20 Uhr, Lofft (Lindenauer Mark 21), Karten für 8/5 Euro: 0341 35595510 und www.lofft.de

Von Karsten Kriesel

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