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Keine halben Sachen: Leipziger Buchpremiere mit Reimann und Schmidt

Konzert-Lesung Keine halben Sachen: Leipziger Buchpremiere mit Reimann und Schmidt

Sie saßen gemeinsam im Gefängnis – und fanden dort künstlerisch zueinander: der Dichter Andreas Reimann und der Pianist, Sänger, Komponist Hubertus Schmidt. Die ersten 50 Lieder, die Reimann für Schmidt geschrieben hat, sind in „Das ganze halbe Leben“ nachzulesen, Band drei der Reimann-Werkausgabe.

„Hast Du Deine CDs dabei?“, fragt Andreas Reimann (l.) vor der Buchpremiere den Komponisten seiner Lieder. „Nee, hast Du denn Deine Bücher mit?“ kontert Hubertus Schmidt. Nur eines: „Das ganze halbe Leben“. Um das geht es am Donnerstag in der Alten Nikolaischule.

Quelle: André Kempner

Leipzig. „Seit ich wieder aus dem knast bin,/ ich ein vielberufner gast bin“, singt Hubertus Schmidt am Klavier, „ich für keinen mehr phantast bin./ Irgendwer/ flüstert schwer:/ ,Du bist revolutionär!’“ Zu diesem Lied müsse man vorher nichts sagen, „es steht alles drin“. Der Text stammt von Andreas Reimann, beide zusammen bestreiten die Buchpremiere für den dritten Band der Reimann-Werkausgabe, die in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung erscheint, unterstützt von der Andreas-Reimann-Gesellschaft und der Leipzigstiftung.

Sie sind am Donnerstag auch deshalb gemeinsam in die Aula der Alten Nikolaischule gekommen, weil der Band „Das ganze halbe Leben“ neben Gedichten die „ersten 50 Lieder aus der Sammlung Hubertus Schmidt“ enthält. In späteren Jahren hat Reimann (70) für Bettina Wegner, Stephan Krawczyk und die Band Lift gedichtet, Schmidt (66) aber habe die ersten und mit Abstand die meisten seiner Texte vertont. Wer da wen inspiriert oder überredet haben soll, bleibt auch an diesem Abend umstritten, fest steht, dass es die gemeinsame Zeit im Gefängnis in Cottbus war, in der sie künstlerisch zueinander fanden. Damals, kurz nach dem „Prager Frühling“.

Fünf Jahre nach der Entlassung konnte 1975 Reimanns erster Lyrikband erscheinen: „Die Weisheit des Fleischs“, 1979 dann „Das ganze halbe Leben“, dessen Gedichte aus den Jahren 1971 bis 1976 stammen. Verändert habe er nichts für diese aktuelle Neuauflage, „weil ich es unlauter finde, im Nachhinein das eigene Werk irgendwie historisch zurechtzurücken“. Das muss er ohnehin nicht. Die Gedichte haben die Haltbarkeit des Schmerzes wie der Lust: Sie können einem jederzeit passieren. „Ist’s ein leben im geringen,/ ist’s doch kein geringes leben.“

„Leicht sein ist schwer“

In der Aula gegenüber der Nikolaikirche gibt es keine Scheinwerfer und also auch kein Scheinwerferlicht, was dem zurückhaltenden Auftreten Reimanns ebenso entspricht, wie es seiner Bedeutung nicht gerecht wird. Die Fenster zum Hof der Revolution müssen geschlossen werden, weil Lärm heraufdröhnt, es klingt nach Junggesellenabschied. Ausgerechnet als Reimann die „Bitte im Frieden“ vorträgt: „Leise ist leichter./ Leicht sein ist schwer.“

In allen Zweifeln liegt etwas Verlässliches, alle Fragen halten Kontakt zur Welt – und sei es in der Hoffnung auf Antworten. Für Reimann stellen die Texte auch dar, „zu welchen Formen der Albernheit wir in der Lage waren“. Im Lied „Von den Rhinozerossen“ schlüpfen die Nashörnchen (die nahe Verwandte der Eichhörnchen sind), Schildkröte Isabell kann fünfhundert Jahre weit laufen, „Und bin ich dreihundert jahre gelaufen,/ so muß ich mir neue schuhe kaufen./ Da laufe ich lieber gleich gar nicht mehr:/ ich bin ja schließlich kein millionär!“

Schön böse sind sie oft, die Gedichte und Lieder. Das von der „Kirche Sankt Bertolt am Schiffbauerdamm“ oder „Das mir meine Liebe singt“ und besonders „Angesichts der alten Männer“. Dazu erzählt Schmidt die Geschichte, wie er Reimanns Text eingereicht hat für die Teilnahme an den Chansontagen in Frankfurt/Oder, wie es Probleme gab, weil der Vater des zuständigen Zensors Missfallen finden könnte am Thema Impotenz, weil er doch selbst ... Und wie die Kommission sich dann doch nicht nachsagen lassen wollte, bei Impotenz an die standhaften Genossen vom ZK gedacht zu haben. „Die herzlichen, wackligen männer, mein lieb,/ verkünden ihr tot-sein als lebensprinzip.“

Der Dichter und der Sänger machen keine halben Sachen, zeigen das Wort in seiner Schönheit, der Musik in ihrer Direktheit. Zum Vorschein kommt das Erbe, vom Lärm der Zeit bedroht. Umso bedeutsamer ist es, dass diese Werke wieder zu haben sind. Elf Bände sind derzeit geplant, Nummer vier könnte im Frühjahr erscheinen.

www.reimann-lyrik.de

Andreas Reimann: Das ganze halbe Leben. Gedichte. Connewitzer Verlagsbuchhandlung; 144 Seiten, 20 Euro

Von Janina Fleischer

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